06.07.12

Karibik

Ein Delfin wird zum besten Freund des Menschen

Delfine sind normalerweise Herdentiere, doch in der Karibik ist zwischen einem wilden Delfin und einem Tauchlehrer eine Freundschaft mit Tiefgang entstanden. Gemeinsam erleben sie Abenteuer.

Foto: Random House

Um den Delfin und Bereiche seines Reviers zu schützen, wurde ein Teil des Küstenriffs vor Providenciales von der Regierung zum Nationalpark erklärt
Um den Delfin und Bereiche seines Reviers zu schützen, wurde ein Teil des Küstenriffs vor Providenciales von der Regierung zum Nationalpark erklärt

Zuerst war es nur ein dunkler Schatten, dann tauchte eine graue Rückenflosse auf, die das türkisfarbene Wasser durchschnitt. In hohem Tempo schoss der große Körper auf einer Kreisbahn um mich herum, sodass mir fast schwindelig wurde vom Zuschauen.

Mein Herz klopfte bis zum Hals, ich hielt den Atem an, obwohl ich natürlich wusste, dass es sich bei dem fremden Wasserwesen nicht um einen meterlangen Hai, sondern um einen wild lebenden Delfin handelte.

Aber so ähnlich muss es sich wohl anfühlen, wenn man damit rechnet, aus der Tiefe des Meeres angegriffen zu werden. Doch ich wurde von dem spielfreudigen Tier nur auf meine Wassertauglichkeit geprüft. Denn der Delfin, der da um mich herumschwamm, kennt sich gut mit Menschen aus und ist sogar recht verwöhnt, was das Herumtollen und Spielen mit unserer Gattung angeht.

Keine gute Basis für eine tiefe Freundschaft

Nach kurzer Zeit fand er mich wohl einfach nur langweilig, wie ich so dastand im hüfthohen Wasser, langsam mich drehend um die eigene Achse, stocksteif. Keine besonders gute Ausgangsbasis für eine tiefe Freundschaft mit JoJo, dem wilden Delfin von Providenciales.

Ich kenne viele Menschen, die beim Schwimmen mit Delfinen wunderbare Erfahrungen gemacht haben. Kontaktaufnahme, Seelenverwandschaft, Erweckungserlebnis – es gibt kaum ein Tier auf diesem Planeten, das bei Menschen eine solche Begeisterung auslösen kann wie diese Meeressäuger.

Die Tiere sehen mit ihrem immer freundlichen Gesichtsausdruck und ihren wachen Augen aber auch genauso aus, wie man sich ein Wesen für einen interspeziellen Kontakt vorstellt.

Abgetaucht im tiefen Blau des Meeres

Ein anderer hat sich da sehr viel besser angestellt als ich und das Vertrauen dieses Delfins gewonnen. Dean Bernal, kalifornischer Tauchlehrer und Weltenbummler, hatte bereits vor Jahren das karibische Eiland Providenciales und den dort lebenden Delfin JoJo für sich entdeckt – und war geblieben.

Er hatte keine Kommunikationsprobleme mit dem Großen Tümmler und verschwand mit JoJo für viele Stunden aus der Welt der Menschen im tiefen Blau des Meeres. Dean Bernals Leben wurde durch diese Begegnung für immer verändert.

Der Kalifornier hat über die Jahre auf der Insel Tagebuch geführt. Fast täglich war er mit JoJo unterwegs, weder Wind noch Wetter konnte die beiden davon abhalten, ihre Ausflüge zu machen.

Aus seinen mehr als 3500 Seiten Notizen ist jetzt ein Buch entstanden, das diese erstaunliche Freundschaft von Mensch und wildem Tier auf wunderbare Weise beschreibt.

JoJo ist ein besonderer Delfin

Kennengerlernt haben sich die beiden auf den ausgedehnten Schwimmausflügen, die Dean Bernal bei seinen Besuchen auf der Insel unternahm. "Drei junge Delfine schwammen immer wieder mit allerlei Pfeif- und Klicklauten an mir vorbei. Einer fiel mir auf, weil er meinen direkten Blickkontakt suchte und weil in seinen Augen etwas beinahe Wissendes zu liegen schien."

Dieser Delfin war JoJo, so nannte ihn Dean, und diesen Namen sollte er behalten. Nur er überlebte die nächsten Jahre und wurde zu Dean Bernals Freund und Begleiter. Auf der ganzen Welt findet man nur ganz wenige Exemplare der Delfine, die das Leben als Einzelgänger dem Leben in der Gruppe vorziehen. JoJo ist einer von ihnen.

Dean Bernal ist sich bewusst, dass ihm mit dieser Freundschaft ein besonders Geschenk zuteil geworden ist. In seinen Worten und Geschichten kommt die Dankbarkeit darüber immer wieder deutlich zum Ausdruck.

Abenteuer und Wunder

Gemeinsam erlebte Dean mit JoJo in den Weiten des Ozeans Abenteuer und Wunder – in einer Intensität, wie kaum ein anderer Mensch zuvor. Wie beispielsweise jene Begegnung mit einem Wal-Baby nebst Mutter, die durch die Anwesenheit des Delfins zu etwas ganz Besonderem wurde.

"JoJo begann Kreise um das Wal-Kalb zu ziehen, die immer enger wurden, bis das Jungtier schließlich nur noch Zentimeter von mir entfernt war. Wann immer das Kleine abzutauchen versuchte, hielt JoJo dagegen und versperrte den Weg. Die Mutter kam so nah heran, dass sie mit jeder Bewegung ihrer gigantischen Flossen einen für ihre Bedürfnisse ausreichend engen Kreis um ihr Kind ziehen konnte ... erst nach und nach wurde mir klar, was ich da erlebt hatte, es war ein kostbarer Moment in der Kinderstube der Wale, der mich mit geradezu überirdischer Freude erfüllte."

Völlig erschöpft und traumatisiert

Neben den glücklichen Momenten gab es in den Jahren der Freundschaft aber auch Sorgen und Nöte, die die Beziehung der beiden begleiteten. So musste Dean Bernal den Delfin mehr als einmal aus lebensbedrohlichen Situationen retten.

Im Laufe der Zeit verletzte JoJo sich immer wieder an Bootsschrauben oder den Kanten der Jet-Ski. Kaum weniger dramatisch endete ein Ausflug des Delfins, bei dem er sich in einem Schildkrötennetz verhedderte. Er drohte zu ertrinken, weil er als Säugetier die Luft zum Atmen braucht, genauso wie wir Menschen.

"Schildkrötennetze sind ein Geflecht aus einfädigen Kunststofffasern, dünn wie Angelschnur. In die zähe Haut eines Delfins schneiden sie so leicht, wie eine Gitarrensaite ein hartes Ei zerteilen würde. Kein Lebewesen hat eine Chance, sich aus diesem Geflecht zu befreien. Es kann dann nur noch versuchen, an der Oberfläche zu bleiben, um Luft zu bekommen. Was für eine Wahl JoJo da zu treffen gehabt hatte – an der Oberfläche zu bleiben und von der Sonne verbrannt zu werden oder im Schutz des Wassers zu bleiben und zu ertrinken. Mein armer Freund war völlig erschöpft und auch traumatisiert."

Ein exklusives Reiseziel

Wenn man die 300 Seiten des Buches "JoJo und ich" gelesen hat, dann ist man abgetaucht in die Welt des Delfins und des Meeres an einem der schönsten Orte der Welt. Providenciales gehört zu den Turks- und Caicos-Inseln, etwa 900 Kilometer südöstlich von Miami und 160 Kilometer nördlich der Dominikanischen Republik.

Die kleine Insel hat sich in den vergangenen Jahren zu einem exklusiven Reiseziel entwickelt. Über Miami erreicht man Providenciales in einer guten Stunde. Neben vielen Mietvillen und -häusern gibt es einige Fünfsternehotels, darunter das "Amanyara" aus der Aman-Gruppe und das "Parrot Cay" Hotel.

Seminare statt Schwimmausflüge

Heute schwimmt Dean nicht mehr so oft mit JoJo. Er reist stattdessen um die Welt, um andere Menschen an der einmaligen Freundschaft teilhaben zu lassen und darüber auf Vorträgen und Seminaren, Krankenhäusern und Therapiezentren zu erzählen. Mit seinem Schulprogramm, das die Freundschaft von Mensch und Delfin als Beispiel nutzt, um Kindern ein achtsames Miteinander zu vermitteln, erreicht er inzwischen junge Menschen von Amerika bis Japan.

Darum kann man vor Ort nicht mehr so häufig dem faszinierenden Zusammentreffen von Dean und seinem JoJo beiwohnen, das fast einem Ritual gleicht. Leider. Doch ich habe es immer vor Augen.

So als gäbe es da eine geheime Absprache der beiden, kommt der Delfin angeschwommen, wenn sein menschlicher Freund knietief im Wasser steht. Nach einer kurzen Begrüßung ohne Worte setzt sich Dean seine Taucherbrille auf, zieht die Flossen an und schwimmt los, neben ihm JoJo.

Man spürt die Vorfreude der beiden förmlich in der Luft, Vorfreude auf die Zeit zusammen im Meer. Und dann schwimmen sie davon, irgendwann sind sie nur zwei Punkte im tiefen Blau. Winzige Wesen im riesigen Ozean, die etwas ganz Großes miteinander erleben dürfen.

JoJo hat für Nachwuchs gesorgt

Auch ich möchte Dean dabei helfen, die wunderbare Geschichte seiner Freundschaft in die Welt zu tragen und drehe deshalb einen Dokumentarfilm über die beiden. Noch in diesem Jahr hoffe ich, Dean und JoJo mit der Kamera ins Meer begleiten zu können.

Vielleicht treffen wir dann auch auf JoJos Delfin-Freundin und das gemeinsame Kind – nach vielen Jahren als Einzelgänger hat er nämlich eine Familie gegründet, mit der er die Karibik erkundet. Vielleicht wird das Jungtier, das Dean Bernal Mojo nennt, auch irgendwann einen menschlichen Freund haben und die Geschichte wiederholt sich.

Carola Ferstl ist Wirtschaftsexpertin beim Nachrichtensender N-TV.

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