04.07.12

Ökourlaub

In Costa Rica auf der Suche nach den Roten Aras

Der Nationalpark Corcovado im Südwesten des Landes ist besonders artenreich. Unser Autor begegnete dort exotischen Tieren sowie einem fliegenden Schwein – und erlebte am Ende eine Überraschung.

Von Meiko Haselhorst
Foto: picture alliance / All Canada Ph

Der Nationalpark Corcovado macht knapp die Hälfte der Península de Osa im Südwesten von Costa Rica aus.

10 Bilder

Fasziniert beobachtet sie einen Reiher, der sich ein paar Meter vom Steg entfernt auf einer Insel aus Schwimmpflanzen niedergelassen hat. Der weiße Vogel ist so elegant wie die Dame selbst.

"Hier gibt's auch Krokodile", sage ich und nehme einen Schluck vom warm gewordenen Nationalbier Imperial. Ziemlich ungerührt lässt die Frau ihren Blick über den trägen Fluss schweifen. Sie glaubt mir nicht. Sekunden später schickt sie einen spitzen Schrei in die flirrende Nachmittagshitze.

Ein großes Krokodil streckt seinen Kopf aus dem Wasser und wirft sich einen Fisch in der Schnauze so zurecht, dass es ihn der Länge nach verschlingen kann. Ein vier Meter langer Körper mit gezacktem Schwanz wird sichtbar. Dann versinkt das Tier wieder in den braunen Fluten. Der Reiher schaut beeindruckt, die Dame auch.

"Reiher und Krokodile – alles schön und gut", denke ich mir. Mir steht der Sinn nach etwas anderem: Ich träume von einer Begegnung mit dem Vogel, der für mich seit frühester Kindheit, seit "Robinson Crusoe" und "Peter Pan", der Papagei schlechthin ist: Ich möchte einen Roten Ara sehen, und zwar in freier Wildbahn. Und hier soll es diese Könige unter den Papageien geben.

In den Bäumen tummeln sich 367 Vogelarten

Das kleine Boot ist da. Es wird mich von der Kleinstadt Sierpe in die Bahía de Drake auf der Península de Osa bringen, in einen abgelegenen Winkel Costa Ricas. Der Nationalpark Corcovado macht knapp die Hälfte dieser Halbinsel im Südwesten des Landes aus.

Das 56.930 Hektar große Gebiet steht seit 1975 unter Naturschutz und beherbergt den einzigen ursprünglichen Tieflandregenwald des Landes. Der Nationalpark ist ein Juwel für Natur- und Tierliebhaber und wurde von "National Geographic" als einer der "biologisch intensivsten Orte der Erde" bezeichnet.

Etwa 500 Baumarten sind zu finden. In den Kronen tummeln sich – abgesehen von zahlreichen Affen-Spezies – 367 Vogelarten. Unter ihnen auch meine geliebten Aras. 140 Säugetierarten, von Jaguar bis Ameisenbär, bevölkern den Boden. Und zwischen Land und Wasser pendeln 177 verschiedenartige Amphibien und Reptilien.

Ein undurchdringliches Labyrinth aus Lianen

Einsame Buchten und Wasserfälle laden auch außerhalb des Parks zum Baden und Träumen ein – abgesehen vom Ara ein weiterer Grund dafür, warum ich der Bahía für ein paar Tage meine Aufwartung machen will. Das paradiesische Fleckchen Erde ist nur per Boot oder Kleinflugzeug zu erreichen.

Ich habe mich fürs Boot entschieden, weil ich mir die Mangroven anschauen möchte. "Es ist Flut, wir nehmen eine Abkürzung", sagt unser Capitán Carlos. "Ist auch die schönere Strecke." Spricht's, macht eine abrupte Kurve nach rechts und hält auf das augenscheinlich undurchdringliche Labyrinth aus Stämmen, Lianen und Luftwurzeln zu.

Carlos beherrscht seinen Job – wo seine Passagiere nur Dickicht sehen, erkennt er einen Weg. Im Wasser vor uns nimmt etwas Größeres mit einem Schwall Reißaus, einige Mücken stürzen sich hungrig auf die Durchreisenden, ansonsten sind bei Flut kaum Tiere zu sehen.

Ich blicke mich um, lausche dem leisen Tuckern des Außenborders und schaue ab und an blinzelnd auf die tief stehende Sonne, die durch die Stämme lugt. Ein lugender Ara wäre mir lieber – aber ich hab' ja noch Zeit.

Papageien suchen sich ihre Schlafplätze

Eine halbe Stunde später verlässt unser Boot den Märchenwald wieder, und wir befinden uns auf der Mündung des Rio Sierpe. Zum ersten Mal seit Stunden weht mir frische Luft ins Gesicht. Und ein Hauch von Salz.

Das Boot kämpft sich durch die Brandung, schaukelt auf dem offenen Meer noch ein halbes Stündchen gen Süden, fährt am kleinen Hauptort Agujitas vorbei und hält kurz danach auf den mit Kokospalmen bestandenen Strand von Las Caletas zu.

Ich ziehe meine Turnschuhe aus, kremple meine Jeans hoch und springe aus dem schaukelnden Boot in das knietiefe und lauwarme Wasser. Carlos legt meinen Rucksack am Strand ab, steigt wieder ins Boot und verabschiedet sich.

Die Sonne ist bereits im Meer versunken, der Himmel färbt sich orange. Die riesigen Fregattvögel ziehen am Himmel ihre Kreise. Dann auf einmal ein Höllenspektakel. Ara-Alarm? Nein. Rotstirnamazonen – eine andere Papageien-Art – kommen in großen Schwärmen von den Bergen zur Küste hinab, um hier ihre Schlafplätze aufzusuchen.

Träume von roten Papageien

Die Amazonen sind nicht die Einzigen, die hier ihren Schlafplatz haben. Auch ich verbringe hier die kommenden Nächte: in der "Las Caletas Lodge", auf einer kleinen Waldlichtung an einem Hang.

"Du kommst passend – das Abendbrot ist fertig", sagt José, nimmt mir den Rucksack ab und zeigt mir meinen Platz an der Tafel. "Hast allerdings gerade zwei Aras verpasst – aber die kommen bestimmt wieder."

Ein paar andere Ökotouristen aus Neuseeland, Belgien und den USA sitzen mit mir am Tisch. Alle haben die Aras gesehen. Und alle versichern mir, dass ich sie auch bald sehen werde.

Nach dem Essen ein bisschen Small Talk, dann will ich lieber noch ein Stündchen für mich sein. Mit einem Gin Tonic in der Hand liege ich in der Hängematte und schaue in den Sternenhimmel.

Von unten ist die Brandung zu hören, aus dem Wald kommen geheimnisvolle Geräusche. Nur eine Spezies ist leicht zu identifizieren: Brüllaffen. Ich gehe in meine Hütte, lausche noch ein wenig der fremden Welt, schlafe ein und träume von roten Papageien.

Rotes Aras sind sich ein Leben lang treu

Die meisten Touristen brechen von Las Caletas aus zu ihren organisierten Ausflügen auf. Die einen fahren in den Corcovado, wollen Vögel beobachten, andere gehen nachts in den Wald – um Spinnen und andere unsympathische Tiere zu sehen.

Mein Herz müsste einen Vogel haben. Um Rote Aras zu haben, muss ich nicht bei Dunkelheit in den Wald latschen – die gibt es auch tagsüber in den Bäumen am Strand. Und genau dort verbringe ich die ersten Tage.

Ich liege mutterseelenallein in der Sonne, gehe schwimmen, freue mich über das dichte Grün des Regenwaldes, das sich bis an den Strand hinunterzieht. In einem Papageienbuch lese ich, dass Rote Aras monogam sind, ein Leben lang zusammenbleiben und sich auch dann nicht neu binden, wenn der Partner stirbt. Wahre Liebe.

Ich esse Obst, amüsiere mich über die emsigen Einsiedlerkrebse, staune über die Basilisken, die auf zwei Beinen übers Wasser laufen und dabei wie kleine Dinosaurier aussehen.

Einmal läuft mir ein Nasenbär fast über die Füße, an einem anderen Tag turnt eine Gruppe Kapuzineräffchen durch die Baumkronen, einige kommen herunter und ganz dicht heran, versuchen mit einem Stein eine Kokosnuss zu öffnen, die drei Meter vor mir liegt.

Per Bus auf der Suche nach den Vögeln

Und was ist mit den Roten Aras? Am ersten Tag Fehlanzeige. Am zweiten und dritten auch. Der Belgier macht sich beim gemeinsamen Abendbrot schon über mich lustig, nennt mich den "Deutschen, vor dem sogar die Papageien Angst haben".

Ein frisch hinzugekommener Däne legt mir lachend sein Bestimmungsbuch vor die Nase und schlägt eine Papageienseite auf. "So sieht ein Roter Ara aus – falls du es noch nicht weißt." Sehr lustig.

"Der Bus nach Puerto Jiménez fährt in fünf Minuten direkt hier ab", sagt der alte Mann mit dem Cowboyhut und der Machete. Ich bin durch den Wald nach Agujitas gegangen, habe mich entschlossen, an meinem vierten Tag einen Ausflug auf die andere Seite der Halbinsel zu machen. Vielleicht haben die Aras sich dorthin verzogen, wer weiß?

Die Tour mit dem klapprigen, aber robusten Fahrzeug führt durch dichten Regenwald und durch Täler mit einzelnen bis zu 70 Meter hohen Ceiba-Baumriesen. Der Kleinbus fährt durch kleine Blechhüttendörfer und halb ausgetrocknete Flussbetten. "In der Regenzeit kann man hier nicht langfahren – da muss man die Flüsse durchschwimmen, oder man nimmt das Pferd", sagt der Mann mit der Machete.

Sehnsucht nach Brandung und Brüllaffen

Abends mache ich einen Spaziergang durch die 1700-Seelen-Stadt Puerto Jiménez. Die stickige Hitze ist einem lauen Lüftchen gewichen, der Duft nach Meeresfrüchten und nach Gegrilltem zieht durch die Straßen.

Das Fernsehen überträgt ein wichtiges Fußballspiel, aus allen Kneipen dringen die Schreie der Männer. Sie wetteifern mit den stampfenden Cumbia-Klängen, zu denen die etwa 20 Frauen im Gemeindehaus ihre Körper bewegen. Als sie den neugierigen Gast am Fenster entdecken, fordern sie ihn zum Mitmachen auf.

Ich winke lachend ab, schaue lieber noch ein wenig den Nachtanglern am Steg zu und trinke ein Bier. Dann gehe ich schlafen. Die Unterkunft ist gut, aber ich vermisse Brandung und Brüllaffen. Von Roten Aras ganz zu schweigen. Auch hier scheinen sich meine Lieblingspapageien vor mir zu verstecken.

Eine Amerikanerin stürzt sich auf Delfine

Am sechsten Tag – meinem letzten – ziehe ich den Trumpf aus dem Ärmel: Ich investiere 100 Dollar und nehme an einer geführten Tour in den Nationalpark teil. Wäre doch gelacht, wenn es jetzt nicht klappt.

Frühmorgens steige ich ins Boot und fahre anderthalb Stunden die Küste entlang. Der Dunstschleier über den grünen Hügeln verzaubert mich. "Delfine", ruft unser Capitán und drosselt die Geschwindigkeit. Fünf oder sechs Meeressäuger springen direkt neben dem Boot aus dem Wasser.

Eine amerikanische Touristin will unbedingt mit ihnen schwimmen und springt übermütig ins Meer. Doch die Tiere haben keine Lust auf Spielchen und verschwinden wieder. "Wir sind hier halt nicht bei 'Flipper'", raunt der Capitán.

Ein Schwein fällt vom Himmel

In der schwülen Hitze des Corcovado sehe ich Tukane und Kolibris, nehme ein Bad im kristallklaren und kühlen Fluss und besuche die biologische Station. Ein englischer Fernsehsender dreht gerade eine Dokumentation über den Nationalpark.

Dann, auf dem Rückweg, passiert es: Ein kleines Wildschwein fällt vom Himmel. Flugschweine sind selbst unserem Guide Edwin unbekannt. Vorsichtig schauen wir nach oben. Auf einem Ast, kaum vier Meter über unseren Köpfen, streckt sich ein riesiger Puma, "der größte, den ich hier je gesehen habe", wie Edwin uns später erzählt.

Eine Weile stehen wir mit offenen Mündern da. Bevor der Puma auf die Idee kommt, wir könnten ihm seine Beute streitig machen, ziehen wir uns zurück.

Beim Abendbrot ist die Raubkatze natürlich das große Thema. Nur ich bin ein bisschen traurig: Da verbringt man sechs Tage in der Bahía de Drake und sieht nicht einen einzigen Ara. Andererseits – Krokodile, Affen, Delfine, Raubkatzen und senkrecht fliegende Schweine sind ja auch nicht zu verachten. Und wenn ich Aras sehen will, fahre ich halt wieder in den Vogelpark Walsrode …

Ein ohrenbetäubendes Krächzen im Baum

Lodge-Betreiber David reißt mich aus meinen Gedanken: "Und? Wie hat es dir bei uns gefallen?" Gut natürlich. Am liebsten, so lasse ich ihn wissen, würde ich noch einen Tag länger bleiben und noch mal an den Strand runtergehen. "Warum machst du es nicht?", fragt David. "Bleib doch einfach bis morgen und nimm am Nachmittag die Propellermaschine nach San José!"

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen gehe ich an den Strand, lege mich in den Schatten eines Baumes und schlafe ein. Ein ohrenbetäubendes Gekrächze weckt mich. Mit halb geschlossenen Augen blicke ich blinzelnd ins Grün über mir. Ein paar rote Flecken bewegen sich dort. Ich reiße die Augen auf.

Acht Aras turnen wenige Meter über mir in den Zweigen, knabbern an den Früchten der Uva Caleta und schnäbeln miteinander. Mein Herz rast. Minutenlang schaue ich dem Treiben der Vögel zu.

Langsam greife ich zur Kamera. Als es "klick" macht, fliegen die Aras unter lautem Geschrei in den blauen Himmel davon. Was für ein Anblick. Verdattert, aber glücklich sehe ich ihnen hinterher. Walsrode kann warten.

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Tipps für Costa Rica
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Iberia oder KLM von Düsseldorf und Frankfurt mehrmals wöchentlich nach San José. Die Weiterreise von der Hauptstadt nach Palmar Sur erfolgt mit dem Überlandbus. Von dort geht es mit dem Taxi zum kleinen Hafen von Sierpe und dann mit dem Boot in die Bucht Bahía de Drake.

  • Unterkunft

    Billigunterkünfte oder Luxus-Lodges – auf der Península de Osa findet der Urlauber alles. In Agujitas, dem Hauptort der Bahía de Drake, gibt es jede Menge namenlose Unterkünfte ab 15 US-Dollar (die Cabinas „Manolo“ oder „Jade Mar“ liegen in dieser Preisklasse).

    In einer anderen Liga spielt die „Lapa Rios Ecolodge“ (www.laparios.com). Sehr nahe an der Nationalparkgrenze gelegen, kostet die teuerste Suite rund 700 Dollar pro Nacht, andere Zimmer sind allerdings auch dort erheblich günstiger.

  • Auskunft
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