22.06.12

Indischer Ozean

Die sagenumwobene Coco de Mer auf den Seychellen

Auf der Seychelleninsel Praslin wächst die Coco de Mer. Die Meeresnuss ist, nicht nur wegen ihrer Größe, weltweit einzigartig. Sie wurde als Statussymbol gehandelt und galt als Frucht der Versuchung.

Foto: picture alliance / WILDLIFE

Die Frucht der Seychellenpalme, die Coco de Mer, gilt als weltweit größte Kokosnussart und erhielt ihren Namen durch ein Missverständnis. An verschiedenen Stellen des Indischen Ozeans wurde sie vereinzelt angespült. Da man sich die Herkunft nicht erklären konnte, nahm man an, dass diese Nuss unter Wasser wachsen würde.

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In stürmischen Nächten, wenn niemand wagt, in den Wald zu gehen, soll es passieren: Die Meeresnusspalmen feiern Hochzeit. Dann paaren sich die männlichen Palmen, deren Blütenstand aussieht wie ein meterlanger Penis, mit den weiblichen Palmen, ihre Samen gleichen einem mächtigen Frauen-Schoß.

Wer dabei zusehe, so heißt es, müsse sterben. Was an diesen stürmischen Nächten im Wald passiert, weiß tatsächlich niemand. Ist es der Wind oder sind es Eidechsen und Insekten, die bei der Befruchtung helfen? "Wir arbeiten jetzt wissenschaftlich daran, es herauszufinden", sagt Biologin Frauke Fleischer-Bogley im Vallée de Mai, dem geheimnisvollsten Urwald der Welt.

Nur hier, im Herzen der Seychelleninsel Praslin, ist der Dschungel der legendären Coco de Mer aus einer Zeit übrig geblieben, als die Erde noch nicht von Menschen bewohnt war. Kreuz und quer im Dickicht riesenhafter gefächerter Blätter, die wie ein Dach vor Sonne und Regen schützen, strecken sich die schlanken Meeresnusspalmen senkrecht in die Höhe.

Die größten Samen im Pflanzenreich

An einem der Stämme hängen herzförmige, kürbisgroße Nüsse dicht gedrängt wie Trauben herab. "Sie werden erst mit 20 Jahren ausgewachsen sein, wenn sie zum ersten Mal blühen", sagt Biologin Frauke, die ihre Doktorarbeit über die Coco de Mer geschrieben hat.

"Erst dann können die bis zu 18 Kilo schweren Nüsse befruchtet werden." Sie sind die größten Samen im Pflanzenreich. Wenige Meter weiter ist im Blattwerk einer männlichen Palme das herausragende Gebilde eines Blütenpenis zu sehen.

Seit 15 Jahren forscht die 45-jährige engagierte Naturwissenschaftlerin, die aus Erfurt stammt und einen Seychellois geheiratet hat, im Vallée de Mai von Praslin. Das knapp 20 Hektar große Hochtal wurde zum Schutz der urzeitlichen Seychellenpalme 1966 Nationalpark und gehört seit 1983 zum Weltnaturerbe der Unesco.

Nur hier auf der Granitinsel Praslin und der kleinen Schwesterinsel Curieuse wächst die Coco de Mer. Ozeanische Granitinseln wie auf den Seychellen findet man sonst nirgendwo auf der Welt. "Deshalb ist unsere Natur so besonders", sagt Frauke.

Jedes neue Blatt braucht ein Jahr

Und auch der lange und langsame Lebenszyklus der Meeresnuss macht sie zu etwas ganz besonderem. Es dauert allein Monate, bis sie am Boden zu keimen beginnt und länger als ein Jahr, bis sich das erste Blatt entfaltet. Jedes neue Blatt braucht wiederum ein Jahr.

Es heißt, dass ein Meerespalmenbaum 800 Jahre alt werden könne. Das sei wissenschaftlich aber nicht belegt, meint die Biologin. Die älteste Palme im Vallée de Mai, 27 Meter hoch, sei 300 Jahre alt.

Jahrhunderte lang war die Herkunft der wundersamen Riesenfrucht mit den sinnlichen weiblichen Formen unbekannt. Die Bewohner der Malediven fanden sie angeschwemmt am Strand. Seeleute aus Europa und China sammelten sie an den Küsten Indiens, Indonesiens und Südafrikas auf.

Der portugiesische Weltumsegler Ferdinand Magellan berichtete bereits um 1520 von schwimmenden Nüssen, die an einem riesenhaften Baum auf dem Grunde des Meeres wüchsen. Manchmal sei die Baumkrone in flachen Buchten vor der javanischen Küste sogar sichtbar, aber wenn man hinuntertauche, verschwinde sie sofort.

Eine Frucht für die Erotik-Sammlung

Umso begehrter war die sagenhafte Nuss bei den Reichen und Mächtigen der Welt. Die Briten sollen damals eine Coco de Mer für 400 Pfund Sterling gehandelt haben, was heute geschätzten 70.000 Euro entspricht. In Japan galt die Frucht als heilig.

Dem in Prag residierenden Kaiser Rudolf II. von Habsburg, Haupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, soll eine Meeresnuss sogar 4000 Goldflorin wert gewesen sein, um sie seiner Erotik-Sammlung einzuverleiben. Die Sultane der Malediven jedenfalls wurden reich.

Die Schatzkammer im Dschungel von Praslin

Wie muss es wohl für Brayer du Barré gewesen sein, der 1768 als erster im Innern der Insel in den unberührten Dschungel vordrang und die sagenumwobene Coco de Mer entdeckte? Der französische Landvermesser war natürlich hellauf begeistert. Vor allem, weil er sich auf die gigantischen Einkünfte freute, die ihm die Nüsse bringen würden.

Er brachte sogleich 30 der kostbaren Samen an Bord und kehrte im Jahr darauf mit einem größeren Expeditionsschiff zurück, um die Schatzkammer im Dschungel von Praslin zu plündern. Ein rauschhafter Handel zwischen den Kontinenten begann, und es grenzt an ein Wunder, dass die Seychellenpalme nicht ausgerottet wurde.

Immerhin erhob ein britischer General namens Charles Gordon warnend seine Stimme, wenn auch eher aus religiösen Gründen. 1881 legte er in einer Schrift dar, dass es sich bei der urzeitlichen Palme um den "Baum der Versuchung" handele, wo Adam von Eva mit den erotischen Früchten in der Form eines weiblichen Beckens verführt worden sei.

Er fertigte eine Karte an, wonach der biblische Garten Eden sich über den Indischen Ozean bis zu den Seychellen zog. Und das Zentrum des Paradieses bildet der mythische Wald auf der Insel Praslin.

Pfade durch einen traumhaften Märchenwald

Heute führen verschiedene Pfade und Rundwege durch diesen Märchenwald, der mit 5000 Meeresnusspalmen und weiteren fünf typischen Palmenarten der Seychellen nichts von seiner geheimnisvollen Ausstrahlung verloren hat: Im Dämmerlicht des Dschungels legt der endemische Schwarze Papagei seine Eier in umgestürzten Palmenstämmen ab.

Manchmal hört man das Geschrei des Dickschnabelbülbüls. Mit ein bisschen Glück läuft einem ein kleiner Tenrek über den Weg, der aussieht wie eine seltsame Mischung aus Ratte und Igel.

Erst kürzlich hat ein Waldarbeiter eine neue Froschart entdeckt, den braunschwarzen fingernagelgroßen Soglossid. Angst braucht man in diesem wilden Dickicht zum Glück aber nicht zu haben. Gefährliche oder giftige Tiere gibt es hier nicht.

Die erste Ansiedlung auf dem Inselarchipel

Zwei Jahre nachdem Brayer du Barré die Meeresnusspalme entdeckt hatte, gründete er mit 26 Männern und Frauen 1770 die erste Ansiedlung auf dem unbewohnten Inselarchipel. Aber nicht auf Praslin, wie man vermuten könnte, sondern auf dem verwunschenen Eiland Sainte Anne nahe der größten Granitinsel Mahé. Sie pflanzten Bananenstauden, Kokospalmen, Gewürznelken, legten Reis- und Maisfelder an und waren von der Fruchtbarkeit auf der "Insel des Überflusses" überwältigt.

So geht es bis heute jedem Besucher, der einen Fuß auf die drei inneren Seychelleninseln Mahé, Praslin und La Digue setzt und die explodierende tropische Vegetation erlebt. Es sind nicht nur die traumschönen Sandstrände, gerahmt von rund geschliffenen Granitfelsen, die einen vor Bewunderung fassungslos machen, sondern auch die bis zu 1000 Meter hohen, dicht bewaldeten Berge auf Mahé, die ungewöhnlichen Pflanzen und Tiere, die Wärme und das türkisfarbene Meer.

"Ich bin vor 40 Jahren aus London hergekommen, um Ferien zu machen", sagt der Maler Michael Adams, "aber dann bin ich einfach hier geblieben". Der "Gauguin der Seychellen" wird der 75-jährige Brite mit weißem Hemingway-Bart genannt. Seine Bilder sind wie der Dschungel – ineinander verschlungenes wildes Wachsen, bis ins kleinste Detail.

Er lebt mit seiner Frau Heather im Südwesten von Mahé. Die Wände des verwinkelten Hauses sind mit gerahmten Gemälden des Künstlers bedeckt. Von der Decke hängt ein mannsgroßes Bananenbündel herab.

Ein Atelier im Privatdschungel

Es stammt aus dem 1400 Quadratmeter großen Garten der Adams, einem üppigen Bambuswald mit Zimt- und Takamakabäumen, rot blühenden Lianen und einem mächtigen Affenbrotbaum aus Thailand, den sie vor 25 Jahren gepflanzt haben. Oben zwischen ausladenden Ästen das Baumhaus der Tochter. Riesenschildkröten, frei umherlaufende Hühner und sechs Hunde vervollständigen das Leben in der Natur, das einem so märchenhaft vorkommt, dass man auch auswandern möchte.

Mitten in diesem Privatdschungel steht das Atelier von Michael Adams, ein mit Malutensilien und Bildern vollgestopftes Zimmer. "Ich bin auf den Seychellen geblieben", sagt Adams, "weil hier das Zentrum von Gondwanaland ist". Er kramt eine alte Karte aus einer Schublade. "So sah der Urkontinent vor ungefähr 200 Millionen Jahren aus."

Als die Erdteile Südamerika, Afrika, Asien, Australien und Antarktis herausbrachen, blieben im entstandenen Ozean die inneren Seychelleninseln stehen. "Ein kleiner eigener Kontinent und das Zentrum der Erde", sagt Adams. "Das ist der Grund, warum wir die Coco de Mer haben, die nirgendwo anders wächst auf der Welt."

Die Reise wurde unterstützt von Dertour.

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Tipps für die Seychellen
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Emirates via Dubai ab Hamburg, Frankfurt und München. Oder direkt mit Condor ab Frankfurt.

  • Unterkunft

    Insel Praslin: Constance Lémuria Resort, Suite ab 265 Euro pro Person mit Frühstück; Indian Ozean Lodge, DZ ab 112 Euro pro Person mit Frühstück; Insel Mahé: Anse Soleil Beachcomber, DZ ab 71 Euro pro Person mit Frühstück.

  • Preisbeispiele

    Individuell kombinierbare Reisebausteine können unter anderem über Dertour gebucht werden. Zum Beispiel Rundreise „Island Hopping“ auf die drei Hauptinseln Mahé, Praslin und La Digue mit sieben oder 14 Übernachtungen in Hotels nach Wahl, inklusive Transfers ab 980 Euro pro Person im Doppelzimmer. Tägliche Anreise möglich. Flüge können zu tagesaktuellen Preisen dazugebucht werden.

  • Auskunft

    Seychelles Tourist Office Tourist Office, Frankfurt, Tel. 069/29 72 07 89.

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