Äthiopien
Wenn sich Öko-Touristen auf Mursi-Krieger stürzen
Für ein paar Cent führen die Bewohner des Omo-Tals in Äthiopien Touristen ihre Bemalungen, Ziernarben und riesigen Tellerlippen vor. Die Folgen für die Stämme sind katastrophal.
Diese merkwürdige Ansiedlung erscheint mir selbst für afrikanische Verhältnisse abgelegen und provinziell. Bretterbuden und zweistöckige Häuser aus rohem Beton säumen die unbefestigte Hauptstraße der kleinen Stadt Jinka.
Zu ebener Erde wird Handel betrieben. Ein zwei Quadratmeter großer Holzverschlag dient als Getränkeladen und Losbude zugleich. Vor dem Vulkanisierschuppen quälen sich drei verschwitzte Männer mit einem blank gefahrenen LKW-Reifen herum. Vis-à-vis bietet eine afrikanische Mama billige chinesische Haushaltswaren aus Plastik an, und auf der kleinen, sandigen Landebahn, die mitten im Ort liegt, spielen Kinder Fußball.
Gleich daneben grasen Ziegen, und ein schwerer Laster mit abenteuerlicher Ladung kriecht durch Downtown Jinka. Auf den Straßen ist Leben und Musik.
Der kleine Ort im Süden Äthiopiens hat aber auch einen wohlklingenden Ruf unter Wissenschaftlern. Auf einem Berg am Stadtrand thront das South Omo Research Center unter Federführung des Max Planck Instituts und der Universität Kyoto. Für Ethnologen wie für Studienreisende ist Jinka der Ausgangspunkt ins Omo-Tal, der Gegend mit der weltweit größten Vielfalt an Ethnien auf vergleichbar kleinem Raum.
Im Meisterwerk der unterirdischen Feuer
Das South Omo Valley sei das Meisterwerk der unterirdischen Feuer, sagen die alten Schamanen. Das wollen wir uns genauer anschauen und brechen im ersten Morgengrauen auf. Nach zwei Stunden Fahrt durch das brütend heiße Tal erklimmen unsere acht klimatisierten SUV gut 700 Höhenmeter.
Das satte Grün aus Palmen und Bananenstauden kann jetzt nur noch in den mit Rinnsalen durchzogenen Bergtälern überleben. Die trockenen Hanglagen sind dagegen mit steppenartigem Gestrüpp bewachsen.
Immer wieder sehen wir Menschen eine endlose Straße herauf- oder herabgehen. Meist sind es Frauen und Kinder. Sie tragen schwere Lasten auf dem Kopf. Auf dem Land werden auch große Entfernungen fast ausschließlich zu Fuß bewältigt. Wer könnte sich hier, wo kein Bus fährt, eine Fahrkarte leisten?
Ein paar Birr fürs Fotografieren
Wir sind im Stammesgebiet der Dorze, einer kleinen ethnischen Gruppe mit 28.000 Mitgliedern. Wie aus dem Nichts taucht ein Dorf vor uns auf. Eigentlich gleicht es äußerlich mehr einer mittelalterlichen Festung mit einer Wand aus massiven Baumstämmen drum herum.
Die Bewohner bitten uns herein, in der Hoffnung, ein paar äthiopische Birr fürs Fotografieren oder für lokale Schnitzereien zu ergattern. Ein Birr entspricht ungefähr vier Cent.
Innen ist alles ganz eng mit Bambushütten zugebaut. Diese weltweit einzigartigen Behausungen sehen aus wie überdimensionale Bienenkörbe, sie sind fensterlos und an die zehn Meter hoch. Frauen kochen über offenem Feuer, welches die Räume gespenstisch flackernd ausleuchtet.
Totempfähle bewachen die Seelen Verstorbener
Der nächste Tag führt uns ins Reich der Konso. Keine ethnische Gruppe hat ihr Stammesgebiet auffallender geprägt als sie. Sie sind Meister des Terrassenbaus und trotzen so der oft kargen Natur erträgliche Ernten ab.
Ebenfalls charakteristisch für die Konso sind ihre Waka, hölzerne Totempfähle, die auf naive Art Menschen darstellen und auf fremde Augen recht gruselig wirken. Sie bewachen die Seelen der höhergestellten Persönlichkeiten, die zu ihren Füßen beerdigt liegen. Mit Tieropfern werden die Waka gütig gestimmt.
Gelegentlich sehen wir ein paar junge Frauen beim Ackerbau. Es sind schöne Menschen mit einem stolzen Antlitz. Sie tragen lediglich Röcke und auffallend viel Schmuck um den Hals.
Aluminiumplatten krönen die Häupter
Auf dem Markt im Ort Key Afer unten im Tal treiben gleich drei Stämme regen Handel untereinander. Die Ari, die Tsemay und die Banna. Sie unterscheiden sich mehr durch ihren Körperschmuck als durch ihre Physiognomie.
So tragen die Frauen der Tsemay viele Muschelketten, die Bannafrauen krönen ihre Häupter mit rechteckigen Aluminiumplatten, die sie auf dem Haar drapieren, welches mit Lehm und Butter kunstvoll in Form gebracht wird.
Auf dem Markt herrscht eine friedliche Atmosphäre, gehandelt wird vom Knopf über die Yaamwurzel bis hin zum Esel alles, was man so benötigt im Omo-Tal.
Ein Sprung über Bullen als Initiation
Den wohl schönsten Menschen begegnen wir fünf Autostunden weiter auf dem flachen und ausgedörrten Land. Renommierte Fotografen aus aller Welt widmeten ihnen schon opulente Bildbände. Es sind die groß gewachsenen Hamer mit ihren ausdrucksstarken und sinnlich-provokanten Gesichtern.
Der Bullensprung machte ihre Kultur über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Ein Initiationsritual. Mit dem Lauf über die Rücken aggressiver Bullen müssen Jünglinge beweisen, dass sie mutige Männer, sprich reif für die Ehe, geworden sind.
Ähnlich den Banna tragen auch die Hamer-Frauen roten Lehm und Butter im frisierten Haar. In ihren groben Röcken aus ledernden Häuten und ihrem teils massiven Schmuck wirkt das Volk recht archaisch. So treten sie leider auch auf, wenn sie energisch Geld fürs Fotografieren einfordern.
Je größer der Teller, desto schöner die Frau
In dieser Beziehung werden sie nur noch von den Mursi übertroffen. Die sogenannten Tellerlippen machten das kriegerische Volk mit weniger als 10.000 Angehörigen weltberühmt. Lediglich erwachsene Frauen tragen sie, und dabei gilt die Regel: Je größer der Teller, desto schöner die Frau.
Dazu wird die Unterlippe in der Pubertät fast ganz abgetrennt und eine kleine Tonscheibe in den Schnitt gesetzt. Die Mädchen müssen die Lippenteller, auch dhebi genannt, selbst töpfern und brennen. Theoretisch jedenfalls. Da die unteren Schneidezähne stören, werden sie kurzerhand herausgebrochen. Um die Lippe kontinuierlich zu dehnen, tauscht man die Scheibe über die Jahre durch jeweils größere aus.
Hart im Nehmen müssen Mursi auch bei der Skarifizierung sein. Durch das Beibringen von unzähligen Ziernarben stilisieren sie ihre Körper zu einem lebenden Kunstwerk.
Exzessive Körperbemalung und ausgefallener Schmuck, der zum Beispiel aus großkalibrigen Patronenhülsen besteht, macht aus den Menschen Galerien auf zwei Beinen. Diese lebendigen Kunstwerke verwandeln sich je nach Lust, Laune und Tagesform.
Das Todesurteil einer jahrhundertealten Kultur
Es scheint eine Ironie der Geschichte zu sein, dass gerade diese kulturelle Einzigartigkeit für das Sterben selbiger verantwortlich ist. Mit den ersten Touristen aus den reichen westlichen Industrieländern trafen vor wenigen Jahrzehnten zwei Welten aufeinander.
Schnell begriffen die Mursi, dass der Marktwert eines Fotoobjekts viel höher ist als der eines Ackerbauers oder Rinderzüchters. Das war das Todesurteil einer jahrhundertealten unwiederbringlichen Kultur.
Als die Einnahmen aus dem Fotogeschäft die der Landwirtschaft überstiegen, ließen viele Dorfgemeinschaften Mais- und Hirsefelder einfach brachliegen, stellten auch die Rinderzucht ein. Ja, selbst die Lippenteller stammen heute zunehmend aus chinesischer Produktion.
Von dem Foto-Geld werden bevorzugt Kalaschnikows, das Stück für 60 Euro aus dem Sudan, und Schnaps gekauft. Da aber Maschinenpistolen und Alkoholmissbrauch nun einmal eine denkbar schlechte Kombination sind, können Touristen nur in Begleitung von Soldaten der äthiopischen Armee ein Mursi-Dorf besuchen. Natürlich sind auch sie mit Kalaschnikows bewaffnet.
Öko-Touristen stürzen sich auf Mursi-Krieger
Was dann passiert, ist nicht mehr schön: Mit großen Kameras bewaffnete Öko-Touristen stürzen sich auf bereits wartende Mursi-Krieger, die für jedes Knipsen ein Birr fordern. Bei Gruppenfotos gilt der Preis übrigens pro Person.
Das Ganze findet in einer hochgradig angespannten Atmosphäre statt, sodass sich mehr und mehr Studienreiseveranstalter schweren Herzens entscheiden, diesen Programmpunkt zu streichen. Das wird das Aussterben der Mursi-Kultur zwar nicht mehr verhindern, aber hoffentlich verzögern.
Die Reise wurde unterstützt von Orientaltours.
















