16.05.12

Kanada

Beim Rodeo in Calgary beweisen Cowboys ihren Mut

Bullen bezwingen und Wildpferde reiten mit oder ohne Sattel: Die größte Rodeoshow der Welt, die Calgary Stampede, wird 100 Jahre alt – und ist weit mehr als ein Wettkampf zwischen Mensch und Tier.

Von Hendrik Breuer
Foto: Travel_Alberta

Berühmt ist Calgary vor allem für die "Calgary Stampede". Sie gilt als größte Freiluftrodeo-Show der Welt. Um dabei zu sein, reisen jährlich mehr als eine Million Besucher in die Stadt in der kanadischen Provinz Alberta.

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"Rodeo ist noch ein bisschen schlimmer als Eiskunstlaufen", sagt Jim Dunn. "Im Endeffekt bist du nicht nur den Punktrichtern, sondern auch noch dem Losglück ausgeliefert. Ohne Glück gewinnst du hier keinen Blumentopf!"

Dunn muss es wissen. Er war über 20 Jahre lang Rodeo-Profi, danach fast ebenso lange Punktrichter. Er hat Dutzende der großen Turniere in Kanada und den Vereinigten Staaten gewonnen und nach seiner aktiven Zeit die Top-Reiter bewertet.

Über zwei Millionen Dollar Preisgeld

Heute ist Dunn Betreuer von ausländischen Besuchern bei der Calgary Stampede, dem größten und prestigeträchtigsten Rodeo der Welt, das im Juli 2012 zum 100. Mal stattfindet. Über zwei Millionen Dollar Preisgeld gibt es bei der zehntägigen Stampede zu gewinnen.

Grund genug für Cowboys und einige Cowgirls aus ganz Nordamerika, nach Alberta zu reisen, um sich hier in verschiedenen Rodeo-Disziplinen zu messen: Wildpferdereiten mit oder ohne Sattel, Bullenreiten, Bullen-Niederringen, Kälberfangen mit Lasso sowie "Tonnenrennen", ein Parcoursritt. In der letztgenannten Kategorie sind Frauen am Start, der Rest ist traditionell eine Männerdomäne.

Acht Sekunden auf dem Rücken

Punktrichter kommen beim Wildpferde- und Bullenreiten zum Einsatz. In diesen Disziplinen geht es nicht nur darum, möglichst lange auf dem Tier zu bleiben, es werden auch Haltungsnoten vergeben.

Jeder Reiter, der länger als acht Sekunden auf dem Rücken des Pferds oder Bullen bleibt, ohne mit der freien Hand das Tier, sich oder seine Ausrüstung zu berühren, wird benotet.

Zudem wird das Verhalten des Tiers zu gleichen Teilen bewertet. Daher hofft jeder Cowboy auf ein möglichst wildes Tier, das stark buckelt.

Punkte wie beim Eiskunstlauf

So gibt es die meisten Punkte. Die Tiere wiederum werden den Teilnehmern zugelost, deshalb benötigt man unbedingt das eine oder andere Quäntchen Glück, um ein Rodeo zu gewinnen – eben wie beim Eiskunstlauf.

Einen Unterschied zwischen den beiden Sportarten hat Dunn allerdings doch festgestellt: "Unter Cowboys ist es absolut verpönt, sich über die Wertungen der Punktrichter zu beschweren. Das gilt als mimosenhaft und unmännlich."

Über 20.000 Zuschauer strömen während der Stampede an jedem Tag ins Rodeostadion von Calgary, hier, im Westen Kanadas, ist Rodeo ein anerkannter Sport.

Die besten Reiter sind gefeierte Idole und Vollprofis, die von Turnier zu Turnier über den Kontinent reisen.

Rodeo ist Schulfach

In Alberta können schon Zehnjährige in einigen Schulen das Fach Rodeo belegen. Auf diesem Niveau betrieben, ist es tatsächlich ein Hochleistungssport.

Dementsprechend professionell ist die Stampede organisiert. Sieht man zum ersten Mal ein Rodeo live, kann es überwältigend sein.

Die Energie der Tiere – wenn sie bocken und versuchen, die Reiter abzuwerfen – spürt man bis auf die Tribüne.

Der Mut der Cowboys, sich mit einem um die 1000 Kilogramm schweren Bullen zu messen, ist ebenfalls beeindruckend.

Das durchweg fachkundige Publikum kann meist sofort einschätzen, wie gut ein Reiter gewesen ist, der sich ja selten länger als zehn Sekunden auf dem tobenden Bullen hält.

Eingefleischten Fans sind auch die Pferde namentlich bekannt, ihre Leistungen kann man im Internet nachverfolgen.

Pferde aus "gutem Stall"

Die Bezeichnung "Wildpferde" ist demnach etwas irreführend. Die eingesetzten Rodeotiere werden zwar nie eingeritten, doch ihre Stammbäume sind gelegentlich länger als bei guten Rennpferden.

Nach einer 20-jährigen Karriere in den Arenen Nordamerikas erzielen gute, weil besonders wilde Zuchtpferde auf Auktionen regelmäßig Verkaufspreise von über 50.000 Dollar.

Und Dunn witzelt gern, dass er im nächsten Leben als Rodeopferd wiedergeboren werden möchte: "Es ist doch das beste Leben", sagt er, "du wirst das ganze Jahr über umhegt und musst nur zwei Minuten lang arbeiten." Bei mehr als zehn Rodeos werden die Pferde im Jahr nämlich selten eingesetzt.

Tierschützer schlagen Alarm

Manche Tierschützer sähen Rodeos trotzdem gern verboten. Die Wettkämpfe seien Tierquälerei zu Unterhaltungszwecken, bei denen Rinder, Pferde, Schafe und Schweine schwer verletzt oder auch getötet werden.

Zur Stampede laden die Veranstalter deshalb ihre renommiertesten Kritiker ein. Sie sollen Verbesserungen vorschlagen und die Einhaltung gültigen Rechts überwachen.

Insbesondere bei den Chuckwagen-Rennen hat sich die Lage der Tiere in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.

Bei diesen Rennen werden schwer lenkbare Planwagen, die bei der Besiedelung des Westens eingesetzt wurden, von vier Pferden so schnell wie möglich um Hindernisse gezogen, ohne diese umzustoßen.

Geschicklichkeit von Kutscher und Tieren

Die Anforderungen an die Geschicklichkeit von Kutscher und Tieren sind in diesem Wettbewerb extrem. 2011 kam es zu zwei Todesfällen von Pferden während des Wettkampfes an der Stampede.

Weshalb Aktivisten und Veranstalter gemeinsam erneut Vorschriften erstellten, die den Tierschutz deutlich verbessert haben.

Die Calgary Stampede ist jedoch nicht ausschließlich eine Rodeoveranstaltung. Sie ist ein Volksfest, zu dem in jedem Jahr weit über eine Million Besucher strömen und das ganz Calgary für zehn Tage in seinen Bann zieht.

Während dieser Zeit tragen Einheimische, Besucher und selbst Hotelportiers in den feinsten Häusern der Stadt Jeans, Karohemden und Cowboyhüte und feiern die Westerntradition Albertas.

Feierlichkeiten mit Fahrgeschäften

Das Epizentrum der Feierlichkeiten ist dabei Stampede Park. Hier gibt es einen Jahrmarkt mit allen erdenklichen Attraktionen und Fahrgeschäften, ein Kasino, eine große Landwirtschaftsausstellung und jeden Abend erstklassige Konzerte.

Für 2012 sind dabei: die Beach Boys (Tickets ab 49 Dollar), Garth Brooks (ausverkauft), Countrysänger Johnny Reid sowie Brad Paisley mit The Band Perry.

Das größte Spektakel der Stampede sind allerdings weder die Show-Acts noch die Reiter, es sind die Chuckwagon-Rennen.

Traditionell beschließt das letzte Chuckwagon-Rennen, bei dem es um 100.000 Dollar geht, die Stampede.

An diesem Rennen teilzunehmen ist der große Traum der Athleten. Der deutschstämmige Darcy Flad, der seit seinem zweiten Lebensjahr, das war 1972, auf Chuckwagons sitzt, beschreibt es so: "Während der Stampede ist Calgary der beste Orte der Welt. Wenn 20.000 Leute durchdrehen, weiß man, warum man ein ganzes Jahr lang solche Strapazen auf sich nimmt."

Miit 20 Pferden von Rennen zu Rennen

Denn reich wird man als Chuckwagon-Fahrer trotz einiger üppiger Börsen nicht. Immerhin müssen die Halbprofis mit 20 Pferden und einigen Betreuern von Rennen zu Rennen durch Alberta und angrenzende Provinzen reisen. Das verschlingt sämtliche Einnahmen.

Chuckwagon-Rennen wurden einst in Alberta erfunden, und noch immer ist die Provinz die Hochburg des Sports, der sich erst allmählich weiter in den kanadischen Westen ausbreitet.

Wer von der spannenden Stampede verschnaufen möchte und herausfinden will, wie Siedler und Cowboys Alberta einst erschlossen haben, sollte das höchst unterhaltsame Heritage Park Historical Village, das größte Freilichtmuseum Kanadas, im Süden Calgarys besuchen.

Western-Eisenbahn und historische Gebäude

Drei komplette, über 100 Jahre alte Bahnhöfe sind hierher gebracht worden, dazu gibt es eine weitgehend originale Western-Eisenbahn und Dutzende historische Gebäude, vom Saloon über ein Wildwest-Hotel bis zu einer Druckerei.

Zudem wird im angeschlossenen Gasoline Alley Museum die jüngere, maßgeblich durch die Ölförderung beeinflusste Geschichte Albertas im späteren 20. Jahrhundert näher beleuchtet.

Über 50 auf Hochglanz polierte Oldtimer und die weltweit größte Tanksäulen-Sammlung gibt es hier zu bestaunen.

Auf einen Wert von über fünf Millionen Dollar wird die Sammlung des Unternehmers und Multimillionärs Ron Carey taxiert, der die meisten Autos sogar eigenhändig restauriert hat.

Das Oldtimer-Museum dokumentiert eindrucksvoll, wie Calgary von einer Siedlung an der Grenze der "Zivilisation" zur Metropole angewachsen ist.

Dass man in Calgary diesen Prozess frühzeitig ambitioniert vorangetrieben hat, zeigte sich übrigens schon 1912 bei der ersten Stampede: 20.000 Dollar Preisgeld gab es damals für die besten Sportler zu gewinnen, damals eine ungeheuerliche Summe.

Die Reise wurde unterstützt von Travel Alberta und Tourism Calgary.

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