Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
05.05.07

Serie "City Highlights"

Wo sich Ost an West reibt

Kaum eine Stadt ist so widersprüchlich und vielfältig wie Berlin. Regierungsviertel und Szene-Kiez Prenzlauer Berg, schicke Clubs und altmodische Klezmer-Konzerte, feine Damen und freche Taxifahrer. Machst du eine Sache, verpasst du fünf andere. Teil zwei unserer Serie "City Highlights"

ddp

In einem Doppelzimmer des Berliner "Ostel" hängt ein Porträt des früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR, Willi Stoph (1914-1999).

8 Bilder

Bei mir um die Ecke, am Arnimplatz, hat ein neuer Laden eröffnet: Reptilienpool heißt er und verkauft Schlangen, Echsen und Skorpione. Am Fenster sitzt eine dicke, haarige Vogelspinne auf einem Blatt. Über ihr hängt ein rotes Schild: "Nicht an die Scheibe klopfen! Spinnen haben keine Ohren!" Mein Nachbar hat es entdeckt und findet es ausgesprochen komisch.

Neulich erst hat er eine Schlange nahe der Schönhauser Allee gesehen, die sich unter ein Auto rollte und im Gully verschwand. In solchen Momenten erscheint ihm Berlin auf eine angenehme Art unberechenbarer, freier als andere Städte. Trotzdem ist er froh, dass er im ausgebauten Dachgeschoss wohnt: "So hoch kommen Schlangen nicht."


Seit zehn Jahren ist er "Prenzelberger", Gesinnungsberliner, wohnhaft im immer noch populärsten Ostbezirk Prenzlauer Berg. Zu Brötchen sagt er bewusst Schrippen, hält den Mauerpark in seinem Kiez mit kaum einem Baum für den schönsten Park der Welt und erträgt es nicht, länger als zwei Tage außerhalb der Hauptstadt zu sein. Da geht es ihm wie Theodor Fontane, der das Bedürfnis hatte, "an einem großen Mittelpunkt zu leben, in einem Zentrum, wo entscheidende Dinge geschehen".

Ich kann ihn verstehen, auch wenn ich zugeben muss: Berlin ist keine Liebe auf den ersten Blick. Man hat schon elegantere Orte gesehen. Ballonseide und wilde Muster prägen die Garderobe der Menschen auf den Straßen, das Gegenteil von Weltläufigkeit, wohin man blickt. Wer wohlwollend urteilt, nennt es Coolness.

Man schleppt seine Gäste cafégesäumte Alleen entlang

Und doch wird jeder, der in Berlin wohnt, besucht, ja belagert. Selbst flüchtige Bekannte fallen ein. Entweder lernt man schnell, sein Wochenende zu verplanen, ins "Jrüne" zu fahren, im Sommer nach Buckow oder Babelsberg, und wenn es schneit, nach Nikolskoe am Wannsee. Oder man schleppt seine Gäste cafégesäumte Alleen entlang, und fassungslos stellen sie fest: "Hier wollen wir ja überall sitzen!"

Meist wollen sie aber illegale Clubs sehen oder Schräges wie die Boutique, Eisdiele und Waffelbäckerei "Kauf dich glücklich" in Prenzlauer Berg, das "103" in Kreuzberg, wo schöne Frauen mit Bobschnitt im Stummfilm-Look ekstatisch Tischtennis spielen und sich eine dumpf tanzende Masse vor einem roten Mond und einem VJ, einem Videojockey, aus London verneigt.

In diesen Momenten breitet sich stiller Stolz auf diese Stadt aus, die nun wirklich nicht auf einen gewartet hat. Wer sich erst niedergelassen hat, kann kaum wieder wegziehen. Alles andere erscheint plötzlich klein und langweilig. Nach Jahren noch, das ist das Schöne und das Frustrierende zugleich, ist Berlin nicht zu fassen, überfordert einen die Stadt wie New York: Machst du eine Sache, verpasst du fünf andere.

Wie New York wäre Berlin gern wie das East Village der 80er-Jahre. Doch New York war immer eine reiche, zutiefst kapitalistische Stadt. In Berlin werden Ideen oft aus Armut geboren, aus der Sehnsucht, sich abzugrenzen, den Ruinen der Geschichte nachzuspüren und ihnen neues Leben einzuhauchen.

Berlin ist depressiver, aber auch lässiger, verspielter, der große Abenteuerspielplatz Ost. Ein Ort, der immer wieder verzaubert, verblüfft, wenn sich die alte DDR-Bahn den Berg hochschiebt, vorbei am Friseur "Locke und Glatze" zum Kosmetiksalon, der im Stadtteil Pankow "Hoffnungsschimmer" heißt.

Drei Flughäfen, drei Opernhäuser, 48 Theater

Berlin, diese fröhliche Möchtegernmetropole, die über ihre Verhältnisse lebt, rührt einen oft in ihrer melancholischen Großspurigkeit, dem tragischen Talent, sich zu verheben mit drei Flughäfen, drei Opernhäusern, 48 Theatern und dem neuen Hauptbahnhof, einem gläsernen Shoppinglabyrinth mit Gleisanbindung. Die Brüchigkeit, die Unfertigkeit dieser Stadt, "verdammt dazu, ewig zu werden, nie zu sein", wie der Architekturkritiker Karl Scheffler schon 1910 schrieb, ist ihr Reiz. Hier reibt sich Ost an West, Gestern an Heute.

In Berlin weht einem an jeder Ecke der Hauch der Geschichte entgegen. Am Hackeschen Markt, wo sich in den 20er-Jahren jüdische Geschäfte und Werkstätten sammelten, gibt es wieder wunderbare Klezmer-Konzerte, Varieté, Galerien, Boutiquen und den Dinner-Club "Oxymoron". Golden glänzt an der Oranienburger Straße das Dach der Neuen Synagoge im maurischen Stil. Und auf der Karl-Marx-Allee mit den Bauten im sowjetischen Zuckerbäckerstil, der Straße des Volksaufstandes von 1953 in der DDR, liegt die "CSA-Bar". Das ehemalige Hauptbüro der "Ceskoslovenské Aerolinie" in Friedrichshain zählt heute zu den besten Bars der Stadt.

Das Vakuum der Stadt lässt Raum für Eigensinn, für den Spleen von Berlin. Hier eröffnen Hunde-Waschanlagen. Ein Imker hält Bienen im Wabenstock, der einem Plattenbau gleicht. Und Designer wie "Pulver" entwerfen Mode im Stil von Marie Curie: fluoreszierende Strickkleider, die im Dunkeln leuchten. In Berlin gibt es tausend Arten zu sein – und ebenso viele zu scheitern. Alles ist möglich, aber auch nichts wirklich wichtig.

"Lohnarbeit ist nichts für mich", hat jemand an eine Hauswand an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg gesprüht, der Trendmeile des Ostens mit Boutiquen und Cafés. Auf das Straßenschild hat jemand "Castingallee" geschrieben, statt Kastanienallee, das "C" wie den Buchstaben im Logo von Chanel. Schließlich arbeiten in den Cafés viele Kellnerdarsteller und Möchtegernmodels auf Abruf. "When will I be famous?", "wann werde ich berühmt?", leuchtet als Graffito an einer Hausecke. Hier sitzt die junge Boheme des 21. Jahrhunderts, die Flaneure und ÜberLebenskünstler, die immer ein Projekt haben, ein Buch, ein Vorsprechen.

Beim Friseur "Kopfgeldjäger" in der Stargarder Straße werden Kunden nicht gefragt: "Neue Strähnen?", sondern: "Gibt’s einen Plan?" Hier ist es cool, alle abgeschnittenen Haare auf dem Boden liegen zu lassen. Bei der Kopfwäsche fällt der Blick auf ein Skelett an der Decke, und im Fenster warnt ein Schild vor dem Ende des amerikanischen Sektors.

Draußen patrouillieren Mütter mit Kinderwagen, die alle nach Leon oder Charlotte rufen. Hier heißt eine Kita "Freche Früchtchen", und nicht wie in Hamburg "Villa Wackelzahn". Berlin ist eben ein herrlich "jemischtet Projramm".

Mit einem geliehenen Rad durch die bunten Bezirke

Am meisten sieht man von der Stadt, wenn man sich ein Rad leiht und die bunten Bezirke abfährt. Nach Steglitz, dorthin, wo alte Damen mit Dackeln unter Kastanien spazieren gehen und den Busfahrern noch ein "Zurrrrrrrrrrrückbleiben, Herrschaften!" entfährt wie in Erich Kästners Kinderromanen. Nur hierher passen so großartige Abschiedsfloskeln wie "Schlafen se wohlriechend!" oder "Jrüßen se den verstorbenen Ziehhund!".

Vornehmer wird es in Dahlem, wo selbst die Currywurstbude ein Reetdach hat, nur noch zu toppen vom Grunewald. Villen-Spotting ist hier ein lohnendes Vergnügen: Knef, Juhnke, Heesters, aha, dort ist auch das "Schlosshotel", hier schlief unsere deutsche Elf während der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr.

Beklemmender ist die Tour in die Parallelwelt von Hohenschönhausen, vorbei an Erich Mielkes Büro, hin zur Eckkneipe am alten Stasi-Gefängnis, wo das Bier noch einen krummen Betrag kostet und selbst im Sommer Dosenerdbeeren mit Sprühsahne serviert werden. Jeder Berliner Kiez ist ein Dorf für sich mit eigenem Charme.

In Kreuzberg verspricht ein türkischer Kioskbesitzer: "Die Mandelhörnchen sind frisch. Ehrlich!" Anatolische Ehepaare lehnen sich aus dem Fenster, er mit Kissen, sie ohne. Hier gibt es noch einen Laden für Revolutionsbedarf. Und auf dem "My Fest" jedes Jahr zum 1. Mai am Mariannenplatz dominiert autonomes Schwarz. Vier Leute schieben ein Sofa mit Rollen auf den Platz, einer trägt ein Shirt, auf dem "Gegen Winter" steht.

Der Berliner ist gern gegen etwas, aus Prinzip. Meckern, Nörgeln mit und ohne Grund wird als elegantes Mittel der Kontaktaufnahme betrachtet. Dagegen hilft nur: so lustig und pampig es eben geht zu erwidern. Das verschafft sportliche Anerkennung. An Schroffheit macht den Preußen niemand etwas vor. Der Berliner hat "nüscht" zu verschenken – keine Zeit ("Nu machen se ma hinne.") und schon gar keine Freundlichkeit.

"Bin ick ’n Shuttle? Jetzt steh ick hier ’ne Stunde, ja! Nur bis Oberbaumbrücke?", bellt ein Taxifahrer. "Det is doch um die Ecke. Wärt ihr jelofen, hätten wa uns alle jefreut." Das muss man mögen, diesen herben Charme der Nickeligkeit. Wer die Tür aufhält und ein Danke erwartet, erntet ein "Willste noch ’n Pokal dafür?". So klingt der Berliner Stehaufmännchen-Stolz, das ist das clever Rotzige, die "Mir kann keener"-Arroganz der Berliner.

Anreise: Berlin ist mit der Bahn etwa ab Hamburg in anderthalb, ab München in gut fünfeinhalb, ab Frankfurt in rund vier Stunden zu erreichen (www.bahn.de). Außerdem fliegen von vielen deutschen Städten z.B. Lufthansa (www.lufthansa.com), Air Berlin (www.airberlin.de), Germanwings (www.germanwings.com) und TUIfly (www.tuifly.com).

Sehenswertes: Regierungsviertel mit Reichstag und Bundeskanzleramt; Potsdamer Platz; Brandenburger Tor und der Boulevard Unter den Linden; Gendarmenmarkt; Museumsinsel und Alexanderplatz mit dem Fernsehturm.

Auskunft: Berlin Tourismus Marketing, Tel. 030/25 00 25, www.btm.de

"City Highlights": Die ganze Serie auf einen Klick.

Die WELT EDITION kann man hier bestellen.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Wendig: Dieses autonome Auto deutscher Forscher ("EO") parkt selbsttätig ein und dreht dabei seine Räder um 90 Grad
Die Geisterautos sind da

Diese Autos kommen ohne Fahrer aus

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote