Reise

Sightseeing mit Schattenseiten

Nicht jede berühmte Attraktion ist auch vor Ort immer ein Volltreffer. Zehn Besuchermagneten, die man sich womöglich lieber auf Fotos anschauen sollte

Neues entdecken. Staunen. Und vielleicht auch mal einen Haken machen an etwas, das schon lange auf der eigenen To-do-Liste stand. Menschen reisen nicht nur, um sich am Strand zu erholen – sondern auch, um ihren Horizont zu erweitern, die Perspektive zu wechseln und ein Stück weit in fremde Kulturen einzutauchen. Fixpunkte vieler Reisen sind fast immer berühmte Sehenswürdigkeiten, die gezielt angesteuert oder unterwegs mitgenommen werden. Man kennt sie aus Reiseberichten, von Postkarten, aus dem Fernsehen. Doch wer sich genauer mit diesen "Muss-man-unbedingt-gesehen- ­haben-Attraktionen" beschäftigt, der stößt in einschlägigen Internetforen auch auf viele Berichte mit negativem Tenor ("überbewertet", lohnt nicht", "zu voll"). Was also darf man beim Sightseeing wirklich erwarten?

Wenn sich Besucher gegenseitig auf die Füße treten, löst das bei manchen Klaustrophobie aus, bei vielen Aggressionen. Das ist eindeutig der Fall, wenn man zuerst stundenlang vor der Kasse des Louvre in Paris angestanden hat, um dann zu entdecken, dass man Leonardo da Vincis "Mona Lisa" nie aus der Nähe betrachten kann. Denn ständig steht eine Menschentraube vor dem eher kleinen Bild – es misst nur 77 mal 53 Zentimeter. User Oberlandler auf Trip­advisor.com warnt: "Die ,Mona Lisa' ist umzingelt von 400 bis 500 Menschen, die allesamt ihre Handy-Digi-Cams zücken und somit einen ruhigen Blick auf dieses Meisterwerk vergällen. Hier kann ich nur raten, geht nach München in die Alte Pinakothek, dort gibt es auch einen Leonardo da Vinci (von nur 14 auf der ganzen Welt!!) und sicher nie eine Schlange davor!"

Bedeutend größer, mit über 8000 Kilometern vor allem länger, ist die Große Mauer in China. Doch fast alle neun Millionen Besucher pro Jahr steigen offensichtlich nur an einem Punkt, dem nächsten zu Peking, auf das Bauwerk und lassen sich dann von den Massen nach oben schieben. Issi schreibt auf Holidaycheck.de: "Wir waren in Badaling. Gigantisch. Nur – wandern ist dort absolut unmöglich. Mehr Leute als Menschen. Man hat den Eindruck, die Mauer wird morgen wieder abgerissen und jeder Chinese möchte sie zuvor noch mal sehen. Unmassen." Sinnvoller ist es dann, sich einen Aufgang zu suchen, der eine längere Anfahrt benötigt. Rund 80 Kilometer nördlich von Peking ist ein Teil der Mauer noch nicht vollkommen restauriert. Der Aufstieg ist zwar anstrengend, aber ist man oben angekommen, hat man die wunderbare Aussicht über die Mauer und die Landschaft für sich allein.

An den Pyramiden von Gizeh werden Besucher von Händlern bedrängt

Voller Touristen ist auch stets das berühmteste Grab der Welt. Sieben Millionen Menschen besuchen den Taj Mahal jährlich. Das bedeutet lange Schlangen überall. Darüber hinaus ist das Mausoleum aus Angst vor Anschlägen schwer bewacht und mit 100 mal 100 Meter dazu auch nicht unendlich groß. Das kann bedrückend wirken. Nicht wenigen Urlaubern missfällt auch der Umstand, dass die Anlage teilweise stark mit Plastikflaschen, Graffiti und Abfällen vermüllt ist. Giora notiert auf Lonelyplanet. com: "Es gibt sicherlich Ärgerliches beim Besuch des Taj Mahal: Viele Kamera-behängte Touristen, Möchtegern-Führer und Souvenir-Verkäufer, die Sie umschwirren, und hoffnungslos unhöfliche indische Touristen. Auch wird versucht, Ihnen hohe Gebühren für die Toilette abzunehmen. Aber ich würde sagen, es ist dann doch einen Besuch wert – wenn man gleich am frühen Morgen kommt."

Die Tempel von Angkor gelten als Muss für Asienreisende. Viele fliegen nur nach Kambodscha, um dort die größte Tempelanlage der Welt zu besichtigen. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist mit ihren Steinreliefs, Terrassen und Türmen ein Prunkstück aus der Khmer-Zeit. Wer einen Großteil des 1,9 Qua­dratkilometer großen Areals besichtigen will, braucht mindestens drei Tage Zeit – und viel Geduld. Denn auch hier hinterlässt die Urlauberschwemme ihre Spuren. Seltsame Gerüche und Müll sind gang und gäbe. Größer als darüber ist jedoch vermutlich der Schock angesichts der Besuchermassen. Besonders extrem ist das Gedränge frühmorgens, wenn Hunderte am Westtor mit ihren Fotoapparaten und Smartphones auf den Sonnenaufgang warten. Der Schönheit und Mystik der Anlage inmitten des Dschungels kann sich dennoch kaum einer ­entziehen. User JZG22061954 bestätigt auf ­gutefrage.net: "Mit Angkor Wat in Kambodscha ist es nicht anders als mit so vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Sie alle sind natürlich stark überlaufen, das schmälert doch letztendlich aber nicht ihren ganz besonderen Reiz."

Enttäuschung überkommt viele Touristen bei den Pyramiden von Gizeh. Dabei sind hier die Erwartungen der Touristen besonders groß. Errichtet vor über 4000 Jahren, gehören die Bauwerke zu den ältesten erhaltenen der Welt. Auch heute noch unvorstellbar ist, wie Tau­sende von Arbeitern diese Grabstätten ohne Hilfe von Maschinen über Jahrzehnte hinweg errichtet haben. Doch es fällt vielen Besuchern schwer, diesen Ort entsprechend zu würdigen. Und das nicht, weil sie von Guides und Händlern bedrängt werden, die angesichts der harten Zeiten mehr denn je ihre Dienste und Waren anpreisen. Es ist vielmehr der Unterschied zwischen den makellosen Bildern, die sie im Kopf haben, und der Realität, die diese Bauwerke in der Wüste doch viel ­kleiner erscheinen lässt. SignorinaLimoncella bilanziert im Reiseforum von brigitte.de: "Für mich war die Sphinx in Gizeh eine kleine Ernüchterung. Ich kannte die nur aus 'Asterix und Kleopatra' und hatte mir das als beeindruckend gewaltiges, monströs großes Bauwerk vorgestellt... In echt ist die ziemlich mickrig. Aber stehen ja auch noch ein paar olle Pyramiden daneben ..."

Für viele Italien-Reisende ist er ein Muss – der schiefe Turm von Pisa, ohne den der benachbarte Dom aus weißem Carrara-Marmor nur halb so berühmt wäre. Nicht wenige halten den Glockenturm jedoch für überbewertet. Ja, sieht ganz skurril aus, aber angesichts der Menschentrauben, die einem ständig die Sicht für ein Foto vermasseln, eingekesselt von unzähligen Souvenirbuden, lohnt womöglich der Aufwand nicht – allein die Parkplatzsuche gestaltet sich meist langwierig. AnhaltER1960 empfiehlt auf reisefrage.net: "Man kann den schiefen Turm auch von der Autobahn Livorno – La Spezia sehen. Reicht eigentlich aus. Wer unbedingt näher ran will (Warum eigentlich?), muss sich auf ein ziemliches Wooling einstellen."

Bis heute weiß niemand so ganz genau, was es ist – doch magisch zieht es jährlich eine Million Touristen und gläubige Druiden an: das prähistorische Steinmonument Stonehenge. Doch eine Menge Besucher, die sich dorthin auf den Weg gemacht haben, sind verärgert. Denn die Anreise ist mühsam, es gibt kaum öffentliche Verkehrsmittel, und mit dem Auto sind es etwa zwei Stunden von London aus. Die Anlage ist zudem eingezäunt, was ihr viel von ihrem Reiz nimmt. An die großen Steine kommt niemand mehr ganz nah heran. Zudem wirken die geheimnisvollen Steinkolosse auf Fotos viel riesiger als in Wirklichkeit. User fra2k2 schreibt auf Tripadvisor.de: "Ich habe die Steine relativ früh morgens besucht, leider war auf dem Rundweg schon sehr viel los, es war leider so gut wie unmöglich ein Foto ohne andere Touristen zu schießen. Alles in allem muss ich leider sagen, ich war etwas enttäuscht, vielleicht hätte man mit wenig Aufwand und ohne Verkehrslärm etwas mehr aus dieser Stätte machen können."

Der Walk of Fame in Los Angeles gehört zu jenen Sehenswürdigkeiten, bei deren Anblick man sich fragt, was eigentlich so toll daran war. Bei näherer Betrachtung ist er eine Erfindung der örtlichen Handelskammer, die seit Ende der 50er-Jahre so den Hollywood Boulevard mit Sternen aus altrosafarbenen Terrazzo­platten mit berühmten Stars aufwerten soll. Dennoch trampeln pro Jahr mehr als zehn ­Millionen Touristen über den Boulevard, in dem rund 2500 Sterne eingelassen sind, die an Prominente aus Film, Fernsehen, Theater und Musik erinnern. Ansonsten hat dieser Bou­levard nicht viel zu bieten, und echte Film­größen lassen sich hier nur kurz blicken, wenn sie auch so einen Stern auf dem Trottoir bekommen. Bloggerin Franzi empört sich auf coconut-sports.de: "Die größte Enttäuschung, die L.A. zu bieten hat, ist definitiv der Walk of Fame am Hollywood Boulevard. Was im Fernsehen immer so spektakulär aussieht, ist in Wirklichkeit nur eine vergammelte Straße mit ein paar Sternen und aufdringlichen Tourenverkäufern. Im Nachhinein bin ich aber ziemlich fasziniert davon, wie weit die Realität von dem Bild abweicht, das uns die Medien von Hollywood suggerieren."

An Brüssels Wahrzeichen Manneken Pis laufen viele Reisende erst einmal vorbei. Denn der Nackedei misst nur 61 Zentimeter und uriniert aus erhöhter Position in einen Brunnen an der Ecke Rue de Grands Charmes und Rue de L'Etuve. Das Original stammt von 1619 und wurde mehrmals gestohlen. Besucher bestaunen heutzutage eine Kopie von 1965. So ganz kann sich allerdings niemand erklären, warum der pinkelnde Bengel so berühmt ist. Tatsache ist, dass er über 800 verschiedene Kostüme besitzt und ein Komitee darüber entscheidet, welche Kleider er zu welchen Anlässen tragen darf. Zudem könnte der Brunnen aufgrund des geschlossenen Wassersystems jedes Getränk, auch Bier, Wein oder Limo pinkeln. "Die für mich wohl mit Abstand enttäuschendste Sehenswürdigkeit steht in Brüssel: Das Manneken Pis. Wenn ich nicht schon unzählige Fotos von ihm gesehen hätte – mir wäre es nicht aufgefallen. Trotzdem scharen sich jeden Tag Unmengen von Touristen um den kleinen wasserlassenden Buben", schreibt Urlauber Robert Galvan auf Spiegel online. Und Anke K. aus Wien berichtet auf Yelp: "Das Manneken Pis gehört sicherlich dazu, wenn man Brüssel besichtigt. Am Ende jedoch ist es dann doch nur ein kleiner Haken auf einer Liste, die sonderlich große Begeisterung bleibt allerdings aus."

All diese Sightseeing-Ziele werden nach wie vor millionenfach besucht und ebenso oft fotografiert, obwohl sie nicht immer halten, was sie versprechen. Doch wollen wir uns wirklich mit dem Anblick einer gut gemachten Postkarte begnügen? Tatsächlich ist das für die meisten Touristen keine echte Alternative, denn es geht ja auch immer um die Atmosphäre, die jedem dieser geschichtsträchtigen Orte eigen ist und nur bei einem persönlichen Aufenthalt spürbar wird. Aber man sollte zumindest die Schattenseiten kennen – und sich vielleicht überlegen, wie man diese vor Ort am besten umgehen kann, wenn man sich nicht damit arrangieren möchte.

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