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06.02.11

Hotellerie

Sex-Wünsche – "Wir verweisen auf die Gelben Seiten"

Horst Schulze, Gründer der Hotelkette Ritz-Carlton, spricht im Interview über gehetzte Zimmermädchen, nervende Gäste und die Kunst, mit skurrilen Wünschen umzugehen.

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Edel ist auch die Innenausstattung des Hotels am 500 Meter breiten Privatstrand auf der Kunstpalme.

7 Bilder

Ein Schulungsraum im Hotel "The Setai" in der Fifth Avenue in New York. Wie jedes Mal, wenn er irgendwo auf der Welt ein neues Fünfsternehaus eröffnet, ist Horst Schulze angereist, um dem Personal zwei Wochen lang den letzten Schliff zu geben. Zur Einstimmung erzählt der 72-Jährige, wie er es vom Aschenbecherputzer in einem deutschen Provinzhotel zum Chef der milliardenschweren Ritz-Carlton-Kette gebracht hat. Nachdem er mehr als 100 Hotels in 20 Ländern eröffnet habe, sei er mit Mitte 60 in Pension gegangen, doch das Rentnerleben in Florida habe er genau 48 Stunden ausgehalten. Dann habe er mit Capella seine eigene Hotelgruppe gegründet. "Das 'Setai'", sagt der Deutsche den Mitarbeitern zum Schluss, "soll 2011 zum besten Hotel in New York gewählt werden. Wenn Sie unsere Werte nicht teilen, kommen Sie bitte morgen nicht wieder."

Morgenpost Online: Herr Schulze, Sie zählen zu den meistdekorierten Hoteliers der Welt und gelten als Kapazität für Fünfsterneluxus. Können Sie uns erklären, warum in gehobenen Hotels der Anfang der Toilettenpapierrolle zum Dreieck gefaltet wird?

Horst Schulze: Die Botschaft soll sein, dass wir Ihr Zimmer gemacht haben.

Morgenpost Online: Finden Sie es nicht befremdlich, Toilettenpapier zu benutzen, das zuvor von fremden Händen gefaltet wurde?

Horst Schulze: Mir ist da auch unbehaglich zumute. Das Gleiche gilt für Handtücher, die vom Zimmermädchen zu einem Schwan gefaltet werden. Das sind unhygienische Anachronismen, von denen man sich verabschieden sollte.

Morgenpost Online: Teilen Sie die Vermutung, dass Zimmermädchen für WC und Badewanne denselben Putzlappen benutzen?

Horst Schulze: Ab drei Sterne aufwärts darf das nicht sein. Ich frage das Zimmermädchen immer, wie sie mein Zahnputzglas sauber macht. Da niemand für jedes Zimmer ein neues Putztuch verwendet, haben Sie oft die Bazillen Ihrer Zimmernachbarn am Glas. Aus diesem Grund werden die Zahnputzgläser bei uns täglich eingesammelt und in der Spülmaschine gereinigt.

Morgenpost Online: Sie verbringen rund 200 Nächte im Jahr in Fünfsternehäusern. Wo würden Sie als Hoteltester nach Schwachstellen suchen?

Horst Schulze: Der Königsweg ist, Zimmermädchen in ein Gespräch zu verwickeln – die wissen einfach alles. Man muss mit ihnen so respektvoll umgehen wie mit der eigenen Mutter, denn von den Gästen werden sie meist wie Luft behandelt, und diese Kränkung macht gesprächig.

Morgenpost Online: Wo fahren Sie mit dem Finger entlang, wenn Sie die Sauberkeit eines Zimmers prüfen?

Horst Schulze: Ich fange hinter der Kloschüssel an, dann folgt das Telefon und die Fernbedienung des Fernsehers.

Morgenpost Online: Woran merken Sie, dass ein Luxushotel heimlich knausert?

Horst Schulze: An dünnen Kosmetiktüchern. Oder wenn im Früchtekorb Saft- statt Essorangen liegen.

Morgenpost Online: Was nervt Sie an Ihren Gästen?

Horst Schulze: Dass einige von ihnen denken, im Zimmerpreis sei eingeschlossen, das Personal wie Leibeigene zu behandeln. Deshalb habe ich bei Ritz-Carlton die Losung ausgegeben: "We are Ladies and Gentlemen serving Ladies and Gentleman."

Morgenpost Online: Ihr Satz steht heute in jedem Hotelleriefachbuch. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Horst Schulze: Er stammt von einem Oberkellner, den ich bewunderte, als ich mit 14 eine Kellnerlehre machte. Dieser Mann, ich weiß noch, dass er Karl Seidler hieß, trug einen Frack, bewegte sich elegant und leistete exzellente Arbeit. Die Gäste waren stolz, wenn er zu ihnen an den Tisch kam. Für Herrn Seidler war Service nichts Demütigendes, sondern eine Kunstform. Wenn er uns Anfängern einschärfte, sich nicht wie Diener zu fühlen oder behandeln zu lassen, sagte er: "Wir sind Damen und Herren im Dienste von Damen und Herren."

Morgenpost Online: Wann werfen Sie einen Gast raus?

Horst Schulze: Die letzten Kandidaten waren ein Pokneifer, ein Feuerleger und ein Herr, der mehrere Maschinenpistolen im Gepäck hatte.

Morgenpost Online: Bei welchen Gästewünschen sagen Sie Nein?

Horst Schulze: Der jüngste Fall war ein Musiker, der verlangte, dass wir sein Zimmer schwarz streichen lassen.

Morgenpost Online: Hat sich Ihre Kundschaft verändert?

Horst Schulze: Früher kam der Gast in Anzug und Krawatte und wollte ein komfortables Zimmer. Heute kommt der Gast in Bluejeans und will im Hotel etwas erleben.

Morgenpost Online: Helfen Sie, wenn jemand Sex sucht?

Horst Schulze: Nein. Wir sind keine Escort-Agentur und verweisen höflich auf die Gelben Seiten.

Morgenpost Online: Luxushotels verfallen auf immer kuriosere Ideen, um Gäste zum Staunen zu bringen. Im "Ritz-Carlton Miami" kann man sich von einem Tanning Butler mit hautgerechtem Sonnenschutz eincremen lassen, im "Peninsula Tokyo" gibt es im Ankleideraum einen Nagellacktrockner, im "Four Seasons Los Angeles" kümmert sich ein Kinder-Concierge ausschließlich um die Sonderwünsche der Gäste unter 13 Jahren, im "Zighy Bay" in Oman kann der Gast mit einem Paraglider aus 2100 Meter Höhe zum Check-in einschweben, im "Soneva Kiri" in Thailand speist man in einem Dining Pod genannten Restaurant, das per Seilzug in einen Baumwipfel schwebt, wo man von fliegenden Kellnern bedient wird, die an Gummiseilen befestigt sind. Ab wann wird so etwas gaga?

Horst Schulze: Das sind PR-Dummheiten, um in die Presse zu kommen. Früher habe ich da auch mitgemacht und bei Ritz-Carlton sogenannte Hightech-Butler eingeführt. Wir hatten schon vorher Angestellte, die sich um die PC-Probleme der Gäste kümmerten – nur hießen die nicht so pompös.

Morgenpost Online: Bei welchem Punkt lügen die Betreiber von Luxushotels am dreistesten?

Horst Schulze: Glauben Sie bitte nicht, dass Präsidenten-Suiten wie in der Preisliste angegeben 20.000 Dollar pro Nacht kosten. In Wahrheit kriegen Sie die für 5000 Dollar. Der kleine Schwindel soll dem Image dienen.

Morgenpost Online: Warum sind deutsche Luxushotels um die Hälfte billiger als vergleichbare Adressen in London oder Paris?

Horst Schulze: Weil sie nicht mehr wert sind. Wenn Sie wirkliche Exzellenz bieten, zahlt der Gast auch Londoner Preise. Als wir den "Breidenbacher Hof" in Düsseldorf übernahmen und 350 Euro pro Nacht verlangten, wurden wir von unseren Konkurrenten ausgelacht. Heute liegen wir im Schnitt bei 500 Euro pro Nacht.

Morgenpost Online: Was machen Sie, wenn Sie sich in einem Hotelrestaurant über den Service ärgern?

Horst Schulze: Ich hinterlasse als Trinkgeld einen Cent. Damit tue ich dem Kellner einen großen Gefallen, denn ich gebe ihm die Chance, umzudenken. Ich komme vom Dorf, und das Dorf ist immer noch in mir. Deshalb schaffe ich es nicht, schlechten Service auch noch zu belohnen.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Ihre Frau sich weigert, mit Ihnen in Capella-Hotels essen zu gehen, weil Sie dauernd auf die Uhr gucken?

Horst Schulze: Das ist leider so. Ich kontrolliere immer, ob es dem Gast möglich ist, einen dreigängigen Business-Lunch in 45 Minuten zu absolvieren. Wird dieses Limit überschritten, renne ich in die Küche und erkläre den Köchen und Kellnern, dass die Geschäftsleute unter den Gästen nie wieder zu uns kommen werden.

Morgenpost Online: Amerikaner verbringen mit Essen und Trinken täglich 74 Minuten, Deutsche 105 Minuten, Türken 162 Minuten. Ahnen wir nicht alle, dass die Türken es richtig machen?

Horst Schulze: Ja, aber der Gast will heute nun mal alles sofort. Vor 20 Jahren hat es niemanden aufgeregt, an der Rezeption fünf Minuten auf das Einchecken zu warten. Heute liegt die Beschwerdegrenze bei 60 Sekunden. Wählt der Gast eine Servicenummer, denkt er beim vierten Klingeln: Verdammt, man kümmert sich nicht um mich! Deshalb werden bei uns Anrufe spätestens beim dritten Klingeln angenommen – und das mit einem Lächeln in der Stimme.

Morgenpost Online: Den zu Capella gehörenden "Breidenbacher Hof" in Düsseldorf ausgenommen: Welche deutschen Hotels bieten den besten Service?

Horst Schulze: Der "Nassauer Hof" in Wiesbaden und das "Mandarin Oriental" in München.

Morgenpost Online: Welche Luxushotelkette ist für Sie weltweit die Nummer eins?

Horst Schulze: Peninsula.

Morgenpost Online: Ihre drei Lieblingshotels?

Horst Schulze: Das "Peninsula" in Hongkong, das "Ciragan Palace" in Istanbul, obwohl es zu Kempinski gehört, und das "Vier Jahreszeiten" in Hamburg, das trotz einiger Schwächen noch Herz hat.

Morgenpost Online: Warum gibt es in Ihren Hotels keinen Concierge?

Horst Schulze: Wir haben testen lassen, was Gäste unter einem Concierge verstehen. Die häufigste Antwort war: "Das ist ein Mann, der mir Informationen geben soll, aber so arrogant und abweisend wirkt, dass man keine Lust hat, ihn etwas zu fragen." Deshalb stellen wir jedem Gast einen Personal Assistent zur Seite. Der betreut Sie von der ersten bis zur letzten Minute Ihres Aufenthaltes.

Morgenpost Online: Das "Ritz" in Paris, eines der ersten Luxushotels, warb 1898 mit der erstaunlichen Annehmlichkeit von Elektrizität, das "Adlon" in Berlin pries 1907 warmes Wasser aus dem Leitungshahn an. Später waren Föhn und Minibar der letzte Schrei. Was gilt heute als Luxus?

Horst Schulze: Ich habe vor 30 Jahren erstmals untersuchen lassen, was Hotelgäste unter Luxus verstehen. Die Antwort lautete: Marmorsäulen, Kronleuchter, Silberkandelaber, wertvolle Gemälde und ein Concierge im schwarzen Schwalbenfrack. Das ist passé. Auch mit Spa und Gym können Sie nicht mehr punkten, denn die Hardware in Fünfsternehotels ist inzwischen nahezu identisch. Luxus ist heute die Summe vieler kleiner Aufmerksamkeiten, die individuell auf den Kunden zugeschnitten sind. Wenn Sie spätabends im Central Park Rollschuh fahren möchten, sorgen wir für Rollschuhe und Bodyguards. Wenn Sie mit Ihrer Freundin um Mitternacht auf der Spitze des Empire State Buildung Ihren bevorzugten Champagner trinken wollen, organisieren wir das. Vor 100 Jahren war dieser maßgeschneiderte Luxus in Grandhotels übrigens eine Selbstverständlichkeit.

Morgenpost Online: Capella betreibt sieben Fünfsternehotels in Europa, Asien und Amerika, vier sind im Bau. Braucht die Welt überhaupt eine neue Luxuskette?

Horst Schulze: Ja, denn die Luxushotellerie wird dramatisch wachsen. Experten sagen uns, dass bis 2020 ein Prozent der Chinesen zehn bis 20 Tage im Jahr ins Ausland reisen wird. Da auch Inder und Russen immer mehr reisen, rechnen wir mit 150 Millionen zusätzlichen Übernachtungen. Deshalb halte ich es für realistisch, dass wir auf 80 Hotels wachsen werden.

Morgenpost Online: Was unterscheidet Capella von anderen Luxusgruppen?

Horst Schulze: Bei uns bestimmt der Gast, nicht das Hotel. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Versuchen Sie doch mal, in anderen Fünfsternehäusern Ihre Check-out-Zeit selbst zu bestimmen oder nachts um zwei im Hotelrestaurant zu essen. Bei uns ist beides möglich, denn ein Nein ist für uns eine Todsünde. Die Perversion der heutigen Luxushotellerie liegt darin, dass Controller mit Blick auf die Kosten bestimmen, was dem Gast geboten wird. Erst verschwinden die frischen Blumen im Zimmer, dann der Pianospieler im Foyer. Es ist eine Schande: Nicht der Gast treibt das Produkt, sondern ein Technokrat. Diese Fehlentwicklung wollen wir umkehren.

Morgenpost Online: Müssen Sie dann nicht Preise verlangen, mit denen Ihre Hotels halb leer bleiben?

Horst Schulze: Die Preise senken kann jeder Dummkopf. Es ist ein Denkfehler zu glauben, im Luxussegment gewinnen Sie neue Kunden, weil Sie plötzlich 50 Euro billiger sind als die Konkurrenz. Unsere Zielgruppe sind die oberen zwei Prozent der Geschäfts- und Urlaubsreisenden. Für sie ist der Preis sekundär. Was zählt, ist die Qualität der Dienstleistung.

Morgenpost Online: Wo patzen Luxushotels heutzutage am häufigsten?

Horst Schulze: Bei der Ankunft. Ein Gast bildet sein Grundurteil über ein Hotel in den ersten 30 Sekunden. Wenn er mit seinem Wagen vorfährt und niemand öffnet ihm die Tür, schaltet er in den Modus Misstrauen um. Wenn dann beim Ausladen des Gepäcks immer noch kein Portier zur Stelle ist, haben Sie einen Gast gezüchtet, der sich bis zur Abreise dauernd über dieses und jenes beschweren wird.

Morgenpost Online: Benutzen Sie Google und Facebook, um sich von neuen Gästen vorab ein Bild zu machen?

Horst Schulze: Nein. Wenn das rauskäme, würde man uns vorwerfen, dass wir Ihre Privatsphäre ausspionieren. Wir rufen Sie vorher an und fragen, wie wir Ihren Aufenthalt so wunderbar wie möglich gestalten können. Bei diesem Gespräch entsteht ein Bild, mit dem wir arbeiten können.

Morgenpost Online: Was kommt in den Computer, sobald der Gast da ist?

Horst Schulze: Wir erstellen kein psychologisches Profil, wie einige Hotels das machen, sondern speichern lediglich Ihre Wünsche, Vorlieben und Abneigungen. Jeder Angestellte trägt einen Vordruck bei sich, auf dem er entsprechende Beobachtungen einträgt. Wenn Sie unsere Pralinen loben und Ihrem Früchtekorb eine Banane entnehmen, bekommen Sie am nächsten Tag von beidem eine Extraportion. Wenn Sie auf der linken Seite des Doppelbetts geschlafen haben, stellt Ihnen das Zimmermädchen abends Ihre Hausschuhe auf die linke Seite des Bettes. Wenn Sie die Klimaanlage auf 17 Grad einstellen, wird bei Ihrer nächsten Anreise das Zimmer auf 17 Grad vorgekühlt sein.

Morgenpost Online: Alle Capella-Angestellten werden regelmäßig anhand eines Kanons gedrillt, den Sie verfasst haben. Welche Imperative lernt man da?

Horst Schulze: Der Kanon enthält 24 Punkte. Einer lautet zum Beispiel: Wenn sich ein Gast auf drei Meter nähert, hat jeder Angestellte seine Arbeit zu unterbrechen, Augenkontakt herzustellen und mit einem Lächeln im Gesicht zu grüßen. Optimal ist es, den Gast dabei mit Namen anzusprechen.

Morgenpost Online: Warum ist es Ihren Angestellten verboten, einem Gast die Richtung zum gewünschten Ziel mit ausgestrecktem Finger zu beschreiben?

Horst Schulze: Weil das unhöflich ist. Höflich ist es, den Gast zu seinem Ziel zu begleiten. Wir bringen unseren Mitarbeitern auch bei, dass Ausdrücke wie "Hi", "Okay", "No problem" oder "Guys" nicht zum Image von Capella passen.

Morgenpost Online: Woran erkennen Sie einen guten Mitarbeiter?

Horst Schulze: Er muss meine Wünsche spüren, bevor ich sie formuliere. Entscheidend sind Herzlichkeit und Wärme, denn Eleganz ohne Wärme ist Arroganz. Niemand möchte von einem Kellner bedient werden, dem anzumerken ist, dass er lieber Gast wäre. Arrogante Kellner könnte ich sofort erschießen!

Morgenpost Online: Sie lassen jeden Monat die Zufriedenheit Ihrer Gäste messen. Was machen Sie, wenn über den Service geklagt wird?

Horst Schulze: Schuld an schlechtem Personal ist immer das Management. Wenn ein Manager sich bei mir über fehlende Motivation von Mitarbeitern beklagt, entlasse ich ihn. Ein Manager ist ohnehin jemand, der in seinem Büro sitzt und versucht, Probleme zu lösen, von denen er nichts versteht. Ein Hotel können Sie nur mit Leadership führen. Ein Manager, der einen Zigarettenstummel im Beet entdeckt, staucht den Gärtner zusammen. Ein Leader hebt den Stummel auf, wirft ihn in den Müll und fragt den Gärtner, was geschehen müsse, damit so etwas nicht wieder vorkommt.

Morgenpost Online: Was macht Gäste zu Stammgästen?

Horst Schulze: Die meisten sagen, sie möchten sich in einem Fünfsternehaus fühlen, als kämen sie nach Hause. Forscht man genauer nach, erfährt man, dass nicht das eigene Zuhause gemeint ist, sondern das Gefühl, das man früher bei seiner Mutter hatte. Gab es ein Problem, nahm einen die Mutter in den Arm und sagte: "Ich kümmere mich darum, mein Kind, mach dir keine Sorgen, ich bin für dich da." In der Hotellerie hört der Gast meist: "Warten Sie, ich muss erst meinen Vorgesetzten fragen." Eine Mutter würde das nie sagen. Sie würde handeln – und zwar sofort.

Morgenpost Online: Wie bringen Sie Ihre Mitarbeiter dazu, sich wie Mütter zu verhalten?

Horst Schulze: Wir sagen ihnen: "Du musst das Problem des Gastes zu deinem eigenen machen und augenblicklich in eigener Verantwortung lösen – auch wenn du formal gar nicht zuständig bist." Wenn ich beim Frühstück dem Kellner sage, meine Toilette sei verstopft, möchte ich nicht hören, ich solle das Zimmermädchen verständigen. Jeder Capella-Mitarbeiter kann zur Lösung eines Problems 2000 Dollar ausgeben, ohne einen Vorgesetzten um Erlaubnis fragen zu müssen.

Morgenpost Online: Wie oft geht das schief?

Horst Schulze: Bei Ritz-Carlton haben wir errechnet, dass ein durchschnittlicher Gast bei uns in 20 Jahren rund 150.000 Dollar ausgibt. Um diesen Menschen zu halten, lohnt es sich, eventuell 2000 Dollar in den Sand zu setzen.

Morgenpost Online: Nehmen wir Ihr Beispiel der verstopften Toilette: Wie reagiert ein Capella-Kellner richtig?

Horst Schulze: Schritt eins: Er entschuldigt sich beim Gast und sagt, dass das Frühstück nicht berechnet werde. Schritt zwei: Er schickt einen Haustechniker zur verstopften Toilette und lässt einen großen Strauß Blumen ins Zimmer stellen. In diesem Moment haben Sie einen loyalen Gast geschaffen. Im "Capella Pedregal" in Mexiko hatten wir kürzlich ein Honeymoon-Paar zu Gast. Der Mann verlor am Strand seinen Ehering und war entsprechend deprimiert. Als er am nächsten Morgen zum Frühstück kam, lag der Ring auf seinem Teller. Die vier Hotelangestellten, die vergeblich mit ihm gesucht hatten, hatten aus eigener Initiative Metalldetektoren gekauft und nachts noch einmal den Strand abgesucht. In diesem Moment haben Sie mehr geschaffen als einen loyalen Gast. Sie haben jemanden, der diese Geschichte seinen Freunden erzählt oder via Twitter und Facebook verbreitet – und das ist tausendmal glaubwürdiger als teure Werbeanzeigen in Magazinen.

Morgenpost Online: Sie arbeiten seit 57 Jahren in Hotels. Wie sind Sie Hotelier geworden?

Horst Schulze: Mit 14 verließ ich mein Dorf an der Mosel und machte eine Kellnerlehre in Bad Neuenahr. Meine Verwandtschaft prophezeite mir eine düstere Zukunft als plattfüßiges Faktotum in einer Bahnhofswirtschaft. Die ersten Lehrtage vergingen mit Aschenbecherputzen und Türaufhalten in der Halle, aber die Hotelwelt faszinierte mich.

Morgenpost Online: Warum?

Horst Schulze: Als ich im "Plaza Athénée" in Paris anfing, war mein Zimmer kaum größer als das Bett, in dem ich schlief, aber ich verbrachte zwölf Stunden am Tag in derselben Umgebung wie der Aga Khan, Brigitte Bardot und Gary Cooper. Für einen Jungen vom Dorf war das phänomenal.

Morgenpost Online: 1982 wurden Sie Mitbegründer der Hotelgruppe Ritz-Carlton. Ein paar Jahre später stiegen Sie zum Chef auf und verdienten mehr als eine Million Dollar im Jahr.

Horst Schulze: An meinem ersten Arbeitstag hatten wir zwei Hotels im Bau. Als ich 20 Jahre später in den Ruhestand ging, gehörten uns 54 Hotels, die zwei Milliarden Dollar Umsatz im Jahr machten. Unsere Häuser hatten mit 96 Prozent die höchste Gästezufriedenheit, die jemals bei einer Hotelgruppe gemessen wurde.

Morgenpost Online: Was ließ Sie mit 63 Rentner werden?

Horst Schulze: Ich bin ein versessener Extremist und wusste nicht mehr, was ich bei Ritz-Carlton noch optimieren sollte. Das Bild war gemalt. Ich brauchte eine leere Leinwand und sah mich mit meinen vier Töchtern in unserem Strandhaus in Florida zum Fischen rausfahren. Mein erstes Wochenende als Rentner war dann aber ein Albtraum. Am Montagmorgen sagte ich zu meiner Frau: "Ich langweile mich zu Tode. Morgen werde ich ein Büro anmieten und wieder eine Hotelkette gründen." Unseren Nachbarn, die entgeistert fragten, warum zum Teufel ich denn wieder arbeiten gehen würde, sagte ich: "You play golf, I like to play hotels." So entstand Capella.

Morgenpost Online: Sie sind 72 Jahre alt. Sind Sie einer dieser Workaholics, die ohne Arbeit nichts mit sich anzufangen wissen?

Horst Schulze: Ich lese gerne Platon, Aristoteles und Nietzsche. Diese Philosophen stimmen darin überein, dass die Magie des Lebens im Erschaffen besteht. Etwas, was man erschaffen hat, platt zu sitzen, macht einen nicht froh. Wenn es mir im "Setai" gelingt, dummen Jungs aus Elendsquartieren Eleganz beizubringen, dann macht mich das glücklich.

Morgenpost Online: Vor 16 Jahren wurde bei Ihnen Krebs diagnostiziert, die Ärzte gaben Ihnen nur noch wenige Monate zu leben. Was macht ein Tatmensch wie Sie in dieser Situation?

Horst Schulze: Man riet mir zu einer Chemotherapie, aber kein Arzt wollte etwas über die Erfolgschancen sagen. Auf der Suche nach Alternativen bin ich bis nach Kuba und Kroatien gereist. Zwei Freunde erzählten mir dann unabhängig voneinander von einem auf makrobiotische Diäten spezialisierten Japaner namens Michio Kushi. Da ich gläubig bin, hielt ich das für ein Zeichen. Zwei Jahre lang aß ich ausschließlich Seetang, Tofu und braunen Reis – ohne Salz oder Gewürze. Trinken durfte ich nur Wasser. Ich nahm 30 Pfund ab, aber der Krebs verschwand und ist nie wiedergekommen.

Morgenpost Online: Was war in dieser Zeit die härteste Prüfung?

Horst Schulze: Wenn die Stewardessen in der Concorde mir Beluga-Kaviar und Dom Pérignon anboten, musste ich jedes Mal auf den Plastikbeutel in meinem Aktenkoffer deuten und sagen: "Nein, vielen Dank. Ich habe meinen braunen Reis dabei."

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