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18.11.10

Sammlerbörse

Wenn Flugzeug-Freaks im Kaufrausch sind

Von der Concorde-Nase bis zur 727-Toilettentür – Luftfahrtliebhaber sammeln die verrücktesten Dinge. Unterwegs auf Deutschlands größter Börse für Flug-Devotionalien.

© pa/dpa
Versteigerung von Teilen des ersten Überschall-Verkehrsflugzeuges Concorde
Bei einer Auktion in Toulouse wurden 2007 Teile des ersten Überschall-Verkehrsflugzeuges Concorde versteigert

Ausgerechnet Schwanheim. Und dann noch diese stickige Turnhalle. Doch einmal im Jahr, im November, machen sich Luftfahrtfreunde aus aller Welt für ein Wochenende auf den Weg in dieses kleinbürgerliche deutsche Idyll, nur ein paar Kilometer entfernt vom Frankfurter Flughafen.

Da ist Chris aus Kansas, Wimpel-Willy aus Sachsen, die fröhliche Gruppe aus Brasilien, der nette Belgier mit seinem Sabena-Nachlass, Polen, Tschechen, Deutsche und jede Menge pensionierte Flughafenmitarbeiter und Airliner. Und natürlich der unermüdliche Mittsiebziger Hector Cabezas und seine Frau Paula, beide Urgestein der Frankfurter Luftfahrtszene und aus Südamerika stammend, Veranstalter und Seele von Deutschlands größter Luftfahrt-Sammlerbörse.

Normalerweise regieren Hector und Paula ihr Reich tief unter dem Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, ihre einmalige luftfahrthistorische Sammlung zieht Besucher aus aller Welt an. Erst kürzlich war der designierte Lufthansa-Chef Christoph Franz zum Antrittsbesuch in den Katakomben des Airports, seinem Vorgänger Mayrhuber vermachte Hector Cabezas Hunderte von Originalstücken fürs Lufthansa-Archiv.

Aber einmal im Jahr dürfen alle Interessierten unter Hectors Regie kaufen, verkaufen und tauschen was das Zeug hält. Die absurdesten Artefakte und Überbleibsel aus der weiten Welt der Luftfahrt liegen hier auf den Verkaufstischen, die man schon ein Jahr zuvor mieten muss, um noch Platz zu bekommen. Das Spektrum der angebotenen Waren ist kaum zu glauben.

Am vergangenen Wochenende mein Favorit: Eine Toilettentür aus einer Boeing 727 von American Airlines. "Was soll ich denn damit?", frage ich mit gespieltem Interesse den Verkäufer an dem Stand, wo "Alles muss raus" steht. "Die ist doch super für ein Gartenhaus", erklärt er mir ungerührt. Ich finde die Tür ehrlich gesagt weder nützlich noch dekorativ, dazu ziemlich sperrig.

Auch der angeschlagene Metallpropeller hier steht nicht auf meiner Einkaufsliste. Gleich daneben vertreibt ein junger Belgier, seit Jahren am selben Platz, sozusagen das Tafelsilber der 2001 pleitegegangenen Sabena. Erstaunlich, was nach so langer Zeit von einer verschwundenen Gesellschaft noch alles übrig ist: Hunderte Bestecke und Gläser, ganze Catering-Container aus Leichtmetall und Leuchtjacken des Wartungspersonals.

Da finde ich das Angebot eines Franzosen schon attraktiver: Er hat doch tatsächlich ein paar Originalteile der Concorde im Angebot, eine Verstrebung der Tragflächenstruktur sowie einen Abstandshalter vom Fahrwerk. Nach dem Preis frage ich gar nicht erst, denn wie immer auf dieser Sammlerbörse wird eher gefeilscht als getauscht, auch wenn es offiziell "Tauschbörse" heißt.

Und die Preise sind ganz schön heftig, wenn schon für gut erhaltene Flugzeug-Postkarten aus den fünfziger oder sechziger Jahren locker bis zu 40 Euro pro Stück bezahlt werden. Für alte Flugzeugmodelle sind schnell mal 800 oder gar über tausend Euro auf der Uhr. Händler Chris aus Kansas erklärt mir, dass er durch die ganze Welt reist, um Luftfahrtpostkarten, Flugpläne oder Sicherheitskarten aufzukaufen.

"Natürlich kannst du normale Flohmärkte abklappern und mit Glück das Zeug billiger finden, aber es ist eine Frage der Prioritäten, wie schnell Du mit Deiner Sammlung welches Niveau erreichen willst", sagt Chris. Jeder in der Nahrungskette des Sammelns muss schließlich auf seine Kosten kommen, wenn Luftfahrtfreaks im Kaufrausch sind. Und in ihrer Begeisterung sind die Leute oft erstaunlich spendabel.

Ich muss an eine verrückte Concorde-Auktion in Paris im November 2003 zurückdenken. Keine Spur von miefiger Turnhalle, sondern das Auktionshaus Christie’s hatte in seine edlen Räumlichkeiten nahe der Champs Elysées geladen und Tausende waren gekommen, um ihr ganz persönliches Erinnerungsstück an die Concorde zu ersteigern. Die Schlange vor dem Einlass wand sich um mehrere Ecken, ein extra Raum mit Übertragung musste geöffnet werden, um dem Ansturm Herr zu werden. Die Gebote aus aller Welt schossen in Sekunden ins Aberwitzige.

Ich schaffte es nach Stunden, eine kurze Phase der Ermattung im Publikum zu nutzen und für 2000 Euro den billigsten Posten des ganzen Abends zu ersteigern, ein Pitot-Rohr und ein Triebwerksinstrument. Das thront heute noch in meiner Bibliothek. Der Irrsinn des Abends war die Versteigerung der Concorde-Nase für 500.000 Euro an einen Banker. Wahrscheinlich steht das Ding heute noch vermoost irgendwo im Vorgarten seines Schlösschens.

Ich möchte aber wetten, dass der stolze neue Besitzer der American Airlines 727-Klotür aus Schwanheim seinen Kauf vom letzten Wochenende emotional viel heftiger erlebt hat. Wenn das Trumm denn überhaupt weggegangen ist.

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