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29.08.10

Deutschland-Reise

Romantik mit Maultaschen, Fachwerk und Japanern

Die Romantische Straße, 1950 eröffnet, um ausländische Gäste zu locken, ist Deutschlands berühmteste Ferienroute. Unterwegs im Nostalgiebus.

pa/Okapia

Die Romantische Straße, älteste Ferienstraße in Deutschland (und im Ausland als Romantic Road bekannt), feiert 2010 ihren 60. Geburtstag. Von Norden nach Süden: In Würzburg geht sie los.

26 Bilder

Am Schluss brummt einem der Schädel vor lauter Romantik. Na gut, vielleicht liegt es auch an der Hitze dieser Tage oder an den knurrenden 130 PS, mit denen uns der blauweiße Neoplan-Panoramabus, Baujahr 1958, sechs Tage lang wacker durch Deutschlands Süden und durch die Jahrhunderte gegondelt hat. Es ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Zeitreise entlang der Romantischen Straße, der ältesten Ferienroute Deutschlands: 60 Jahre ist sie in diesem Jahr alt, und noch immer ist sie gut für Überraschungen.

Im Zug von Berlin nach Würzburg in die fränkischen Weinberge, wo die Reise beginnt und wo seit diesem Jahr am Mainufer kein Alkohol mehr getrunken werden darf, fragt ein Berliner Kollege am Telefon, ob diese Straße nach der dummen oder nach der schlauen Romantik benannt sei. Solche Fragen fallen einem wahrscheinlich ein, wenn man zu viel in klimatisierten Büros sitzt. Mit "schlau" meint er den kunst- und literaturhistorischen Begriff: Im frühen 19. Jahrhundert entdeckte man – in Abgrenzung zur Klassik mit ihrer Antiken-Liebe – das verwinkelte, bunte Mittelalter als Hort einer idealen Kunst- und Lebensauffassung. So wie das etwas später auch auf den Biedermeiergemälden Carl Spitzwegs zu sehen ist oder eben noch heute leibhaftig in Dinkelsbühl an der Romantischen Straße. Eher dummromantisch dagegen seien, sagt der Kollege, "Sonnenuntergänge, Weihnachtsschlitten und Candlelight-Dinner, so was".

Nun, schauen wir mal in den Reiseplan. Bis Füssen stehen unter anderem Schnitzereien von Tilman Riemenschneider, das Weihnachtsmuseum und eine Nachtwächterführung in Rothenburg ob der Tauber auf dem Programm, außerdem eine Brotzeit auf der Alm und Schloss Neuschwanstein. Klingt alles schwer romantisch, so oder so.

Während sich die Straße nach Weikersheim durch das zartgrüne Taubertal schlängelt, erklärt uns Jürgen Wünschenmeyer, Geschäftsführer der Romantischen Straße, wie wenig wortklauberisch die aus der Region stammenden Erfinder der etwa 385 Kilometer langen Route damals vorgingen. Sollte die Strecke doch ursprünglich "Romantische Straße für verliebte Paare" heißen. Das war geradezu frivol in einer Zeit, in der sich als "Kuppler" strafbar machte, wer Unverheirateten ein Zimmer überließ.

Damals, 1950, war es schlicht notwendig, die vom Krieg zerbombten Gleisanlagen durch die bis heute fahrenden Linienbusse, sogenannte Europabusse, zu kompensieren. Und man wollte der Welt, speziell den Amerikanern, zeigen, wie weltaufgeschlossen, geschichtsträchtig und schön dieses Deutschland doch war. Wer sich hier heute mit dem Bus fortbewegt, ist am nächsten dran an dem Erlebnis, wie es vor 60 Jahren gedacht war. Verliebt zu sein schadet dabei auch heute nicht.

Wie das Studentenpärchen, das in Würzburg Blümchen auf das Grab des mittelalterlichen Minnedichters Walther von der Vogelweide legt. Wie im andachtsvoll vertäfelten Frühstücksraum des uralten Rothenburger Hotels "Eisenhut" das in die Jahre gekommene Paar, das unter dem milden Blick geschnitzter Madonnen sein Frühstück einnimmt, leise murmelnd, mit Stil. Oder wie die jungen Eltern in Nördlingen, denen das neu eröffnete "Jufa Gästehaus" eine freundliche Unterkunft bietet (und wo die Nacht trotzdem ruhig und erholsam ist).

Wir essen Bratwurst und Maultaschen, trinken Wein und Bier und entwickeln von Unterfranken über Schwaben bis Oberbayern zunehmend Sinn für die regionalen Aromen. In Augsburg kommt es sogar zu einem römischen Gelage, mit fein gewürztem Huhn und einem geharzten Wein-Aperitif, zubereitet nach den 2000 Jahre alten Rezepten des römischen Kochbuchautors Apicius.

Im Grunde ist die Romantische Straße ja viel älter als 60. Der älteste Prospekt, der in den Archiven aufzutreiben gewesen sei, sagt der Geschäftsführer, stamme aus der Zeit um 1900 und verwende den Ausdruck "Deutschlands Reiseweg Nummer 1". Eigentlich aber haben die Römer die Straße gebaut, jedenfalls was den südlichen Abschnitt betrifft. Die Via Claudia folgt, wie die Romantische Straße, von Augsburg bis Füssen dem Lech, die Trassen allerdings sind nicht ganz identisch.

Die Zeit blieb hier nicht stehen, auch wenn es teilweise so aussieht. Wegen der Mautflüchtlinge, die die Autobahn meiden, wird es bald auch hier eine Lkw-Maut geben, und angesichts vieler Fabrikhallen in dieser florierenden Region gab es in diesem Jahr eine erste Streckenverlegung, nun gehört auch das für seinen Blumenpark beliebte Städtchen Rain dazu.

Es sind nicht nur die Orte, romantisch ist bereits das Unterwegssein selbst, sofern man sich nicht von einem Navigationssystem den schnellsten Weg vorschreiben lässt, sondern sich den kleinen Sitzen im alten Panoramabus fügt: Sie zwingen einen zu einer Habt-Acht-Haltung nach allen Richtungen. Einer Haltung, in der sich die Spannung zwischen Glück, Kuriosem und Grauen gut aushalten lässt. Niedliches besichtigen wir, wie etwa ein Fingerhut-, ein Eisenbahn- und ein Käthe-Kruse-Museum, auch die von grasenden Pferden umgebene Wieskirche steht sehr putzig in der Landschaft herum. Und dann gibt es seit Kurzem in Creglingen ein kleines Museum, das die Geschichte seiner jüdischen Gemeinde beleuchtet; unweit von Landsberg am Lech verweisen grüne Schilder auf KZ-Gedenkstätten. Auch das ist die Romantische Straße.

Manche Legenden stehen in keinem Reiseführer. Wie die von Charly Brown, einst Fahrer der Europabuslinie 190. Unter seinem richtigen Namen Karlheinz Zobel kennt ihn kaum jemand, beim Spitznamen aber geraten die Bewohner entlang der Romantischen Straße noch heute buchstäblich aus dem Häuschen. Als unser Oldtimer in Harburg hält (die Burg wollte übrigens einst Michael Jackson kaufen), tritt eine Blumenverkäuferin aus ihrem Laden und fragt strahlend nach Charly, der stets mit Handschuhen und Zylinder unterwegs war. Jeden Tag, sagt sie, habe sie ihm eine Rose zum Schmuck des Busses gebracht.

"Die Welt muss romantisiert werden", forderte einst der Dichter Novalis. Zwischen Würzburg und Füssen interpretiert man diese Worte seit jeher praktisch. So war das auch mit den berühmten japanischen Hinweisschildern, die nötig wurden, weil es immer mehr Japaner auf die Romantische Straße zog. Eines Tages, erzählt man sich hier, sei Charly nach Japan geflogen, wo es ebenfalls eine Romantische Straße gibt und wo die Partnerschaft beider Routen gefeiert wurde. Kaum war Charly zurück, waren die fernöstlichen Schriftzeichen da. Er habe die Schilder heimlich angebracht. Sehr romantisch, "bei Nacht und Nebel".

Anm. d. Red.: Die Reise wurde unterstützt von der Romantischen Straße Touristik-Arbeitsgemeinschaft.

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