Casablanca & Co
Marokko – Reise durch ein Land voller Rekorde
Montag, 12. September 2011 14:08 - Von Carola FrentzenDie Metropole Casablanca hat das höchste Minarett, die zweitgrößte Moschee – und ein nachgebautes "Rick's Café".
Jeder kennt den Filmklassiker von 1942, nur wenige die namensgebende Metropole: Casablanca, die größte Stadt Marokkos am Atlantik. In "Rick's Café Américain" in Casablanca verliebten sich Ilsa Lund, gespielt von Ingrid Bergman, und Richard "Rick" Blaine alias Humphrey Bogart. Er formuliert in der deutschen Synchronfassung den berühmten Satz der Filmgeschichte: "Ich schau dir in die Augen, Kleines!" (im Original: "Here's looking at you, kid").
Was ist eigentlich geblieben von der Atmosphäre, die "Casa", wie die Einheimischen ihre Stadt nennen, damals umgab? Wir haben uns vor Ort umgesehen - denn ein Besuch lohnt sich inzwischen auch als Kurztrip dank verbesserter Verbindungen: Vom 21. Juni fliegt Royal Air Maroc auch von Berlin (neben Frankfurt) in gut dreieinhalb Stunden in die marokkanische Metropole.
Es ist eine Reise auf der Suche zwischen Mythos und Wirklichkeit. Die Drei-Millionen-Metropole ist die größte Stadt Marokkos, das wichtigste Handels- und Industriezentrum des Landes und der größte Hafen Nordafrikas - eine moderne Großstadt mit wenigen alten Bauwerken, aber mit vielen Cafés, Restaurants und Kinos. Entlang der Küstenstraße Corniche versammeln sich allabendlich junge Menschen; es wird gefeiert und getanzt bis zum Morgen, fast so wie man es an den Stränden des Mittelmeeres kennt.
Wenn man von einer erhöhten Position aus den Blick über die Stadt schweifen lässt, weiß man sofort, wie es zu ihrer Namensgebung kam: Das Wort Casablanca stammt aus dem Spanischen und bedeutet "weißes Haus". Tatsächlich sind die meisten Häuser weiß getüncht, selbst die Hochhäuser.
In der Nähe der Place Mohammed V. mit dem zentralen Springbrunnen, dem schönsten Platz der Stadt, serviert der freundliche Kellner Café au lait und dampfenden Thé à la menthe, die Spezialität Marokkos. Aus grünem Tee, frischer Minze und Zucker aufgebrüht, wird sie aus reich verzierten Teekannen in kleine Gläser gefüllt. Kunstvoll hebt der Kellner die Kanne immer wieder in luftige Höhe, während Pfefferminztee ins Glas fließt. Das erste Glas wird dabei meist noch einmal zurück in die Kanne geschüttet, um den Geschmack des Aufgusses zu verbessern.
"In Privathäusern sieht die Etikette vor, dass nach dem Essen mit Freunden und Verwandten mindestens drei Gläser Tee getrunken werden", erzählt der Stadtführer. Auch im kleinen Imbiss-Restaurant "Hatab" an der Küstenstraße gibt es Tee, der zusammen mit Falafel gereicht wird, während die Gäste einen traumhaften Blick auf die prachtvolle Moschee Hassan II. haben.
Sie ist die zweitgrößte der Welt und - obwohl erst 1993 eingeweiht - längst eine der Hauptattraktionen Casablancas, die selbst von weitem viel für das Auge bietet.
Der französische Architekt Michel Pinseau entwarf das Gotteshaus der Superlative: So ist das Minarett mit seinen 210 Metern das höchste der Welt; abends wirft es Laserstrahlen in Richtung Mekka. Im Inneren finden 25.000 Gläubige Platz, weitere 80.000 Menschen können sich auf dem riesigen Areal rund um die Moschee zum Gebet niederlassen. Dekorierte Kacheln in Zellij-Mosaiktechnik in leuchtendem Grün, Holzschnitzereien aus Zeder, Marmor aus Agadir, Granit aus der Oasenstadt Tafraoute und Stuckverzierung - das prächtige Bauwerk, an dem 12.500 Arbeiter und Handwerker sieben Jahre beschäftigt waren, kostete insgesamt 500 Millionen Dollar, die aus Spenden stammten. Sie ist die nach Mekka zweitgrößte Moschee der Welt. Auch Nicht-Muslime dürfen den Sakralbau besuchen. Gewidmet ist die Moschee König Hassan II. aus der Alawiten-Dynastie. Nach dessen Tod im Jahr 1999 übernahm sein Sohn Mohammed VI. das Zepter.

Touristen sollten sich durch die Straßen und entlang der prächtigen Boulevards von Casablanca treiben lassen. Schicke Geschäfte, gute Restaurants und das südfranzösische Flair vermitteln trotz des großstädtischen Chaos eine gewisse Urlaubsatmosphäre.
Im Restaurant "Al Mounia" im Stadtzentrum werden Pastilla aus hauchdünnen Teigblättern mit Mandelpaste und Hühnchenfleisch sowie "Couscous aux Légumes" serviert. Im reich dekorierten Innenraum und dem schönen Garten können Casablanca-Touristen am Abend entspannen und dem Lärm der Großstadt entfliehen. Und hier endlich erinnern die kleinen runden Tische mit ihren bunten Mosaiken, die grün, rot, braun, weiß und golden verzierten Wände, die Holzstühle mit ihren bestickten Kissen, die marokkanischen Dekorationen, die Kellner in der traditionellen Kleidung mit rotem Fez und einen Pianisten an vergangene Zeiten. So wie damals, als Sam, der Klavierspieler in "Rick's Café Américain", das Lied "As time goes by" spielte.
Was übrigens nur wenige wissen: Die amerikanischen Filmproduzenten hatten 1942 für 9200 US-Dollar lediglich eine Kulisse von "Rick's Café" bauen lassen, die wiederum dem "Hotel El Minzah" im marokkanischen Tanger nachempfunden war. Das Café existierte also 60 Jahre lang nicht in Casablanca, sondern nur auf der Kino-Leinwand - und in den Köpfen von Romantikern. Bis 2004, als die ehemalige amerikanische Diplomatin Kathy Kriger in Casablanca ein Café errichtete, das genauso aussieht wie jenes aus dem US-Streifen - originalgetreu bis hin zum Pianisten. Es empfiehlt sich, einen Tisch zu reservieren, denn das Café am Place du jardin public in der alten Medina ist stets gut besucht. Alle verliebten Pärchen haben jetzt also auch im wirklichen Leben vor der perfekten Kulisse zu sagen: "Spiel's noch einmal, Sam!"
Erschienen am 03.07.2010








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