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09.05.10

Rock-Blog

Lindenberg-Wahnsinn bricht sich in Hamburg Bahn

Was sich da Sonnabendabend im Hamburger Hafen ereignet hat – davon wird der Autor dieser Zeilen seinen Enkeln später nichts erzählen. Denn sie werden es ihm nicht glauben. Sie werden nicht glauben, dass da ein vom Wahnsinn geschickter Sänger mit Hut ein riesiges Schiff gekapert hat. Na gut, er hatte Hilfe.

Tine Acke

25 Bilder

Was sich da Sonnabendabend im Hamburger Hafen ereignet hat, davon werde ich meinen Enkeln später nichts erzählen. Denn sie werden es mir nicht glauben. Sie werden nicht glauben, dass da ein vom Wahnsinn geschickter Sänger mit Hut ein riesiges Schiff gekapert hat. Und dass er dieses Schiff fünf Tage in Grund und Boden gerockt hat. Mit 2000 Passagieren, mit dem Panik-Orchester, mit Jan Delay mit Nina Hagen.

Ein Passagier schreibt gerade diese Zeilen und fragt sich ernsthaft, wie er jemals wieder in das bürgerliche Leben zurückfinden soll. Dieser Rock-Liner von Udo Lindenberg wird in die Geschichte der Seefahrt eingehen.

Es ist 22 Uhr als wir den Hamburger Hafen erreichen. Langsam schiebt sich der Rock-Liner auf die Warteposition. Direkt vor Bloom & Voss. Dort, wo Schiffe geflickt werden, damit sie danach wieder auf See können. Hamburg feiert seinen Hafengeburtstag, die Stadt funkelt und wir erkennen die Menschenmassen, die da auf der Kaimauer warten.

Ich stehe auf Deck 12. Udos Soundexperte Norbert hat bis zum Horizont alles voller Verstärker gestellt. Marshall-Amps, so weit das Auge reicht. Und ich bin mir sicher: Hinterm Horizont geht’s weiter.

Kennen Sie die kleinen roten Lampen an diesen Boxen, die bedeuten "Standby"? Alle Amps sind "standby" – sie glühen vor. Und dann kommen immer mehr Leute, die eine E-Gitarre um den Hals haben. Und immer mehr stöpseln ihre Kabel-Klinken in die Verstärker. "Highway to Hell" dröhnt es, "Smoke on the water" oder "Brown Sugar". Die Rock-Liner Heroes üben ihre Riffs. Denn gleich nimmt der Wahnsinn hier seinen Lauf. Ich sehe nur noch Gitarren und glühende Amps um mich herum.

Noch zehn Minuten. In diesem Moment taucht an unserer Backbord Seite die Queen Mary 2 auf. Schüchtern fährt sie an uns vorbei, als wolle sie sagen: "Viel Spaß, aber wir haben hier nichts mehr verloren." Deren Passagiere haben keine Klampfen, sondern Krawatten um. Gute Fahrt und angenehme Nachtruhe.

Die Schiffsschrauben des Rock-Liners beginnen sich zu drehen. Wir nehmen Fahrt auf. Dann kommt Udo. Und es beginnen zwanzig Minuten, die hier keiner mehr vergessen wird. Die ersten Keyboard-Klänge von Odyssee. Und jetzt wird erst klar, was Norbert hier alles aufgetürmt hat: Wir rocken auch für Kiel, Neumünster und Rendsburg. "Odyssee, Odyssee – keiner weiß wohin die Reise geht!" Das Panik-Orchester spielt mit einem Druck von Deck – dieser Rock-Liner ist eine Revolution.

Die ersten SMS surren auf meinem iPhone ("Das glauben wir nicht"). Und dann kommt der Moment für die Panik-Passagiere. Hundert Gitarristen rocken an der Reling! Und dann steigt Udo ein: "Ich hab’ jeden, jeden Film von Dir geseh’n, Candy Jane. Du auf’m Pferd zusammen mit John Wayne!"

Hermjo Klein, Udo’s Tourmanager, wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. "Das gibt es nicht!" Und er hat immerhin schon die Rolling Stones Tournee gemacht. Dieser Udo L. ist wirklich von einem anderen Stern. In den Achtzigern hat er die Mauer mürbe gesungen, dann das große Comeback, und jetzt beginnt ein neues Kapitel der Kreuzfahrt.

Um Mitternacht legt der Rock-Liner an. Ich habe gerade gefrühstückt, und die Passagiere checken sprachlos aus. "Das können wir keinem erzählen." Und schon gar nicht den Enkeln. Thanx, Udo.

Am 28. August startet der zweite Rock-Liner von Kiel. Wieder mit "Mein Schiff" von TUI Cruises (Reederei-Chef Richard Vogel – alle Achtung für den Pioniergeist!). Rock-Liner zwei - ich bin dabei: "Odyssee, Odyssee – keiner weiß wohin die Reise geht!"

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