Schmuggel in den Bergen
Zöllner Schweighofers Gespür für "Schnee"
Mittwoch, 17. März 2010 00:22 - Von Stephan BrünjesZwei Orte teilen sich die schneesichere Silvretta Arena: Partyhochburg Ischgl (Tirol) und das stille Samnaun (Graubünden). Im zollfreien Samnaun werden Skifahrer leicht zu Schmugglern und oft von Europas "höchsten" Zöllnern geschnappt. Und es geht nicht immer nur um Schnaps, Zigaretten oder Parfum.
„Wie bitte?“ Der Snowboarder mit der coolen Sonnenbrille glaubt, er hat sich verhört. „Zollkontrolle, bitte öffnen Sie Ihren Rucksack“, wiederholt Inspektor Leonard Schweighofer deshalb ruhig, aber bestimmt. Der Snowboarder tut’s, kramt für den Zöllner widerwillig die Innereien seines Rucksacks hervor und scannt dabei irritiert die nähere Umgebung ab: Ist da nicht doch eine versteckte Kamera und dies alles ein schlechter Scherz?
Leonard Schweighofer zerstreut solche skeptischen Blicke mit einer Nachhilfeminute in Erdkunde: der Sonnenbrillen-Mann erfährt, dass er soeben mit dem Ausstieg aus dem schweizerischen Sessellift nach Österreich eingereist ist und dass hier – jenseits der EU-Grenze - für bestimmte Dinge Steuern fällig sind. Nicht jedoch für Snowboarders Schal, Ersatzhandschuhe und seinen Müsliriegel – er darf einpacken und weiterfahren.Genau das wollte kürzlich sehr dringend auch ein deutscher Skifahrer. Über ach so klamme Finger klagte er, den Rucksack auf seinem Rücken möge Schweighofer daher bitte selbst öffnen. Der Zöllner trat hinter den Mann, worauf dieser seine plötzlich überaus geschmeidigen Hände in die Skistöcke stemmte und davonbrausen wollte. Doch Schweighofer stand schon auf der Bindung des Möchtegern-Flüchtlings. Die Folge: Statt Weltcup-Start legte der Mann eine Kreisliga-Schwalbe in den Schnee und sein Schmuggelgut gleich mit: Zigarettenstangen, Schnapsflaschen und teures Parfüm für die liebe Gattin purzelten aus seinem Rucksack. Genau das hatte der Zoll-Inspektor erwartet. Skifahrer, bepackt wie Nikoläuse sind ihm verdächtig – meist zu Recht.
Die meisten kommen den Berg hoch aus Ischgl und carven auf der anderen Seite die breiten, buckellosen Pisten hinunter bis nach Samnaun. Hinein in einen gemütlichen Ort ohne Ischgls Ballermann-Sound, Kitzbühls Laufsteg oder St. Moritzs Bettenburgen. Dafür mit netten Pensionen und Hotels, in denen so manche Holzvertäfelung an Jugendzimmer der seligen siebziger Jahre erinnert. Ein erstarrtes Ski-Urlaubs-Museum also? Nein, vielmehr ein vitales Dorf mit implantierter Shopping-Meile: Auf 800 Einwohner kommen mehr als 50 Geschäfte. Jede ihrer Fassaden verkündet unübersehbar fett dieselbe Botschaft – mal lockt glitzerndes Airport-Design („Watches and Jewellery tax free“) die Schnäppchenjäger in die Läden, mal verwitterter Butterfahrt-Charme am „Zollfrei-Center Erica“.Billiger Zucker oder teure Klunker, Markenbutter oder Markenkleidung, fast alles ist in Samnaun 16 bis 20 Prozent billiger als in Deutschland und Österreich. Und das schon mehr als 100 Jahre. Damals konnten die Samnauner das Lebensnotwendige nur aus dem benachbarten Österreich über einen Ochsenkarrenweg in ihr entlegenes Bergdorf schaffen. Und weil schweizerische Zöllner an der Grenze den armen Bauern oft ihr letztes Geld abknöpften, nervten die Geschröpften ihre Regierung jahrelang mit dem Wunsch nach einer zollfreien Zone. Gewährt im Jahre 1892, ist sie längst bis heute ein Garant für den sichtbaren Wohlstand der Samnauner: Mit der weltweit ersten Doppeldecker-Bahn schaukeln sie bis zu 180 Skifahrer gleichzeitig in Zwei-Etagen-Gondeln hoch zum Alp Trida-Sattel, wo sie zum Finale der Skisaison Ende April umsonst und draußen gerne mal Tina Turner oder Rod Stewart rocken lassen. Und wenn zu Saisonbeginn wegen Schneemangels nur 30 statt 230 Pistenkilometern der gemeinsam mit Ischgl betriebenen Silvretta-Skiarena befahrbar sind, dann lassen die großzügigen Samnauner alle Urlauber gratis carven, solange bis der Schnee kommt. Oder der österreichische Zöllner...
Zusammen mit fünf Kollegen fährt Leonard Schweighofer Streife im Skigebiet, inzwischen mit guten Chancen – wegen guter Tarnung: in ihrem „Skianzug-Zivil“ sind sie nicht mehr von Urlaubern zu unterscheiden. Bis vor 15 Jahren hingegen waren sie oft Verlierer im hochalpinen Räuber- und Gendarmspiel, wegen ihrer schmucken, weithin sichtbaren Uniformen. Heute können Hobbyschmuggler gegen Schweighofer kaum gewinnen, schon gar nicht mit Anfängerfehlern wie den mit der Uhrenschachtel: „Wer sich unten in Samnaun eine Rolex für 13.000 Euro kauft, der möchte auch die edle Schachtel behalten“, erzählt der 50-jährige Zöllner . Also wird die „Beute“ verteilt: Die Uhr ans Handgelenk, die Schachtel in den Rucksack des Kumpels. „Wenn der erwischt wird, erzählt er uns entweder, er habe die Schachtel gefunden oder vom Juwelier als Liebhaberstück geschenkt bekommen“, berichtet Schweighofer und grinst: „in Deutschland sammeln anscheinend mehr Menschen Uhrenschachteln als Briefmarken...“Einmal geschnappt, lassen die Zöllner nicht locker: Name und Ausweis des Schachtel-Schacherers bitte, Hotel oder Ferienwohnung werden auch notiert. Kurz darauf kommt Besuch – die österreichische Finanzpolizei. „Wir finden die Uhr“, sagt Schweighofer mit fester Stimme und entschlossenem Blick, „wenn nicht im Hotel, dann später beim Schmuggler daheim.“ Amtshilfe macht’s möglich und aus der kleinen Ski-Schieberei für den Urlauber ein Erlebnis der Kategorie „Mein schlimmstes Ferienerlebnis“. Denn egal ob Rolex, Diamantcollier oder Zigarettenstangen – Schmuggelware wird eingezogen und anschließend versteigert. Es sei denn, der schmuggelnde Sparfuchs möchte die glitzernde Ware wiederhaben. Dann muss er sie erneut kaufen, im Falle der Rolex für weitere 13.000 Euro. Zuzüglich zu dem in jedem Fall fälligen Strafzoll.
Erschienen am 16.03.2010








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