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Liebe auf den zweiten Blick

Germanen-Report – Im Land der biederen Sorgfalt

Von Eichen und Fichten bewachsen, vom rauen Klima gepeinigt und Lehmhütten mit kleinen Fenstern: So sah die Französin Madame de Staël Deutschland, das sie zwischen 1803 und 1808 ausgiebig bereiste. Doch schon nach kurzer Zeit bemerkte sie eine Sanftheit in den Seelen, die diese unwirtlichen Gefilde bevölkerten.

Schlossruine in Deutschland
Foto: Nir Rackotch
Madame de Staël über Süddeutschland: "Die Trümmer alter Schlösser auf Berggipfeln machen einen peinlichen Eindruck. Eine Art von Schweigen in der Natur und in den Menschen presst das Herz des Reisenden zusammen".

Große häufige Waldstrecken deuten auf eine noch junge Zivilisation, der lang bewohnte südliche Boden trägt wenig Bäume, kein Schatten schützt gegen die senkrechten Strahlen der Sonne dieses durch Menschenhand nackte Erdreich. Deutschland trägt noch hier und da Spuren einer unbewohnten Natur. Von den Alpen bis zum Meere, zwischen dem Rhein und der Donau, findet man ein mit Eichen und Fichten bewachsenes Land, von majestätisch schönen Flüssen durchschnitten, von Bergen malerischer Ansicht durchkreuzt. Aber unabsehbare Heiden, Sandschollen, oft vernachlässigte Wege, ein rauhes Klima erfüllen im ersten Augenblicke die Seele mit Traurigkeit; nur allmählich entdeckt man, und späterhin, was an diesem Aufenthalt fesseln kann.

Der Süden Deutschlands ist sehr gut bewirtschaftet; dennoch stößt man auch in den schönsten Gegenden dieser Länder auf etwas Ernstes, welches eher an Arbeit als an Vergnügen, mehr an die Verdienste der Einwohner als an die Reize der Natur erinnert.

Die Trümmer alter Schlösser auf Berggipfeln, die Lehmhütten, die kleinen engen Fenster, der Schnee, der im Winter die unabsehbaren Ebenen bedeckt, machen einen peinlichen Eindruck. Eine Art von Schweigen in der Natur und in den Menschen presst das Herz des Reisenden zusammen. Es kommt ihm vor, als verfließe die Zeit hier langsamer als an anderen Orten, als übereile sich das Wachstum der Pflanzen ebensowenig wie die Bildung der Gedanken in den Köpfen, als zögen sich die geraden regelmäßigen Furchen des Landmanns auf schwerfälligem Boden dahin.

Gleichwohl, sobald man nur diese unwillkürlichen Empfindungen zerstreut hat, findet sich's, daß Land und Einwohner sich dem Beobachter in einer interessanten, dichterischen Gestalt zeigen, und man fängt an zu fühlen, daß sanfte Seelen und sanfte Phantasien diese Gefilde verschönerten. Die Landstraßen sind mit Reihen von Obstbäumen besetzt, deren Früchte den Reisenden laben sollen. Die Landschaften längs dem Rheine sind beinahe alle herrlich; man möchte meinen, dieser Fluß sei Deutschlands Schutzgeist; seine Gewässer sind rein, schnell, majestätisch, wie das Leben eines Helden im Altertum. Die Donau zerteilt sich in mehrere Arme; die Fluten der Elbe und der Spree trüben sich leicht, wenn der Sturm sie aufwühlt; der Rhein allein ist beinahe unveränderlich. Die Gegenden, durch welche er fließt, sind zugleich so ernst und so mannigfaltig, so furchtbar und so einsam, daß man geneigt ist zu glauben, er selbst habe sie angebaut, ohne alles Zutun der heutigen Anwohner. Dieser Strom erzählt, im Vorüberfließen, die Großtaten der ehemaligen Zeit, und Hermanns Schatten scheint noch über den steilen Ufern einherzuirren.

Allein die gotischen Denkmäler sind in Deutschland bemerkenswert. Diese Denkmäler erinnern an die Jahrhunderte des Rittertums; beinahe in allen deutschen Städten stehen in öffentlichen Kunstsälen Überbleibsel jener Zeiten aufgestellt. Man sollte glauben, die Bewohner des Nordens, die Welteroberer, hätten, ehe sie Germanien verließen, ihr Andenken unter verschiedenen Gestalten zurückgelassen, und das ganze Land gliche dem Aufenthalte eines großen Volks, das seit langer Zeit weggezogen. In den meisten Zeughäusern deutscher Städte findet man gemalte Rittergestalten aus Holz, in vollständiger Rüstung; Helm, Schild, Schienen, Sporen, alles ist nach alter Weise, und man geht unter diesen stehenden Toten einher, deren aufgehobener Arm den Nachbar zu treffen scheint, der dem Streich mit eingelegter Lanze begegnet. Dieses unbewegliche Bild ehedem so lebhafter Handlungen macht einen peinlichen Eindruck. Ebenso hat man nach großen Erdbeben verschüttete Menschen ausgegraben, an denen man noch immer den letzten Ausdruck ihres letzten Gedankens deutlich bemerken konnte.

Die neuere Baukunst in Deutschland liefert nichts Erwähnenswertes; im ganzen aber sind die Städte wohl gebaut, und die Eigentümer verzieren ihre Häuser mit biederer Sorgfalt. In manchen Städten sind die Häuser von außen bunt angemalt; man stößt auf Heiligenbilder, auf Zierate aller Gattung, nicht eben vom besten Geschmack, wodurch aber die Einförmigkeit der Wohnungen unterbrochen und der Wunsch angedeutet wird, Mitbürgern und Fremden zu gefallen. Der Glanz und die äußere Pracht eines Palastes verrät die Eigenliebe des Eigentümers; die sorgsame Verzierung, die Ausschmückung, der gute Wille der kleinen Wohnungen haben etwas Gastfreundliches.

Die Gärten sind in einigen Teilen von Deutschland fast ebenso schön wie in England. Immer setzt der Luxus der Gärten die Liebe zur Natur voraus. In England stehen einfach gebaute Häuser mitten in den prächtigsten Parks; der Eigentümer vernachlässigt seine Wohnung und schmückt mit Sorgfalt das Feld. Diese Verbindung von Einfachheit und Pracht findet sich, obschon nicht in demselben Grade, in Deutschland wieder; gleichwohl leuchtet bei dem Mangel an großem Reichtum, verknüpft mit dem alten Adelsstolz, eine gewisse Vorliebe zum Schönen hervor, welche, später oder früher, Geschmack und Grazie hervorbringen muß, weil sie die wahre Quelle beider ist. Oft stellt man in den prächtigen Gärten deutscher Fürsten, neben mit Blumen umpflanzten Grotten, Äolsharfen auf, damit der Wind zugleich Töne und Düfte durch die Lüfte herbeiführe. Also sucht die Phantasie der Bewohner des Nordens sich eine italienische Natur nachzubilden; und an einigen glänzenden Tagen des schnell vorübergehenden Sommers gelingt es einem manchmal, sich zu täuschen.

Die Autorin: Anne Louise Germaine de Staël-Holstein (1766-1817) war eine französische Schriftstellerin, bekannt als Madame de Staël. 1803/04 und 1807/08 reiste sie durch mehrere deutsche Staaten. Ergebnis dieser Reisen war ihr Hauptwerk "Über Deutschland".

Das Buch: Der Text ist das erste Kapitel ("Ansicht von Deutschland") aus dem Buch "Über Deutschland" von Madame de Staël. Kurz nach Erscheinen 1810 ließ Napoleon die komplette Auflage einstampfen - das gezeichnete Deutschlandbild war zu positiv, zu idealistisch. 1814 erschien die deutsche Erstausgabe. Eine vollständige, neu durchgesehene Fassung ist beim Insel-Verlag erschienen (858 Seiten, 18 Euro, erhältlich im Buchhandel).

Der Illustrator: Die Illustration hat der israelische Künstler Nir Rackotch mit Acrylfarbe auf Papier angefertigt. Rackotch wurde 1964 in Tel Aviv geboren und lebt seit 1997 in Berlin (www.rackotch.com)



Erschienen am 13.03.2010

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