Länderkunde
Germanen-Report – Starke Männer, emsige Frauen
Um 1850 veröffentlichte die Engländerin Favell Lee Mortimer übellaunige und kuriose Anekdoten über die deutschen Länder. Sie störte sich an mickrigen Tannen, schmutzigen Häusern und Soldaten auf Schritt und Tritt – lobte aber das Erscheinungsbild des deutschen Mannes und den Fleiß der deutschen Frau.
Die Holländer machen so viel Lärm, weil sie immer Holzschuhe tragen, die Schweizer sind schlichte Kreaturen, die Afghanen: furchterregend, dunkel und finster; und in Japan schlitzen sie sich selbst die Bäuche auf!" Die Engländerin Favell Lee Mortimer, eigentlich eine erfolgreiche Kinderbuchautorin, knöpfte sich um 1850 die Welt vor, um allerlei Boshaftes über ferne Länder und Völker zu schreiben, ohne jede political correctness. Als Maßstab diente ihr dabei ihre englische Heimat – und mit der konnte kaum ein Land mithalten: Nirgendwo gab es schönere Gärten, kein Flecken auf der Welt bot lieblichere Landschaften, und dass nur die Engländer richtig Tee kochen können, versteht sich von selbst. Drei Werke über alle bekannten Erdteile wurden damals veröffentlicht. Das war durchaus bemerkenswert, denn Mrs Mortimer hatte (bis auf kurze Abstecher nach Paris, Brüssel und Edinburgh) Südengland nie verlassen. Keines der Völker und Länder, über die sie so anschaulich lästerte, hat sie je selbst besucht. Als Quellen dienten ihr Nachschlagewerke und Zeitungsartikel, die sie übellaunig interpretierte. Das Ergebnis ist ein kurioser Schatz an Länderkunde. Ihre erfundenen Reiseanekdoten über die deutschen Staaten – von ihr aufgeteilt in Deutschland, Österreich und Preußen – haben wir für Sie zusammengestellt.
DEUTSCHLAND
Wenn Sie durch Deutschland reisen würden, sähen Sie schön geschwungene Hügel und große Wälder, aber nicht diese hübschen grünen Wiesen und Weißdornhecken wie in England. Wo sind die Kühe? Sie sind im Stall. Wie seltsam, die arme Kuh im Stall einzusperren! Ich bin sicher, wenn Sie eine Kuh wären, würden Sie lieber eine amerikanische sein, die sich an frischem Gras gütlich tun kann, und nicht eine deutsche, die Bündel von Heu in einem Stall frisst. Ich kann nicht behaupten, dass die Häuser besonders schön sind. Im Erdgeschoss ist der Kuhstall, was an sich nichts Schlechtes wäre, wäre das Zimmer im ersten Stock sauber; aber so ist es nicht. Weil die Frauen so viel draußen sind, halten sie ihre Häuser nicht sauber. Drinnen stehen eine Anrichte mit Borden, Betten mit Vorhängen und ein Herd, aber alles ist schmutzig und unbequem.
Essen
Die Deutschen stehen sehr früh auf und frühstücken um sechs oder sieben Uhr, aber sie begnügen sich mit einer Tasse Kaffee und etwas trockenem Brot, und sie trinken gewöhnlich ein Glas kaltes Wasser, bevor sie ihr Tagwerk beginnen. Die Deutschen trinken nicht oft Tee und wissen auch nicht, wie man ihn zubereitet. Ich habe von einer Magd in einem Gasthof gehört, die aus Versehen die Teeblätter kochte.
Aussehen
Viele Deutsche sind kräftige, große, gut aussehende Männer – kein Wunder, denn sie haben gutes Essen in Fülle und arbeiten hart, sodass sie es gut vertragen. Die Frauen sind frisch und hübsch, mit runden, lächelnden Gesichtern, blondem Haar und blauen Augen.
Die Frauen sind sehr fleißig, und sie nehmen ihr Strickzeug überallhin mit. Sie sind so in ihre Stricknadeln vernarrt wie die Männer in ihre Pfeifen. Es würde Sie überraschen, wie viele Socken sie stricken. Doch es ist weitaus besser zu stricken, als zu rauchen! Wenn sie in ihrem Hause sind, verbringen die Frauen einen Großteil ihrer Zeit mit Kochen; außerdem weben sie, und in großen Truhen bewahren sie sehr viel selbst gesponnene Leinenwäsche auf. Können sie denn nichts als stricken, kochen und weben? Oh nein, sie können auch Klavier und Harfe spielen und singen sehr lieblich. Aber nützliche Bücher lesen sie nicht gern. Wenn sie lesen, dann nur Romane über Menschen, die gar nicht gelebt haben. Dann wäre es doch besser, gar nichts zu lesen als solche Bücher.
Zu Weihnachten machen die Eltern ihren Kindern eine Freude, indem sie einen kleinen Baum besorgen, ihn mit Kerzen schmücken und mit künstlichen Früchten und kleinen Figürchen behängen. Auf den Tisch daneben legen sie Geschenke. Böse Kinder dürfen den Weihnachtsbaum nicht sehen und bekommen auch keine Geschenke.
Charakter
Sie werden bereits verstanden haben, dass die Deutschen sehr gütig sind und liebenswert in ihren Familien. Sie sind herzlich. Sie sind sorgsam und vorsichtig. Es wäre gut, wenn sie nur etwas ordentlicher wären und sauberer, besonders die armen Leute.
ÖSTERREICH
Ein Teil Deutschlands heißt Österreich. Der Kaiser, der es regiert, übt eine ungeheure Macht aus. Dennoch ist er sehr gütig, was Sie mir bestimmt glauben werden, wenn ich Ihnen erzähle, dass jede Woche an einem bestimmten Tag jeglicher arme Mensch bei ihm vorsprechen und seine Beschwerden vorbringen kann wie gegenüber einem Vater.
Wien
Niemand ist so versessen auf Gesellschaften wie die Bewohner Wiens. Morgens, mittags und abends denken sie nur ans Vergnügen und an Feiertage, an Musik und Tanz. Außerdem essen sie für ihr Leben gern gute Sachen.
Auf den Straßen wimmelt es von Kutschen, die mit großer Geschwindigkeit fahren, und es ist gar nicht leicht, ihnen aus zuweichen, weil es keine Bürgersteige gibt. Wenn die Wagen um eine schmale Kurve biegen, retten sich die erschrockenen Leute manchmal mit einem Sprung auf die Kutsche, statt von ihr überfahren zu werden, sodass man häufig Equipagen sieht, an die sich vorn und hinten Menschen festklammern. Die Straßen werden sehr sauber gehalten, doch mitten durch die Stadt fließt ein dunkler Strom, der ziemlich ekelerregend und ungesund ist. Eine große Zahl von Menschen in Wien hat Husten, weil ein kalter Ostwind weht.
PREUSSEN
Preußen ist kein schönes Land. Es ist voller sandiger Ebenen, hässlicher Sümpfe und mickriger Tannen. Es ist auch kein gesundes Land. Der Ostwind weht schneidend kalt, und der Boden ist sehr feucht. In einem Punkt aber ist es ein gutes Land, denn die herrschende Religion ist die protestantische. Außerdem walten eine Menge guter Gesetze, und den armen Leuten bringt man das Lesen bei. Schade, dass es so viele Soldaten gibt.
Essen
Die Preußen sind nicht so versessen aufs Essen wie die Österreicher. Sie begnügen sich mit Brot und Butter.
Die Preußen sind nicht so versessen aufs Essen, aber sehr aufs Trinken. Sie behaupten, bei ihnen gibt es kein gutes Bier und keinen guten Wein. Das stimmt; aber könnten sie nicht etwas Besseres zu trinken finden als Branntwein, wovon ihre Gesichter fahl werden, der ihrer Gesundheit schadet und viel Streit erzeugt?
Berlin
Die Hauptstadt von Preußen ist Berlin. Es ist auf sandigem Boden erbaut. Auf einmal steht man direkt vor einem sehr schönen Tor; in ganz Europa gibt es kaum etwas Vergleichbares.
Wenn man durch das Tor geht, kommt man in eine sehr vornehme Straße. Es ist die vornehmste in ganz Europa. Eine Allee führt mitten zwischen Linden und Kastanien hindurch. Die Häuser in dieser Straße gehören reichen Edelleuten. Am Ende der Straße, die fast eine Meile lang ist, liegt ein großer Sandplatz, auf dem keinerlei Gras wächst. An einer Seite liegt das Schloss des Königs.
Ob Ihnen Berlin gefallen würde? Ich habe Ihnen noch gar nicht von den Gossen oder Rinnsteinen erzählt, die es in jedem Stadtteil gibt, sogar in der Nähe des Königsschlosses, und die so schwarz und schmutzig sind, dass die ganze Stadt im Sommer sehr unerfreulich ist. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass der schwarze Fluss und die schwarzen Gossen sehr schädlich für die Gesundheit sind und in Berlin sehr viel mehr Menschen sterben als in London.
Auf Schritt und Tritt werden Sie auf Soldaten stoßen. Sie drängen sich in den Schnapsläden. Dies sind sehr schöne Gebäude, mit Spiegeln an den Wänden und wunderschönen Lampen, die von den Decken hängen, und Flaschenreihen in allen Farben, die die Toren dazu verleiten sollen, sie zu kaufen.
Ich muss leider hinzufügen, dass die Menschen, obwohl Preußen ein protestantisches Land ist, den Sonntag nicht heiligen, sondern abends sogar noch ins Theater gehen.
Potsdam
Obwohl Berlin so flach ist, gibt es einen Ort 20 Meilen entfernt, der sehr schön ist. Auf den Hügeln liegen viele prächtige Schlösser, die jeder besichtigen kann. In einem der Schlösser befindet sich ein Zimmer, in dem einst ein sehr gottloser Franzose lebte. Sein Name war Voltaire. Voltaire hat eine Menge Bücher geschrieben, die Menschen gelehrt haben, Gott zu verachten und Satan zu dienen.
Charakter
Die Preußen sind wie die Deutschen; und in Wirklichkeit sind sie Deutsche, denn der größte Teil Preußens wird Deutschland genannt. Aber sie sind lebhafter und nicht so langsam oder bedächtig. Und sie sind nicht so vernarrt in Geselligkeit und Schlemmereien wie die Österreicher.
Jeder raucht, sowohl die Armen wie die Reichen, und sogar die Jungen beginnen schon sehr früh, ihre Väter in dieser unnützen, üblen Angewohnheit nachzuahmen. Die Ladys und Gentlemen sind sehr höflich und tauschen gern Komplimente aus, aber die Ladenbesitzer sind unhöflich und scheinen sich nicht die Mühe machen zu wollen, ihre Waren auszulegen.
Die Autorin: In England, wo sie 16 Kinderbücher veröffentlichte, war Favell Lee Mortimer (1802–1878) ein literarischer Superstar, sie erreichte Millionenauflagen. Sie war streng protestantisch, ihr Weltbild von Bigotterie geprägt.
Das Buch: Der Text ist dem Buch "Die scheußlichsten Länder der Welt" von Favell Lee Mortimer entnommen, Piper Verlag, 245 Seiten, 8,95 Euro. Das Buch basiert auf Anekdoten, die zwischen 1849 und 1854 veröffentlicht wurden und in Vergessenheit gerieten. Der US-Journalist Todd Pruzan entdeckte sie vor einigen Jahren wieder und brachte sie neu heraus. Das Magazin "Esquire" schrieb dazu: "Großartig: ein Reisebuch, das an Fremdenfeindlichkeit nicht zu überbieten ist."
Der Illustrator: Die Illustration hat der israelische Künstler Nir Rackotch mit Acrylfarbe auf Papier angefertigt. Rackotch wurde 1964 in Tel Aviv geboren und lebt seit 1997 in Berlin ( www.rackotch.com )
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