Kenia
Lamu – der Häuserboom im teuersten Dorf Afrikas
Montag, 30. Januar 2012 12:40 - Von Camilla PéusNoch eine Insel der Individualisten, entwickelt sich Lamu immer mehr zum Sandkasten für Investoren. Seit die Unesco dem Eiland vor Kenia den Weltkulturerbe-Status verliehen hat, herrscht ein regelrechter Run – auch unter Prominenten – auf die Villen und Strandgrundstücke am Indischen Ozean.

Im Schein einer Kerosinlaterne werden nachts an der Kaimauer zwei Haie zerlegt. Tags darauf landen sie auf den Mittagstischen der Hafenrestaurants. Ein paar Esel, bepackt mit Weidenkörben voller Korallengestein, blockieren die schmalen Gassen der Altstadt von Lamu. Kein Motorengeräusch unterbricht die Laute der Tiere, von denen sich die Schwächsten im "Donkey Sanctuary", dem Esel-Hospital, erholen. Nur der Distriktverwalter legt ab und zu die Kurzstrecke zu seinem Büro im Land Rover zurück, dem einzigen Auto der kenianischen Insel.
Noch ist Lamu die Insel der Individualisten - allein schon wegen der Anreise: Wer über Nairobi oder Mombasa einfliegt (neun Stunden ab Frankfurt, 36 ab New York), mit einem 30-Sitzer auf der Holperpiste der Insel Manda landet und mit der Fähre zum Lamu-Anleger oder zum Nachbardorf Shela schippert, der fühlt sich um 100 Jahre zurückversetzt. Doch seit die Unesco Lamu 2001 den Weltkulturerbe-Status verliehen hat, herrscht ein regelrechter Run auf die vielen baufälligen Villen und Strandgrundstücke am Indischen Ozean.

"Fast jeder hat irgendeinen Freund oder Verwandten, der ein Haus verkaufen möchte", sagt Andrew McGhie, der erste seriöse Makler Lamus. Vor vier Jahren kaufte der Brite, der eigentlich über die Kolonialgeschichte der Insel schreiben wollte, ein 250 Jahre altes, verfallenes Swahili-Anwesen. Gemeinsam mit lokalen "fundis" erneuerte er die Wände aus Korallenbrocken und Kalkmörtel sowie die Deckenbohlen aus Mwangati-Holz. Er ließ opulente Türen nach alten Vorbildern schnitzen und kunstvolle "Vidaken", jahrhundertealte Ziernischen, in den Kalkstein modellieren, in denen religiöse Schriften und kostbares Porzellan aufbewahrt wurden. Die Fassade versiegelte er mit Wachs-Bodenpolitur gegen Tropenregen und Salzluft. "Viele der Handwerkstechniken wären beinahe in Vergessenheit geraten", so McGhie. Jetzt werden sie durch die ausländischen Bauherren wieder belebt.

Für nur 50.000 Euro bekommt man in Lamu ein baufälliges Objekt mit einem 100-Quadratmeter-Grundriss. Um es hochwertig zu renovieren und aufzustocken (maximal drei Etagen sind erlaubt), sollte man noch 100.000 Euro dazulegen. Auch Paul Weaver, eine von Lamus schillernden Persönlichkeiten, verwandelte ein verfallenes Swahili-Haus mitsamt Fledermauskolonie in ein Prachtanwesen. Gerade baut der amerikanische Bankier, der München nach 30 Jahren den Rücken kehrte, die alte Villa neben der eigenen für einen jungen Amerikaner zum Luxusrefugium samt Fitnessraum und Indoorpool aus.
Noch kostspieliger als die Immobilien in Lamu sind Baugrund und Häuser in Shela, dem Dorf mit kilometerlangem Puderzuckerstrand. Die Preise sind hoch, ungeachtet der Weltwirtschaftskrise oder dem Einbruch des Tourismus infolge der Präsidentschaftswahl 2007/2008. Nach Shela düsen Urlauber und Investoren mit wehenden Designer-Kaftanen im Motorboot und lassen ihre Koffer in märchenhafte Villen hineintragen. Die Fotoagentin Katy Barker flitzt auf ihrem Wasserski durch die Lamu Bay, und auf der Terrasse des legendären "Peponi"-Hotels, das hier schon seit dem Jahr 1967 steht, macht der Inseltratsch die Runde.
Auch Herbert Menzer ist Shelas Charme blitzartig verfallen: Am vierten und letzten Tag seines Urlaubs kaufte der ehemalige Hamburger Szenegastronom dort 2006 ein Grundstück mit Ruine. Angeboten hatte es ihm Kapitän Abdullah Bob, der ihn vom Flughafen abgeholt hatte. "Nach ein paar Segeltouren wurden Grundurkunde, genannt Title Deed, und Liegenschaftspläne herausgekramt", erinnert sich Menzer, der daraufhin schnell entschlossen mit Abdullah, einem Berater und einem Anwalt nach Mombasa reiste und den Kaufvertrag unterzeichnete.
"Die Situation war bizarr. Der Anwalt verschluckte derart viele Silben, dass ich ihn kaum verstand. Ich folgte nur meinem Gefühl." Mittlerweile hat Herbert Menzer drei Townhouses für etwa 800 Euro pro Quadratmeter gebaut. "Das ist teuer", gibt er zu, "aber heute sind sie ein Vielfaches wert." Das "Jaha House" mit 400 Quadratmeter Fläche, einem Pool mit Gegenstromanlage und der größten Vidaka von Shela (rund 2400 Euro) hat 250.000 Euro gekostet.
"Dabei hatte Salim, mein Organisator mit Bauchtaschenbüro und drei Handys, für alle baulichen Tücken Lösungen parat", so der Hausherr. Ebenso exklusiv sind die zehn Öko-Villen, die Leslie Duckworth am Kizingoni-Strand, dem Südzipfel Lamus, errichten ließ. Kosten: knapp 1,5 Millionen Euro mit Pool, Mahagoni-Betten und der Crew für eine Dau, dem traditionellen Segelschiff. "Ich hatte Glück", sagt die Unternehmerin. "Die jetzigen Besitzer kamen eines Tages einfach am Strand entlangspaziert und haben die Häuser gekauft."
Die Preise haben sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Erst kürzlich hat sich ein Ehepaar aus der Bretagne ein Grundstück am Shela-Anleger für rund 400.000 Euro gesichert, der ehemalige Besitzer hatte es vor 15 Jahren für 150.000 D-Mark gekauft. Immerhin: Sie integrieren die Hütte der Einheimischen, die seit jeher zum pittoresken Shela-Panorama gehört, in ihren Bebauungsplan. Eingewilligt hat das Dorf, nachdem eine Spende in unbekannter Höhe in die Gemeindekasse geflossen war.
Leider bleibt jedoch unsensibles Bauen auf Lamu nicht aus. In Shela und am Manda Beach haben Europäer protzige Burgen in den Sand gesetzt, die eher nach Miami Beach oder Dubai passen. Und: Die Gier nach Top-Lagen und der Geldsegen für die überwiegend islamischen Einwohner könnte verheerende Folgen haben, falls die Stadtverwaltung den Baugrund auf den Dünen freigibt. Denn die funktionieren als natürliche Süßwasserreservoirs. Die goldene Regel für zukünftige Bauherren lautet also: vor Ort bleiben und die traditionellen Fähigkeiten der lokalen Handwerker nutzen. Auch jede Besichtigung alter Swahili-Paläste in Lamu Town bringt Erkenntnisse. Stimmen muss vor allem das Budget: Misskalkulation und Ungeduld bei solch einem Abenteuer können schlimme bauliche Folgen haben. Schnäppchen gibt es auf Lamu keine mehr.
Erschienen am 09.02.2010








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