Nordsee
Auf Sylt lodern mächtige Feuer mitten im Eis
Verschneite Strände, romantische Friesenhäuser und ein unaufgeregtes Publikum machen Sylt auch im Winter zu einem attraktiven Erholungsziel. Und jedes Jahr im Februar wird die nordfriesische Insel zum Schauplatz eines schaurig-schönen Spektakels, denn dann findet das Biike-Brennen statt.
Von Stephan Brünjes
An der Westküste der Nordsee-Insel zieht sich der Strand endlos in Richtung Horizont.
Geradeaus ragt Keitums Kirche mit dreieckigem Turm auf, mal düster umwölkt, mal sonnenverwöhnt. Links propellern Windräder am Horizont, rechts tänzelt ein Möwenschwarm über dem reetgedeckten Nachbarhaus. Ja, die Fenster des Frühstücksraums im "Hotel Fährhaus" bieten einen 180-Grad-Panoramablick über Sylts Wattseite, und es stellt sich die Frage: Wohin zuerst? Unten im Hafenbecken, kaum größer als ein Schwimmbad, kamen früher die Fähren an. Dort, wo Passagiere ab 1867 im hölzernen Fährhaus auf die Überfahrt warteten, lassen ihre Ur-Enkel sich heute vom grandiosen Ausblick im Fünfsterne-Hotel für ihren Sylt-Tag inspirieren.
Dem rüstigen Rentner-Paar aus dem Rheinischen genügt das Wattenmeer vor der Tür für einen Spaziergang. Ihrem kläffenden Dackel namens Debbie auch, denn sein Jagdinstinkt wird geweckt durch drei Paddler, die ihre Kajaks knirschend vom Kiesstrand ins eiskalte Wasser abstoßen. Ein paar hundert Meter weiter auf einer Landzunge im Watt türmen zwei Männer mit hochgeschlagenem Ostfriesen-Nerzkragen einen gut und gerne drei Meter hohen Haufen aus Ästen, Heckenschnitt, Dachlatten und Holzpaletten auf. Nanu, schon die ersten Vorbereitungen für das Osterfeuer? "Nöbikbren", presst einer der "Hochstapler" mit "Seewolf"-Gesicht zwischen den Zähnen hervor. Übersetzt: "Nein, wir bereiten das Biike-Brennen vor."
Das Nationalfest der Nordfriesen also, das, garniert mit Punsch und deftigem Grünkohl, längst zu einer Art Watten-Karneval und Touristen-Attraktion für Tausende Besucher geworden ist: Jedes Jahr am Abend des 21. Februar brennen auf Sylt neun und an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste insgesamt etwa 50 bis 70 Großfeuer. Es heißt, die Feuer hätten einst dazu gedient, den Gott Wotan milde zu stimmen und den Winter zu vertreiben, aber auch, um allen Streit im Dorf beizulegen. Ein Schwur, der spätestens dann gelten soll, wenn "die Tonne" gefallen ist – der im Feuer auf einem Pfahl thronende Teertopf.
Wer mehr Auslauf und Action sucht, etwa um den fußlahmen Nachwuchs ruckzuck in fleißige Wanderer zu verzaubern, ist an Sylts Westküste richtig. Keine Strandkörbe, keine Sandburgen, weder Surfbretter noch Beachvolleyballfelder verstellen im Winter den Blick. Wohin man auch schaut auf diesem beigefarbenen Endlos-Band bis zum Horizont: Überall Sand in Sicht. Eine Aussicht, die offenbar alle Besucher magisch auf Trab bringt. Keiner schlendert hier, die meisten marschieren eher, so als müssten sie sich mit möglichst vielen Kilometern erst qualifizieren für einen Grog oder Tee in einer der geduckten, hölzernen Strandbuden namens "Kliffkieker" oder "Seenot".
Aus dem Tritt kommen nur Familienväter. Sie müssen alle paar Meter stoppen, weil ihre Kinder, dick eingepackt in Schneeanzüge und Gummistiefel, immer wieder mit der heranrauschenden Gischt der Nordsee um die Wette den Strand hoch sausen, quietschend vor Lebensfreude. Der Himmel, eben noch stahlblau, lässt nun einen körnigen Schneeschauer über die Insel peitschen. Doch kein Strand-Wanderer flüchtet, niemand nörgelt , ein bisschen "Hagel-Peeling" gehört zu diesem "Langen Marsch", der genaugenommen eine rezeptfreie Lungenkur ist unter dem Motto "Spazieren und inhalieren": Denn mit jeder Welle, die auf den Strand schlägt, werden winzige, heilende Tröpfchen – sogenannte Aerosole – in die Luft geschleudert. "Salze wie Natrium oder Magnesium etwa wirken entzündungshemmend", sagt Carsten Stick vom Institut für Medizinische Klimatologie der Uni Kiel, "das ist besonders wohltuend für Nasen, die sonst fast nur die Innenraumluft von Autos und Wohnungen einatmen."
Klar, dass auf einer Premium-Insel wie Sylt selbst diese eisige Prickel-Luft ein mondänes Etikett bekommt: "Champagner-Klima". Vielleicht, weil hier im Winter weit weniger Korken aus 400 Euro teuren Veuve Clicquot-Flaschen knallen – sogar in der "Sansibar" bei Rantum, der berühmten "Promi-Baracke" mit 45.000 Flaschen im Dünen-Weinkeller und Carpaccio vom australischen Wagyu-Beef auf der Karte.
Viele, die mit glühenden Wangen vom Strandtrip kommend hier einen Tisch ergattern, lassen sofort ihre Köpfe kreisen und knipsen den "Radar-Blick" an: Ist vielleicht der Kerner da? Oder Gottschalk? Die Christiansen? Mike Krüger oder Franz Beckenbauer? Nein, kein Kultmoderator, weder Komiker noch Kaiser. Dafür aber bester Kaiser-Schmarrn, komplett mit Vanille-Eis, einem Schuss Apfelmus, Preiselbeeren und Himbeer-Sahne-Creme. Beim Servieren sieht diese Mehlspeise ein bisschen aus wie die Dünen vor dem Fenster: Denn sie haben immer noch einen Puderzucker-Überzug – vom Schneeschauer vor zwei Stunden.
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