03.01.10

Mehr als Reisschnaps

"Home Stay" – Urlaub beim Bergvolk in Thailand

Einkaufen und Tempel in Bangkok, feine Palmenstrände in Phuket und auf Koh Samui – so erleben viele Urlauber Thailand. Schön und gut, aber wie leben die Thailänder? Wer an einem "Home-Stay"-Programm teilnimmt, erhält Einblicke in ihren Alltag, Reisschnaps und neue Freunde.

Auch Bergvölker wie die Karen und die Shan im Norden öffnen Haus und Hof für Urlauber. Das geschieht in der Regel unter der Obhut von Kommunen und Organisationen, die den nachhaltigen Tourismus fördern. Auch Kinder haben Spaß bei den Ferien in Thai-Familien – und können in den Gemeinden sogar den Kindergarten und die Schule besuchen.

Noch umhüllt Dunkelheit das Dorf. Grillen, Zikaden und Frösche werden aber ruhiger. Gegen 4.00 Uhr grunzen die Schweine neben dem Brennholz unter den Stelzen des Nachbarhauses, und die Hähne werden lebendig. Kurz nach 5.00 Uhr tippelt Kalayanee zum Reisstößel. Das Rundholz schlägt dumpf im Holzbottich auf. So trennt die 23-Jährige Körner und Schalen und macht die Tagesration Reis fertig. Ihr Vater öffnet knarrend die Tür zum Bad- und Toilettenhäuschen. Ein Eimer scheppert. Das Wasser ist kalt und macht wach. Es muss fast 6.00 Uhr sein – die Sonne geht auf.

Aus dem Küchenhaus der Familie Pongtwo quillt Rauch. Ehefrau Sangworn stellt Schalen mit Reis, Paprika, Okraschoten, scharf gewürztem Schweinefleisch, Fisch und gebratenen Eiern mit Gemüse auf die Bastmatte. Familie Pongtwo lebt im Dorf Mae Klang Luang im Nationalpark Doi Inthanon, gut 90 Autominuten entfernt von Chiang Mai. Um zu ihr zu kommen, geht es von der Metropole Nordthailands aus erst nach Süden ins Marktstädtchen Chom Thong und dann nach Westen.

"Mae Klang Luang gehört zu den 20 besten Orten Thailands, die auch Ausländern Familienquartiere, Gästehäuser und abwechslungsreiches Landleben anbieten und nachhaltigen Tourismus pflegen", erklärt Potjana Suansri vom Community Based Tourism Institute (CBTI) in Chiang Mai.

Etwa 20 Familien in dem 300-Seelen-Ort bieten Gästen Quartiere an. Andere vermieten etwas außerhalb zwischen den Reisfeldern Bungalows und Häuschen. Wer dorthin reist, sollte einen Tipp von Touristenführerin Thiratee Chaijaree beherzigen, die "Neck" genannt wird: "Ein paar Mitbringsel können nicht schaden." Bälle, oder Luftballons zum Beispiel würden im Kindergarten Freude bereiten.

Inzwischen hat sich der Gast im Wohnhaus der Familie Pongtwo von seiner Bastmatte und Matratze erhoben. Es ist 7.00 Uhr in Mae Klang Luang. Das Essen in der Familie des Karen-Volkes am Abend zuvor war lecker. Der Hausherr schenkte auch großzügig den Reisschnaps aus, den der Gast im Kramladen erworben hatte – dort wurde eine leere 0,7-Liter-Bierflasche für umgerechnet 1,20 Euro mit Hochprozentigem gefüllt. Nun gibt es die thailändischen Abend-Spezialitäten leicht variiert auch zum Frühstück – und später am Tage zum Mittagessen.

Als der Gast nach Kaffee fragt, nutzt Mister Pongtwo seinen Englisch-Wortschatz aus etwa 100 Vokabeln und sagt: "Okay. No problem." Der 45-Jährige bevorzugt Tee, frisches Quellwasser und flüssigen Reis – auch mal ein Schlückchen zum Frühstück. Die Ehefrau steht auf und geht zur Feuerstelle. Kein Qualm verbreitet sich im Küchenhaus.

Die stützenden Hauspfosten, neben denen auch die Wäsche hängt, sind meist aus Pinie, andere wichtige Teile aus Bambus.

Die Menschen in Mae Klang Luang sind freundlich, jeder grüßt jeden. Die Ruhe und ein gutes Gefühl von Sicherheit faszinieren viele Gäste. Die 26-jährige "Neck" übersetzt für sie von der Thai-Sprache, das die Karen in der Schule lernen, ins Englisch. Der Anbau hochwertigen Arabica-Kaffees, die Blumen-, Fisch- und Krabbenzucht "sind alles Projekte, die vom Königshaus gefördert werden". Und der Blick über Reisfelder und Palmen auf die Bergkuppen ist spektakulär.

Richtig arm ist keiner im Dorf. Die Natur und die Karen-Farmer decken reichlich den Tisch. Bei Familie Pongtwo stehen drei Mopeds unter dem Haus. Eine Parabolantenne im Hof zwischen Hühnern und Enten liefert 50 TV-Programme. Im Wohn- und Essraum verlieren sich außer dem Fernseher und vielen Matten nur drei Plastikkörbe mit Wäsche. Tische, Stühle und Schränke werden bei den Karen nicht gebraucht, Regale gibt es nur in der Küche.

Besonders die Frauen tragen noch die lange Kleidung mit gestickter Bluse und einer Art Wickelrock. Gäste können bei der Ernte helfen und auch Zuchtkrabben aus den Teichen in den tiefgrünen Reisfeldern herausfischen. Im Wald locken Wanderwege, Wasserfälle und kleine Tempel.

Lebhaft wird es im Kindergarten, wenn der ausländische Besucher eintrifft – gut, dass er nicht mit leeren Händen kommt. Die Vier- und Fünfjährigen lernen das Thai-Alphabet, unter dem Bilder von Reis, Elefanten, Affen und Palmen hängen.

Die Vorfahren der Karen stammen aus Birma und siedelten sich im Jahr 1787 in dem fruchtbaren Tal im Raum Chiang Mai an. Ihre Verwandten jenseits der Grenze leiden seit Jahrzehnten unter Birmas Militärregime. Kommune, Regierung und CBTI bemühen sich in Thailand, dass zwischen den Traditionen und neuen Anbaumethoden der Bergvölker sowie den Touristen-Bedürfnissen die Balance gewahrt wird. "Sie sind alle herzlich willkommen, wenn Sie unsere Sitten respektieren", erklärt Mae Klang Luangs Bürgermeister Pongsap Alaipraison.

Auch andere Bergvölker wie die Akha, Mon, Hmong, Lahu und Shan, meist aus Birma und Laos eingewandert, leben im Norden Thailands rund um die Städte Mae Hong Song, Chiang Mai und Chiang Rai. Im Dorf Huai Kee Lek bieten zum Beispiel Akha-Familien Quartiere an, in Ja Boo See offerieren Familien der Lahu Haus und Gastfreundschaft. Und in Mae Lana stehen die Türen der Shan umweltbewussten Touristen offen. Urlaub bei Familien ist aber auch in Inseldörfern mit weißen Stränden möglich, etwa auf Koh Yao Noi in der Provinz Phang Nga in Südthailand.

Im Kanaldorf Baan Klong Noi bei Surat Thani locken das Fischen sowie Bootsfahrten. Ein Bett und die Mahlzeiten sind oft für 300 Bath, gut sechs Euro, zu haben. Viele Dörfer mit einem "Home Stay"-Programm werden vom staatlichen Büro für Tourismusentwicklung betreut. "In jeder Kommune bilden wir einen Einheimischen aus, der sich mit den Gästen in Englisch verständigen kann", sagt Pairaya Juwattanasaran von dem Büro in Bangkok. Die Kosten für die Betreuung eines mitreisenden Dolmetschers entfallen dann.

"Wir fördern Begegnungen, Kulturaustausch und Freundschaften, keinen kommerziellen Tourismus", erläutert die Thai-Frau. Sie entschuldigt sich dafür, dass es viele Information nur in Thailändisch gibt. Um europäische Touristen wolle man sich nun aber auch nach und nach bemühen. Auch diese Behörde vermittelt Unterkünfte bei einigen hundert Familien, vor allem auch im armen Nordosten des Landes in Orten wie Mukdahan und Kalasin.

Auch wer im Internet nach "Homestay Thailand" sucht, findet Hunderte von kommerziellen Privatangeboten. Die Übernachtung im Zimmer mit eigenem Bad kostet in Bangkok, Hua Hin, Pattaya und in Städtchen zwischen den Reisfeldern mit Mahlzeiten oft knapp 20 bis gut 35 Euro.

Wer Zeit hat und auf Nummer sicher gehen will, kann bei solchen Anbietern zunächst Kontakt aufnehmen und sich Zimmer und Gastgeber anschauen – so wie es viele Individualreisende machen.

Quelle: dpa
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