Partyflaute
Paris kämpft um die Gunst der Nachtschwärmer
Montag, 9. Januar 2012 16:32 - Von Gesche WüpperParis ist nach wie vor die meistbesuchte Stadt der Welt, doch die Zahl der Gäste bricht immer weiter ein. Besonders bei Nachtschwärmern liegt Frankreichs Hauptstadt hinter Berlin, London oder Barcelona. Das will die Stadtverwaltung ändern. Die geplanten Maßnahmen reichen vielen aber nicht.

Vorbei die Zeiten, in denen die Jazz-Bars von Saint-Germain-des-Près international für Furore sorgten. Vorbei auch die Zeiten der wilden Partys bei Régines oder im Bains Douches. Doch all das soll sich nun ändern, wenn es nach dem Willen des Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoë geht. Er will alles tun, um die Metropole an der Seine aus ihrem nächtlichen Dornröschenschlaf zu holen. Immerhin geht es um die Gunst junger Touristen – und gerade bei denen liegen eben Berlin, Barcelona und London in der Beliebtheitsskala weit vorn.
Zwar ist Paris mit 28 Millionen Besuchern weiter die meistbesuchte Stadt der Welt, doch seit Januar ist die Zahl der Gäste um sieben Prozent eingebrochen. Für Frankreichs Hauptstadt ist die Tourismusindustrie mit 156.250 Beschäftigten die wichtigste Wirtschaftsbranche. Ausländische Besucher geben pro Tag im Schnitt 162,40 Euro aus. Übernachtungsgebühren brachten 2007 insgesamt 30,51 Millionen Euro in die Kassen, die 1400 Hotels kamen auf einen Vorsteuerumsatz von 4,44 Milliarden Euro.
Die Stadt Paris hat sich nun mit dem französischen Diskothekenverband zusammengetan, um mehr für die Nachtschwärmer zu tun. Dabei helfen sollen ein Internetportal und eine Broschüre, die über das Nachtleben, Ausgehviertel, regelmäßige Veranstaltungen und nächtliche Transportmittel informiert. Sie liegt in der Tourismuszentrale, an Bahnhöfen, in Jugendherbergen und Konzertsälen aus. Vergangene Woche startete die Stadtverwaltung das Internetportal www.parisnightlife.fr, das auf Englisch und Französisch über Clubs, Bars und Restaurants in Paris informiert.
Nicht nur angesagte Nachtklubs wie das „VIP Room Theatre“ oder das „Showcase“ finden sich. Per Suchmaschine können Partygänger Lokale suchen, die von der Musik, dem Publikum und der Lage am besten ihren Wünschen entsprechen. Dazu kommt ein Kalender mit den Terminen von Konzerten, Partys und anderen Veranstaltungen. Es überrascht nicht, dass vielen Akteuren der Club- und Musikszene die Initiative nicht weit genug geht. Seit Einführung des Rauchverbots Anfang 2008 machten ihnen Anwohner mit Klagen wegen Lärmbelästigung das Leben immer schwerer, stöhnen sie. Jahr für Jahr müssten Hunderte von Lokalen schließen, weil die Auflagen immer strenger würden.
So musste das Club-Schiff Batofar Ende vergangenen Jahres mehrere Wochen lang dichtmachen, weil es ein paar hundert Meter vom Schiff entfernt zu einer Messerstecherei gekommen war. „Nennen Sie mir eine andere Berufsgruppe, die für ihre Kunden so lange verantwortlich ist, bis sie zu Hause angekommen sind“, sagt Eric Labbe von der Plattenfirma My Electro Kitchen. „Wir sind in einem Land der Regeln und entsprechend ist das Nachtleben“, sagt Christophe Vix Gras von der Bar „Rosa Bonheur“.
Mehrere Vertreter der Musikszene – darunter der Verein Technopol, der in Paris nach dem Vorbild der Love Parade die Technoparade organisiert – haben im Internet unter dem Titel „Quand la nuit meurt en silence“ („Wenn die Nacht leise stirbt“) eine Petition für die Wiederbelebung des Nachtlebens und eine Lockerung der Auflagen gestartet. Die Unterschriftensammlung soll im Dezember mehreren Ministerien und der Stadtverwaltung übergeben werden. Wenn es so weitergehe, werde die Pariser Szene zerstört, wird DJ Dan Ghenacia vom Musikmagazin „Les inrockuptibles“ zitiert. Er ist nach Berlin gezogen. „Ich arbeite schon seit Jahren nicht mehr in Paris. Die anderen Künstler von meinem Plattenlabel ziehen auch aus Paris weg – nach Berlin oder in andere europäische Kulturhauptstädte.“
Erschienen am 25.11.2009








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