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Schweizer Wintergenuss

Verstehen Sie Spaß, auch auf der Bettmeralp?

Kanton Wallis. Ein Wintermärchen auf einer alpinen Sonnenterrasse mit Blick auf den Aletschgletscher. Die schweizerische Bettmeralp über dem Rhône-Tal ist schneesicher, autofrei und ein Promi-Magnet. Aber manchmal auch gespickt mit versteckten Kameras...

Moment mal, war's eben vielleicht doch ein Obstler zuviel da oben auf der Hütte? Oder warum sehen wir jetzt einen Skifahrer mit drei Beinen und ebenso vielen Ski an den Füßen den Hang hinunter schwingen? Nein – dies sind nicht die Folgen von Lokalrunden, sondern die Kurven eines Lokalhelden: Art Furrer, Mehrfach-Hotelier mit 450 Betten und Trickski-Akrobat ist für fast jeden Streich zu haben. Weshalb der 72-jährige schon gut 20 davon für die ARD-Veräppelungs-Show „Verstehen Sie Spaß?“ mitgedreht hat, viele davon hier oben auf den Pisten von Bettmeralp und Riederalp.

Das knapp 2000 Meter hoch gelegene Sonnenplateau ist eines von neun autofreien Skigebieten der Schweiz. Der Wagen bleibt unten im Tal-Parkhaus, auf die Bettmeralp geht’s nur per Seilbahn. Wer sie donnerstags nimmt, glaubt gleich bei der Ankunft schon an „Verstehen Sie Spaß“ und versteckte Kameras. Denn unter der Riesen-Gondel arretiert schaukelt ein Müllwagen nach oben – im Winter das einzige Auto mit Fahrerlaubnis auf der tief verschneiten Dorfstraße. Die gehört nämlich allein Spaziergängern mit Hunden, Vätern als „Zugpferden“ für Familienschlitten, Skifahrern in Schrittgeschwindigkeit und einigen Promis: Ex-Außenminister Klaus Kinkel etwa, ZDF-Polit-Reporter Peter Hahne oder Spaniens Königsfamilie. Einige hat Art Furrer hierher gelockt, darunter Kurt Felix und Paola – weil die nicht nur Spaß verstehen, sondern auch was von guten Skigebieten ohne Après-Ski-Remmidemmi.

Die Bettmeralp ist so eines – ideal für Genuss-Carver: Auf gut 50 Meter breiten blauen und roten Abfahrten mit den Brettern mal so richtig formschöne Halbkreise in den Schnee malen, das geht hier auf insgesamt knapp 100 Pistenkilometern. Meistens jedenfalls. Gut möglich nämlich, dass der Schwung jäh gestoppt wird von einer Pisten-Patrouille mit dem Warnschild „Stilkontrolle“: Zwei Männer mit strengem Blick halten die Skifahrer erst an, dann mahnende Vorträge über das zu schützende Image der Bettmeralp und verkünden den verdutzten Urlaubern schließlich, ihr Fahrstil sei zu schlecht und daher imageschädigend. Die Konsequenz: Pistenverbot, dokumentiert mit rot-weißen Aufklebern, den die vermeintlich schlechten Skifahrer gleich vorn und hinten auf ihre Jacken geklebt bekommen. Einige von ihnen schimpften so entrüstet, dass sie bis zum Schluss nicht merkten, wie sie von Harald Schmidt und Art Furrer mit versteckter Kamera hochgenommen wurden.


Eine der schönsten und garantiert scherzfreien Strecken hat ihren Startpunkt auf dem Bettmerhorn in 2653 Metern Höhe, mit Blick aufs Matterhorn inmitten einer imposanten Viertausender-Galerie. Bergab geht’s wie auf einer weißen Autobahn am Aletschgletscher entlang, dem mit 23 Kilometern längsten der Alpen. Der Aletsch hat zwar seinen Wintermantel an – meterdick Schnee - aber die sich Richtung Tal windende Gletscherzunge ist trotzdem von der Piste aus der Vogelperspektive gut zu verfolgen. Wer dem Aletsch näher kommen will, schnallt am Ende der Abfahrt auf der Riederalp einfach seine Ski ab und schaut in der Villa Cassel vorbei, einem victorianischen Herrschaftshaus mit Türmchen, Erkern und Ornamenten, erbaut vom deutsch-britischen Bankier und Naturforscher Ernest Cassel im Jahre 1900.Einst Urlaubsdomizil des britischen Premierministers Winston Churchill, der sich – getreu seinem Lebensmotto „no sports“ - noch per Sänfte auf 2000 Meter hochtragen ließ, ist die Villa heute das „Pro Natura“-Ökozentrum mit anschaulichem Gletscher-TÜV. Einen halben Meter „fließt“ der Aletsch täglich, lernt man hier und dass er pro Jahr etwa 30 Meter schrumpft. „Viel mehr und viel schneller als in vergangenen 'Schrumpf-Phasen' – vermutlich infolge der Klima-Erwärmung“, sagt Laudo Albrecht, Leiter der Natur-Villa.

Unten im Dorf ist der Gletscher zwar nicht zu sehen, ruft sich aber gern in Erinnerung – als riesige Nebelmaschine. In dem vom Aletsch aufsteigenden Dunst gleicht die Bettmeralp oft einer Waschküche. Skifahren? Unmöglich. Dennoch zieht´s vor allem Kinder auf „schwarze Pisten“ – die steilen Wege im Dorf. Hier fahren sie mit Schlitten ihre Rennen, kurven geschickt zwischen holzvertäfelten Chalets namens „Frohsinn“ oder „Romantica“ durch und legen im Ziel als „Hacken-Schorsch“ eine Vollbremsung hin – bevorzugt am kostenlosen Schräglift, der sie dann wieder ins oberste Stockwerk der schneeweißen Terrassenlandschaft bringt.

Wer nicht auf derlei Fahrstuhl-Formel I steht, kann beweisen, dass er von Tuten und Blasen Ahnung hat - bei Hilar Mangisch, einem der wenigen Alphornbauer der Region. Er zeigt in seiner Kellerwerkstatt, wie er die meterlangen Instrumente aus fein geschliffenen, filigranen Holzteilen formt und verleimt und fordert dann jeden Besucher auf, selbst mal dicke Backen am Mundstück zu machen. Gar nicht so einfach, da einen Ton rauszubringen.

Tags drauf, die Bettmeralp und ihre Pisten erstrahlen wieder in gleißendem Sonnenlicht, Skiläufer carven die „Schönbiel“-Abfahrt herunter, nicht ahnend, dass der Miterfinder ihres Fahrstils gleich nebenan in der „Furri-Hütte“ beim Kräutertee sitzt: Art Furrer, der „Verstehen-Sie-Spaß-Vogel“. Jux und Tricks hatte er schon als junger Skilehrer Ende der fünfziger Jahre im Programm und außerdem einen Fahrstil, der statt Umsteige-Technik mehr auf Gleichgewichtsverlagerung setzte – eine Frühform des Carvings. Gründe genug, um den Brettl-Rebellen aus dem damals engstirnig strengen schweizerischen Verband zu werfen.

Gefrustet, mit einem Überfahrtsticket und 36 Dollar in der Tasche flüchtete Furrer in die USA, wurde dort schnell ein bekannter Trickski-Akrobat, Stuntman bei James Bond, Skilehrer der Kennedy-Familie und von Dirigent Leonhard Bernstein. Deutlich wohlhabender als bei der Abreise kehrt Art Furrer zu Beginn der Siebziger zurück, beginnt zwischen Bettmeralp und Riederalp ein Hotel-Imperium aufzubauen und beschreibt schon 1974 die Technik des Carvings in einer US-Fachzeitschrift.

Nun fehlen bloß noch die taillierten Brettln für den Durchbruch dieses Fahrstils. Doch Art Furrer lässt Anfang der Achtziger Jahre zunächst andere bauen - vier Meter lange Latten, natürlich auch für einen Gag mit versteckter Kamera. Seine bange Frage damals: „Verstehen Ski Spaß?“ Ja, das tun sie und brechen nicht durch, während Furrer, verkleidet als tölpeliger Amerikaner mit Cowboyhut, darauf einen Skikurs absolviert. Barbara, die beflissene Skilehrerin, versucht ihm den „Schneepflug“ beizubringen und fällt fast in Ohnmacht, als Furrer mit seinen Viermeter-Ski ungebremst einen Hang hinunter, ins knietiefe Wasser eines Bergbachs rast. 20 Millionen TV-Zuschauer hingegen amüsieren sich wenige Wochen später diebisch drüber.



Erschienen am 21.11.2009

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