20.02.13

Tausendsassa

Wie Willy Bogner einst den Walkman erfand

Legende mit drei Leben: Wintersport, Mode und Filme machen Willy Bogner zu der Persönlichkeit, die er ist. Aber auch Erfinder? In den Siebzigern entwickelte er ein Gerät, mit dem Sony Erfolg hatte.

Foto: Getty/Wikipedia/Esa Sorjonen/CC3.0

Das Split-Screen-Verfahren für synchrone Bildübertragungen ließ sich Willy Bogner patentieren – die Erfindung, aus der der „Sony Walkman“ hervorging, dummerweise nicht
Das Split-Screen-Verfahren für synchrone Bildübertragungen ließ sich Willy Bogner patentieren – die Erfindung, aus der der "Sony Walkman" hervorging, dummerweise nicht

Das Gefühl "Winterurlaub", das kann das der erste lang ersehnte Bissen Kaiserschmarrn in einer Tiroler Skihütte sein, die erste Fahrt mit der Gondel auf den Gipfel, das selbstgebaute Iglu, ein Wanderung auf Schneehschuhen durch einen dick verschneiten Wald oder der erste glimpflich verlaufene Sturz im frisch gefallenen, daunenweichen Tiefschnee sein.

Zum Winter gehören für manche aber auch Skifilme, Freeskiing-Videos, einschlägige Magazine mit Fotos von wahnwitzig zu nennenden Stunts, mit Materialtests und Skigebiet-Reports. Zu jeder Saison gibt es neue Bücher, etwa "Die 12 besten Skihotels" (von Georg Weindl) oder "Endless Winter" (von Michael Neumann). Beide Lusmacher-Bände leben nicht zuletzt von den farbigen Fotos, die bei den vom Wintersport-Virus befallenen Betrachtern den Ich-pack-gleich-meinen-Koffer-Reflex auslösen.

In ihrem mehr als 330 Seiten starken Buch "Lust auf Schnee" verzichtet Ines Sebesta vollends auf optische Unterstützung. Keine Fotos, keine Zeichnungen, keine Grafiken. Ihr umfangreiches Werk dient allein dem Lesen. Und sie, die Skiverrückte und Bergvernarrte, fordert vom Leser im Grunde, er möge doch bitteschön dieselbe Leidenschaft mitbringen.

Bretter, die die Welt bedeuten

Für die Lektüre des überaus kenntnisreich und fast schon versessen geschriebenen Buches ist es zwar nicht Voraussetzung, die Kräfte, die beim Skifahren wirken, benennen oder gar analysieren zu können. Wen interessiert schon auf den Brettern, die vielen die Welt bedeuten, Normalkraft, Bodenkraft, Gewichtskraft oder Hangabtriebskraft? Es geht um das einzigartige Gefühl beim Carven oder Boarden.

Auch das tiefe Verständnis vom physikalischen Aufbau des weißen Goldes ist keine Grundvoraussetzung, das kleine blaue Büchlein mit 45 Kapiteln "Skigeschichte(n) zum Staunen und Schmunzeln" von Ines Sebesta verstehen. Wer macht sich beim Winterurlaub schon Gedanken über die Schichten der Schneedecke, über Härte, Dichte, Kornform oder Korngröße? Wer versteigt sich in Wasser- und Luftdurchlässigkeit von Porenräumen im Schnee, wer weiß schon, ob die Entstehung von Schnee in der Atmosphäre überhaupt jemals wissenschaftlich vollends geklärt worden ist?

Ines Sebesta sinniert nicht über gefrierende Wasser- und Sauerstoffatome, über sechseckige, sechskantige Schneekristalle und 60-Gradwinkel zwischen den Ästen eines Schneesterns. Aber die Autorin nimmt es dennoch ganz genau, wenn es um ihren Sport und die "Lust auf Schnee" (Wieser Verlag, 334 Seiten, 12,95 Euro) geht.

Tschechen kennen kein Après-Ski

Ihr blaues gebundenes Buch ist ein Füllhorn von Gedanken, Erklärungen, Fiktivem, Interviews, Historie, Lyrik und praktischem Nutzwert. Die kleine Skibibel (ein wenig sieht der Band tatsächlich wie das Buch der Bücher aus, das in praktisch jedem Hotelzimmernachtkästchen steckt) ist umfangreich und irgendwie wahllos zugleich. Sie beleuchtet die norwegischen Anteile am Skilauf an sich, honoriert aber beispielsweise nicht die britischen Verdienste um den alpinen Tourismus.

Es regt zum Schmunzeln an (etwa in dem Kapitel über den feinen Unterschied zwischen deutschen und tschechischen Skifahrern wenn es um das Thema Après-Ski geht: "Außerdem müssen Tschechen mit dem Trinken nicht bis zum Après-Ski warte, sie haben ja einen Flachmann in der Skijacke."). Aber eine leichte, schwingende, dauerhaft unterhaltsame kolumnenartige Schreibe (etwa à la Axel Hacke, Jan Weiler oder Harald Martenstein) darf man von dem Band nicht erwarten.

Sebesta gibt einige längere, manchmal auch langatmige Gespräche zu Protokoll und versteigt sich auch noch (unnötigerwiese) in Gedichtformen. Die Lyrik in Kapitel 3 "Der Berg" ist recht banal ("Der Berg. Er ist einfach da. Groß und imposant. Majestätisch. ... Die Ferne schärft den Blick für die Relation. Diese unwahrscheinliche Größe und Weite und gnomenhaft winzig geradezu der Mensch.") driftet doch arg ins Banale ab und wirkt leider verkrampft bemüht.

Willy Bogner, Tausendsassa

Erhellend und frisch wirken dagegen einige aufgezeichnete Gespräche. So spricht die Autorin mit Willy Bogner, und der Mann hat ja nun wirklich einiges zu erzählen (ob man die Modemarken "Fire + Ice", "Sônia Bogner" oder "Bogner" nun persönlich mag oder nicht. Bogner ist natürlich Modemacher, er ist Wintersportler (gewann 1959 als 17-Jähriger als erster Deutscher die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen und fuhr in Squaw Valley 1960 fast zu Olympiagold im Slalom. Bogner ist Filmemacher (z.B. "Feuer und Eis, 1986 und drehte als Spezial-Kameramann berühmte Szenen für vier James-Bond-Filme. Er war Olympia-Manager für "München 2018" und half mit seinem Know-how und seinem filmischen Können, dass Sotschi die Winter-Olympiastadt 2014 wurde.

Dass Bogner aber auch ein echter Tüftler und Erfinder ist, mag überraschen. So hat er beispielsweise 1986 ein Split-Screen-Verfahren für synchrone Bildübertragungen entwickelt und auch patentieren lassen. Wer Übertragungen von Skirennen kennt, hat sicher schon die nachträglichen Analyse-Videos, in denen zwei oder mehrere Rennläufer (in Zeitlupe) überlappend gezeigt werden bestaunt. Bogner: "Es gibt da ein ungeheures Potenzial. Die Bilder der Läufer könnten noch während des Laufes gehostet, also übereinandergelegt werden; so könnte der Zuschauer sehen, wann die Führung wechselt."

Einmal, und das wurmt ihn besonders, hat er eine Erfindung allerdings "nicht als patentfähig erachtet". Mit finanziellen Folgen. "Mitte der Siebzigerjahre", so wird er im Buch zitiert, hatte er die Idee, "unseren Skifahrern Musik von einem Kassettenrekorder über integrierte Kopfhörer zuzuspielen, denn das war auf der Piste immer ein großes Problem. Zwei Jahre später wurde das als Walkman ein Welthit."

Den Schnee riechen

Dass sich Ines Sebesta nicht nur in dem Metier Schnee auskennt und ihre Leidenschaft für die Berge und den (nicht immer nur sportlich bestimmten) Aufenthalt in ihnen brennt, ist nicht zu übersehen.

Und nur wenn man selbst ähnlich tickt, wenn man die Wettervorhersage für anhaltende Schneefälle nicht als schlechtes Wetter, sondern als Verheißung für besonders schöne Stunden auf den Brettern versteht, wenn man beim entrückten Blick in dräuende Wolkenberge den Schnee schon förmlich riechen kann, dann kann man diesem Sammelsurium rund um die "Lust auf Schnee" einiges abgewinnen.

Und wenn man in den Siebzigern (oder früher) seine ersten "Bogerl" gemacht und eifrig in Skischulen geübt hat. Wer sonst kennt noch die Garhammer-Familie (sechs Brüder und eine Schwester), die in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts als Pioniere des Trickskilaufs in die Geschichte eingingen.

Über die "die wilde Arte des Skifahrens"

Sebesta findet einen interessanten, lesenswerten Ansatz, Fuzzy Garhammer (sein Name steht heute für eine der fortschrittlichsten Ski- und Snowboardschulen Deutschlands) über "die Zukunft des Schneesports und die wilde Arte des Skifahrens" sinnieren zu lassen: Sie moderiert ein Gespräch zwischen Fuzzy Garhammer und Frieder Beck (Trainer DSV-Nationalmannschaft Freestyle, Diplomsportwissenschaftler und Neurowissenschaftler) über Rocker, Semirocker Twintips, über Buckelpisten, Tiefschnee und Freestyle.

Zitat Beck: "Mein Herz hängt natürlich an der Buckelpiste und den Sprüngen. Der Tiefschnee fasziniert mich vor allem bei hohen Geschwindigkeiten. Dann wird das Spiel zwischen Fahrer und Gelände deutlich aggressiver, und die Reaktionen müssen blitzschnell ablaufen ... Aus Perspektive der Hirnforschung bietet der Skifreestylesport reichlich dopaminerge Erlebnisse."

Foto: Michael Neumann

Tiefschnee ohne Ende: „12 Monate, 12 Destinationen, 12 Kapitel – Ein Jahr Skifahren nonstop“ – so lautet der Untertitel des Bildbandes „Endless Winter“ von Michael Neumann, der dem Winter um die ganze Welt hinterher gereist ist.

15 Bilder
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