29.01.13

Deutschlandtourismus

"Kirchenbesuche sind für Muslime kein Fauxpas"

Deutschland liegt auf Platz 9 der religionsfreundlichsten Reiseziele für Muslime. Bayern hat daran großen Anteil, bestätigt der Chefredakteur der "Islamischen Zeitung" und räumt mit Vorurteilen auf.

Foto: picture-alliance/ dpa

Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode (l) führte als erster Diözesanbischof Deutschlands eine Gruppe von Muslimen durch den Dom in Osnabrück. Das war 2006. Inzwischen ist die Zahl muslimischer Touristen in Deutschland um ein Vielfaches gestiegen, insbesondere in Bayern.
Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode (l) führte als erster Diözesanbischof Deutschlands eine Gruppe von Muslimen durch den Dom in Osnabrück. Das war 2006. Inzwischen ist die Zahl muslimischer Touristen in Deutschland um ein Vielfaches gestiegen, insbesondere in Bayern.

Malaysia, Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate, Türkei, Saudi-Arabien, Indonesien, Marokko, Jordanien, Brunei und Katar – das sind die Top-Ten-Reiseziele muslimischer Touristen 2013, ermittelte das islamische Touristikunternehmen Crescentrating in einem Ranking.

Muslime reisen gern in muslimische Länder – das ist wenig überraschend und wäre für sich genommen auch keine Meldung wert. Doch Crescentrating erstellte auch eine Liste der nicht-islamischen Lieblingsreiseländer, und da kam Deutschland unter die Top Ten.

Mit Platz 9 liegt die Bundesrepublik noch vor Hongkong. Und unter den europäischen Ländern schneiden lediglich Bosnien-Herzegowina (2) und Großbritannien (6) besser ab. Angeführt wird das Ranking von Singapur, ebenfalls gut platziert sind Thailand (3), Südafrika (4), Indien (5), Sri Lanka (7) und Australien (8).

Gebetsräume am Münchner Flughafen

Bereits vor einem Jahr hatten die Crescentrating-Tester in ihrem Ranking die bayerische Landeshauptstadt München gewürdigt, in der es nicht nur viele Moscheen gebe, sondern auch Gebetsräume am Flughafen, sowie Restaurants, die eine Ernährung nach islamischen Religionsnormen ermöglichten.

Die Rücksichtnahme auf muslimische Gäste geht im Freistaat so weit, dass in einem Werbeprospekt für die Zugspitzbahn das Gipfelkreuz auf Deutschlands höchstem Berg "ausgeblendet" wurde, was hierzulande allerdings zu Protesten führte. Die Zugspitzbahn rechnet in diesem Jahr mit 20.000 bis 25.000 arabischen Touristen.

Über Probleme mit christlichen Symbolen, Halal-Hotels und über westeuropäische Ferienanlagen sprachen wir mit dem Chefredakteur der "Islamischen Zeitung", Stefan Suleiman Wilms. Als gebürtiger Deutscher, der mit 20 Jahren zum Islam übertrat, ist Wilms (42) nicht nur mit den Denkweisen in den verschiedenen Kulturen bestens vertraut, sondern möchte mit der monatlich erscheinenden Publikation nach eigener Darstellung auch eine Brücke zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen schlagen.

Berliner Morgenpost: In einem aktuellen Prospekt wurde die Zugspitze ohne Gipfelkreuz abgebildet. Ist die Annahme, christliche Symbole könnten strenggläubige Muslime aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder aus Saudi-Arabien von einer Reise nach Bayern abhalten, aus Ihrer Sicht fundiert?

Stefan Sulaiman Wilms: Da insbesondere Bayern – und hier gerade der Raum von München bis zu den Alpen – seit Jahrzehnten bei arabischen Touristen mit die beliebteste Destination in Deutschland ist, kann es eigentlich keine Probleme damit geben.

Die zumeist wohlhabenden Gäste vom Golf – oder aus anderen Teilen der muslimischen Welt – sind sich ja bewusst, dass sie in ein nichtmuslimisches Land reisen. Und sie wissen zwischen den Dingen, die sie interessieren und an denen sie Anteil haben möchten und einheimischen Gebräuchen, die sie nicht tangieren, zu unterscheiden.

Berliner Morgenpost: Neben einem muslimischen Gebetsraum auf der Zugspitze gibt es seit einiger Zeit im Gletscherrestaurant "Panorama Lounge" auch eine Toilettenanlage nur für Muslime. Ist eine solche Absonderung notwendig, was stört Muslime besonders an hiesigen Toiletten?

Wilms: Wie gesagt, im absoluten Regelfall stören sich weder einheimische oder auswärtige Muslime an hiesigen Gepflogenheiten, noch birgt das Thema irgendwelchen Konfliktstoff.

Es sei denn, man sucht ihn. Solche Entscheidungen gehören schlicht und einfach zum Marketing und zur betriebsinternen Entscheidung der jeweiligen Einrichtung. Das findet meines Erachtens auf der gleichen Ebene statt wie Restaurants, die fleischlose Gerichte für ihre vegetarischen Gäste im Angebot haben.

Berliner Morgenpost: Welche Service-Leistungen sollten gute Hotels erbringen, um den Religionsnormen ihrer muslimischen Gäste im Mindesten zu entsprechen?

Wilms: Das hängt natürlich zuallererst von der Klasse des Hotels ab. In München kann es schon vorkommen, dass Familien über einen Zeitraum von mehreren Wochen zehntausende Euro auszugeben bereit sind.

Je nachdem, wie sehr man sich das Segment sichern möchte, ist ein gewisses Entgegenkommen natürlich von Vorteil. Dazu gehören unter anderem international geschultes Personal, Kinderfreundlichkeit sowie eine Auswahl an Speisen und Getränken, die den relativ simplen Anforderungen beim Essen – kein Schweinefleisch oder Schweinefleischprodukte, kein Zusatz von Alkohol – gerecht werden.

Berliner Morgenpost: Hotels, die sich kulinarisch und architektonisch (Frauenpool, getrennte Aufzüge usw.) ganz besonders auf die Bedürfnisse von Muslimen einstellen, werden in der Branche Halal-Hotels genannt. Gegen Halal-Hotels spricht, dass Muslime dort meist unter sich bleiben – oder empfinden sie das gar nicht als Manko?

Wilms: Hotels, die sich gezielt nur auf einen Kundenstamm einstellen, sind durchaus keine Seltenheit mehr. Dazu zählen etwa Etablissements, die Familien mit Kindern den Zutritt verweigern. Oder auch vegetarische Bio-Hotels für Nichtraucher.

In muslimischen Ländern und in beliebten Destinationen wie Südthailand rechnet sich das Modell auf jeden Fall. Auch in der Türkei sind diese beliebt, weil sie an der Küste Badestrände für Frauen im Angebot haben, entsprechende Speisen servieren und Gebetsräume haben.

Deutschlandreisende kommen sicherlich nicht hierher, um in gesonderten Hotels unterzukommen. Generell sehe ich darin kein Problem, wenn es den Erwartungen der Betreiber entspricht.

Berliner Morgenpost: Wäre es Muslimen aus religiöser Sicht denn auch möglich, in einer klassischen westeuropäischen Ferienanlage, etwa in einem Robinson Club, Urlaub zu machen?

Wilms: Dem würde ich eingeschränkt zustimmten. Wenn es sich dabei um eine, auf Familien ausgerichtete Anlage handelt oder um eine aus dem hochpreisigen Segment, die nicht von einer Party-orientierten Kundschaft frequentiert wird, sehe ich da kein Problem.

Ansonsten kann es sicherlich in Sachen freizügiger Bekleidung, Alkoholkonsum oder beschränkter Speisenauswahl schwierig werden.

Berliner Morgenpost: Viele Deutsche sehen sich in islamischen Ländern gern die Moscheen an. Können Reiseveranstalter in ein Besichtigungsprogramm für muslimische Touristen ebenso Kirchen einbauen oder würden sie damit – zumindest bei strenggläubigen Muslimen – einen Fauxpas begehen?

Wilms: Die vermeintlich "strenggläubigen" Muslime, die Sie implizieren, betreiben sicherlich keinen Tourismus in Deutschland. Für diejenigen, die historisch oder kulturell interessiert sind, stellt das sicherlich mehrheitlich keinen Fauxpas dar. Das setzt aber voraus, dass es Angebote gibt, die sich an diese Gruppe der Reisenden richtet.

Berliner Morgenpost: Was interessiert muslimische Touristen besonders an Deutschland?

Wilms: Zum einen sicherlich das ausgeglichene Klima, die grünen Landschaften, die grundsolide Infrastruktur, das kulturelle Leben, die Effizienz in den hochwertigen Hotels sowie – was sicherlich die wenigsten wissen – die hervorragenden medizinischen Angebote.

Auf diesem Gebiet führende Städte haben sich seit Jahren auf muslimische, insbesondere arabische, Patienten als lukrative Einnahmequelle eingerichtet. In einigen Schwerpunktstädten unterhalten manche Staaten Gesundheitsbüros, die ihre Bürger beraten und ihnen bei Problemen helfen. Übrigens zum Vorteil des deutschen Gesundheitsgewerbes; so manche prestigeträchtige Kooperation auf diesem Gebiet entstand aus diesem Impuls heraus.

Berliner Morgenpost: Bekommen Sie in Ihrer Redaktion hin und wieder ein Feedback?

Wilms: Durchaus. Gelegentlich wenden sich die Reisenden aus aller Welt vorab oder in Deutschland mit Anfragen an uns.

Das sind zumeist ganz praktische Fragen: Wo ist die nächste Moschee? Wie finde ich die Gebetszeiten für mein Reiseziel heraus? Wo kann ich beruhigt Essen gehen? Uns sind bisher niemals Klagen untergekommen, soweit es den Aufenthalt betrifft. Aber so mancher arabischer Geschäftsmann monierte stellenweise unterverständliche Visa-Regelungen. Ich selbst kenne einige, die aus diesen Gründen lieber in Länder ausgewichen sich, wo sie nicht dem Visa-Zwang unterliegen.

Berliner Morgenpost: Was würden Sie muslimischen Reisenden raten, sich in Deutschland unbedingt anzusehen, und wovor würden Sie warnen, um den Gästen einen Kulturschock zu ersparen?

Wilms: Alles, was auch einigermaßen niveauvolle nichtmuslimische Reisende zu sehen wünschen. Mir fiele spontan Berlin, Potsdam, Heidelberg, Hamburg, Deutschlands Fachwerkstädtchen und die vielfältige Landschaft ein.

Ich glaube nicht, dass es in Zeiten von Internet viele Kulturschocks gibt. Mir ist noch kein Reisender aus der besprochenen Zielgruppe begegnet, der sich empört zeigt. Sicherlich sollte man sie aber nicht über die Reeperbahn führen oder in die Düsseldorfer Altstadt bei Nacht bringen.

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