08.01.13

Luftverkehr

Man muss 14.000 Jahre fliegen, bis es knallt

Trotz der zwei Flugzeugunglücke zu Weihnachten: Bei knapp drei Milliarden Fluggästen weltweit gab es 2012 weniger tödliche Unglücke als je zuvor. Nur Afrika bietet weiterhin Anlass zur Besorgnis.

Von Andreas Spaeth
Foto: picture-alliance / dpa

Am 3. März 1974 verlor eine Passagiermaschine des Typs McDonnell Douglas DC-10 der Turkish Airlines (THY) kurz nach dem Start vom Flughafen Paris-Orly eine Frachtraumtür und stürzte in einen Wald.

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Das Jahr 2012 hätte um Haaresbreite mit zwei schweren Flug-Katastrophen geendet. Doch die Unfälle in Moskau und Birma gingen zum Glück vergleichsweise glimpflich aus.

Am 29. Dezember raste eine zweistrahlige Tupolew Tu-204 auf dem Flughafen Wnukowo bei Moskau nach der Landung über das Bahnende hinaus und zerbrach. Fünf der acht Besatzungsmitglieder an Bord starben.

Dass nicht mehr Menschen umkamen, ist der Tatsache geschuldet, dass der Jet der Fluggesellschaft Red Wings, der normalerweise 210 Passagiere fasst, einen sogenannten Positionierungsflug absolvierte, also ohne einen einzigen Fluggast unterwegs war.

Das zweite Unglück ereignete sich am ersten Weihnachtstag in Birma: Dort legte eine zweistrahlige Fokker 100 der Air Bagan, besetzt mit 63 Passagieren, darunter 51 ausländischen Touristen, einen Kilometer vor der Piste des Flughafens Heho eine Bruchlandung in einem Reisfeld hin und fing Feuer. Eine Passagierin kam ums Leben, ein Motorradfahrer am Boden starb.

Große Gesellschaften tauchen in der Statistik nicht auf

Wieder einmal zeigte sich, dass gerade in touristisch aufstrebenden Ländern wie Birma das Fliegen gefährlicher sein kann als anderswo auf der Welt. Mit dem aktuellen Besucheransturm wird die bescheidene Infrastruktur des südostasiatischen Landes bis zum Äußersten beansprucht.

Dank der geringen Opferzahlen konnten die beiden Crashs zum Jahresende allerdings die herausragende Bilanz des abgelaufenen Jahres nicht trüben: Noch nie war Fliegen so sicher wie 2012.

Der Unfall der Fokker 100 war 2012 erst der dritte tödliche Vorfall mit einem von westlichen Herstellern gebauten Verkehrsflugzeug im regulären Passagier-Flugbetrieb. "Und alle diese Unfälle betrafen Airlines, die außerhalb des lokalen Markts niemand kennt", sagt Analyst Paul Hayes von der britischen Luftfahrtberatungsfirma Ascend, "große internationale Gesellschaften tauchen in der Unfallstatistik nicht auf".

Alle drei verunglückten westlichen Jets waren zudem weit über 20 Jahre alt und flogen in Ländern, die für ihre manchmal schwierige Sicherheitslage im Luftverkehr bekannt sind: Im April stürzte eine 27 Jahre alte Boeing 737-200 in Pakistan ab (127 Tote), im Juni eine 22 Jahre alte MD-83 in Nigeria (153 Tote), beide auf Inlandsflügen.

IATA-Mitglieder verloren kein Flugzeug

Bei einer Rekordzahl von rund 2,9 Milliarden Passagieren weltweit verzeichnete das Online-Portal Aviation Safety Network für 2012 insgesamt 23 Unfälle mit 475 Toten, wobei nur zivile Flugzeuge ab 14 Passagieren gezählt werden, aber auch solche von russischen Herstellern sowie Frachtflüge.

Das ist bemerkenswert besser als der Durchschnitt der zurückliegenden zehn Jahre, für die die Organisation 34 Unfälle mit 773 Opfern pro Jahr ermittelte. Insgesamt war 2012, bezogen auf die Zahl der Unfälle, das sicherste Jahr in der Geschichte der Zivilluftfahrt.

"Das ist eine unglaubliche Leistung der Branche in Sachen Sicherheit, dies ist das dritte Jahr in Folge mit einem weltweiten Sicherheitsrekord", sagt Günther Matschnigg, der bei der Linienluftfahrtorganisation IATA in Genf für Sicherheit zuständig ist.

Der IATA gehören weltweit 243 und damit fast alle bedeutenden Fluggesellschaften an (aus Deutschland beispielsweise Lufthansa und Air Berlin), allerdings nicht die beiden zum Jahresende von Unfällen betroffenen Luftlinien.

"Es ist das erste Mal überhaupt, das keines unserer Mitglieder auch nur ein einziges Flugzeug verloren hat", freut sich Matschnigg, nachdem 2011 noch sechs Maschinen abgeschrieben werden mussten. Ein solcher Verlust muss nicht unbedingt ein Absturz sein, schon eine harte Landung ohne Verletzte kann ein Flugzeug irreparabel beschädigen – aber selbst einen solchen Fall hat es 2012 bei IATA-Mitgliedern nicht gegeben.

Triebwerkstechnik wird immer besser

Pro einer Million Starts gab es, bezogen auf alle Flüge weltweit (bis 30. November 2012, aktuellere Zahlen hat die IATA noch nicht ermittelt) statistisch gesehen 0,19 Unfälle (2011 waren es noch 0,37), oder anders ausgedrückt: "Man müsste 14.000 Jahre lang fliegen oder 5,3 Millionen Starts absolvieren, um rechnerisch einen einzigen Unfall zu erleben", sagt Matschnigg.

Der IATA-Experte weiß auch, was hinter den Sicherheitsrekorden steckt: "Zum einen die Technologie, die extrem zuverlässig geworden ist bei modernen Flugzeugen, etwa im Bereich der Triebwerke."

Aber es werde seit Jahren auch viel getan im Sicherheitsmanagement, etwa bei Qualitätsüberprüfungen von Flughäfen, Airlines und Zulieferern, und es werde größerer Druck auf Regierungen ausgeübt, damit die ihre Aufsichtsfunktionen über Fluggesellschaften und Flughäfen besser wahrnehmen.

Sorgenkind der Branche allerdings bleibt Afrika: Statt bei 2,14 Unfällen pro einer Million Starts (der weltweite Wert für alle Arten von Flugzeugen bis 30. November 2012) lag die Rate hier bei fast 13. "Damit steht Afrika 2012 um 57 Prozent schlechter da als im Vorjahr", sagt Matschnigg.

Afrika setzt sich hehre Ziele

Bei Unfällen in Afrika handelt es sich allerdings oft um Crashs von Frachtmaschinen russischer Bauart und nicht um reguläre Passagierflüge, größere Airlines und IATA-Mitglieder waren auf dem Schwarzen Erdteil auch 2012 nicht betroffen. "Aber die Unfallrate ist immer noch zu hoch", kritisiert Matschnigg, "obwohl Afrika nur zwei bis drei Prozent des weltweiten Luftverkehrs bewältigt und auch nur zwei Unfälle mehr die Statistik stark prägen können."

Aber es gibt Hoffnung – im Juli wurde von allen Mitgliedern der Afrikanischen Union die Deklaration von Abuja unterschrieben, die sie zur Einführung weltweit üblicher Sicherheitsprogramme verpflichtet. "Damit soll Afrika bis 2015 nicht mehr die globalen Unfallraten übertreffen", hofft Matschnigg.

Bei Reisen innerhalb bestimmter Länder haben Touristen allerdings oft gar keine Möglichkeit, auf die Dienste renommierter Airlines zuzugreifen, sondern müssen sich lokalen Betreibern anvertrauen. Dies kann, etwa in Birma, ein Problem sein, wo viele Experten zwar pauschal vor lokalen Gesellschaften warnen. Sie zu vermeiden ist jedoch nicht praktikabel, denn es gibt in dem Land schlicht keine anderen – besseren – Fluggesellschaften.

19 Tote nach Kollision mit Vogelschwarm

Auch in Kenia und Nepal hat es 2012 Unfälle gegeben, die dieses Dilemma bestätigen. So stürzte im August eine zweimotorige Let L410 in Kenias Massai Mara nach dem Start auch mit deutschen Urlaubern an Bord ab, zwei der elf Passagiere und beide Piloten starben.

In Nepal hat es auf dem Flugplatz von Lukla im Himalaja wiederholt Unfälle gegeben. 2012 verunglückte eine Dornier 228 auf dem Flug von Kathmandu nach Lukla nach einem Vogelschlag beim Start in der nepalesischen Hauptstadt, alle 19 Insassen starben.

Bereits jetzt dämpft die Branche Erwartungen, man könne die extrem niedrigen Unfallzahlen weiter senken: "Weitere Fortschritte wären sehr aufwendig, die Schritte werden kleiner", sagt Günther Matschnigg, "aber wir dürfen nicht nachlassen, jeder tödliche Flugunfall ist eine Tragödie."

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