14.12.12

Alarm auf hoher See

Wie gefährlich Piraten für Kreuzfahrtschiffe sind

Zurzeit ist wieder Saison für Piraten-Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe. In gefährlichen Regionen ergreifen die Reedereien besondere Schutzmaßnahmen – Passagiere müssen mit Einschränkungen rechnen.

Von Franz Neumeier
Foto: picture alliance / dpa

Scharf bewacht: Diese mutmaßlichen Piraten wurden vor der Küste von Somalia gefasst
Scharf bewacht: Diese mutmaßlichen Piraten wurden vor der Küste von Somalia gefasst

Piratenalarm! Oder auch nicht? Zwei kleine Boote nähern sich schnell, halten direkt auf das Kreuzfahrtschiff zu, reagieren nicht auf Funksprüche. Aber vielleicht haben sie gar kein Funkgerät, sind einfach harmlose Fischer.

Ganz sicher sein kann sich der Kapitän eines Schiffs nie, mit wem er es in einer solchen Situation zu tun hat. Die "Azamara Journey" traf es Ende November vor der Küste des Oman, mit glimpflichem Ausgang. Leuchtraketen verscheuchten die unliebsamen Begleiter.

Derzeit ist wieder Saison für potenzielle Piraten-Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe. Die wenigen Reedereien, die sich noch in die Gewässer vor Somalia trauen, verlegen in diesen Wochen ihre Schiffe für den Winter nach Asien, Australien oder in die Südsee. Die gefährliche Passage ist da unvermeidlich, will man die Schiffe nicht auf den endlos langen Weg rund um Afrika schicken.

Wo die Gefahr besonders groß ist

Trotzdem: Piraten-Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe sind eher selten und waren bislang mit einer Ausnahme im April 2008 auch erfolglos. Besonders häufig sind Piraten-Angriffe ganz allgemein in den Gewässern rund um Somalia, aber auch in asiatischen Gewässern wie der Straße von Malakka sowie im Südchinesischen Meer.

Die Piraten attackieren bevorzugt Container- und Frachtschiffe, die wegen ihrer niedrigeren Bordwand und der vergleichsweise langsamen Geschwindigkeit ein leichteres Ziel für sie darstellen als die schnellen und wendigen Kreuzfahrtschiffe.

Dennoch gibt es immer wieder auch Piraten-Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe, die auf einer Weltreise oder einer Repositionierungs-Route durch den Golf von Oman, den Golf von Aden oder zwischen Somalia und den Seychellen unterwegs sind.

Effiziente Abwehr von Piraten

Der beste Schutz vor Piraten sind für Kreuzfahrtschiffe ihre große Geschwindigkeit und die hohe Bordwand. Bisher gelang es den Kapitänen der betroffenen Schiffe meistens, den Piraten mit Höchstgeschwindigkeit davonzufahren. Aber auch das Erklettern der hohen Bordwand von Kreuzfahrtschiffen macht Piraten das Entern schwer.

Zur Verteidigung haben einige Schiffe inzwischen Schall-Kanonen (LRAD) an Bord, die sich als höchst effizient erwiesen haben. Auch Hochdruck-Wasserkanonen beziehungsweise der Wasserstrahl aus Feuerwehr-Schläuchen hindern die Piraten daran, an Bord zu klettern.

Zusätzliche Wachen auf Kreuzfahrtschiffen und Nachtsichtgeräte sollen bei einer rechtzeitigen Entdeckung der Piraten helfen, die als wirkungsvollstes Mittel gegen die Angriffe gilt.

Bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord

Die Crew an Bord der Schiffe wird aber auch für den Fall eines direkten Piratenangriffs geschult. Manöver zum Erzeugen größerer Bugwellen können ebenfalls helfen, das Erklettern der Bordwand von den kleinen Piratenbooten aus zu erschweren oder unmöglich zu machen. Darüber hinaus geben Reedereien aus verständlichen Gründen ungern genauere Auskunft über die Tricks, die sie zur Abwehr der Freibeuter auf Lager haben.

Schusswaffen sind dagegen in der Regel nicht an Bord von Kreuzfahrtschiffen zu finden, allerdings nehmen die meisten Reedereien für die Passage durch den Indischen Ozean zusätzlich zu ihren eigenen Sicherheitsteams auch bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord.

Zudem patrouillieren insbesondere rund um das Horn von Afrika Marine-Schiffe europäischer Nationen im Rahmen der "Operation Atalanta" der "EU NAVFOR Somalia" zum Schutz der Schifffahrt in der Region. Sie stellen in vielen Fällen eine Hilfe dar. Eine direkte Begleitung von Kreuzfahrtschiffen rund um Somalia findet in der Regel aber nicht statt.

Einschränkungen für die Passagiere

Passagiere müssen sich auf der Fahrt durch Gewässer, die von Piraten unsicher gemacht werden, einige Einschränkungen gefallen lassen. Denn als eine der wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen fahren Kreuzfahrtschiffe in diesen Regionen nachts mit nur minimaler Beleuchtung, oft wird sogar die Satelliten-Ortung vorübergehend deaktiviert.

Kabinenvorhänge müssen nachts geschlossen bleiben, und sämtliche Lichter auf den Balkonen sowie den Außendecks werden gelöscht. Damit sind die Decks, oft einschließlich des Pools, nachts nicht benutzbar.

Im Falle eines drohenden Piratenangriffs heißt es: Alle Mann nach innen, Deckung in den Kabinengängen suchen. Auch der Aufenthalt in den Kabinen ist dann zu gefährlich, denn in einigen Fällen haben Piraten in der Vergangenheit schon direkt das Feuer auf das Schiff eröffnet.

Inwieweit Passagiere aufgrund dieser Einschränkungen nachträglich eine Reisepreisminderung verlangen können, ist fraglich. Deutsche Gerichte haben sich mit dieser Frage bislang noch nicht beschäftigt. Letztlich hängt es im Einzelfall vor allem davon ab, inwieweit die Reederei die Passagiere bereits vor Buchung der Reise auf die Einschränkungen durch mögliche Piratenangriffe hingewiesen hat.

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Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe
  • „Azamara Journey“

    Am 23. November 2012 war die die „Azamara Journey“ von einem Angriff betroffen. Die mutmaßlichen Piraten konnten aber mit Hilfe von Leuchtraketen abgewehrt werden.

  • „Spirit of Adventure“

    Am 12. Januar 2011 entkam die damalige „Spirit of Adventure“ (heute: „FTI Berlin“) knapp einem Piratenangriff.

  • „MSC Melody“

    Im April 2009 wehrte die „MSC Melody“ einige hundert Meilen südlich der Seychellen einen Piratenangriff ab – unter anderem mit Hilfe von Tischen und Liegestühlen, die Passagiere auf die Piraten warfen.

  • „Le Ponant“

    Im April 2008 wird die Kreuzfahrt-Segelyacht „Le Ponant“ (Compagnie du Ponant) im Golf von Aden bei einer Überführungsfahrt von den Seychellen ins Mittelmeer von Piraten gekapert. An Bord befinden sich allerdings keine Passagiere, sondern lediglich die dreißigköpfige Crew. Kapitän Patrick Marchesseau gelang es, durch sein Verhandlungsgeschick und mit Unterstützung der französischen Marine, alle Crewmitglieder frei zu bekommen. In Frankreich wurde er dafür bei seiner Rückkehr nach Paris als Nationalheld gefeiert. Patrick Marchesseau fährt auch heute noch als Kapitän auf den Schiffen der Compagnie du Ponant.

  • „Astor“

    Im November 2008 hatten zwei Schnellboote im Golf von Oman auf die „Astor“ (Transocean) zugehalten, waren aber von der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ mit Maschinengewehrfeuer vertrieben worden.

  • „Nautica“

    Nur zwei Tage nach der Bedrohung der „Astor“ im November 2008 wurde die „Nautica“ (Oceania Cruises) im Golf von Aden von Piraten beschossen, konnte aber entkommen.

  • „Athena“

    Anfang Dezember 2008 griff eine regelrechte Armada von bis zu 29 Piraten-Booten die „Athena“ (Classic International Cruises) im Golf von Aden an, wurde aber mit Wasserkanonen erfolgreich abgewehrt.

  • „Seabourn Spirit“

    Die „Seabourn Spirit“ wurde im November 2005 von Piraten beschossen, konnte aber entkommen. Von dem Angriff gibt es sogar ein Video auf Youtube.

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