13.12.12

EU-Recht

Kreuzfahrer haben Anspruch auf Imbiss und Getränke

Eine neue EU-Verordnung stärkt die Rechte von Schiffsreisenden und garantiert Entschädigung bei Verspätungen. Davon profitieren vor allem Fähr-Passagiere – Kreuzfahrer erhalten kostenloses Essen.

Von Bettina Seipp
Foto: picture-alliance / Batchelor

Die 2003 in Dienst gestellte „Queen Mary 2“ der Cunard Line gehört zu den größten und luxuriösesten Linern der Welt. Bei einem verspäteten Ablegen steht Kreuzfahrer künftig ein kostenloser Imbiss zu. Geld können sie hingegen nicht zurückfordern.
Die 2003 in Dienst gestellte "Queen Mary 2" der Cunard Line gehört zu den größten und luxuriösesten Linern der Welt. Bei einem verspäteten Ablegen steht Kreuzfahrer künftig ein kostenloser Imbiss zu. Geld können sie hingegen nicht zurückfordern.

Kaum waren die ersten Meldungen zur neuen EU-Verordnung über die Fahrgastrechte von Schiffspassagieren im Internet, debattierten Kreuzfahrer in Foren, wie viel Geld sie im Falle einer Verspätung des Schiffes zurückfordern könnten. Immerhin sieht das Regelwerk, das am 18. Dezember 2012 europaweit in Kraft tritt, Rückzahlungen von bis zu 50 Prozent vor, womit schnell einige Tausend Euro zusammenkämen. Doch ausgerechnet für Kreuzfahrten gilt der Passus zur anteiligen Erstattung des Fahrpreises nicht.

Auch Passagierschiffe, die nur für bis zu zwölf Fahrgäste zugelassen sind, ein bis drei Crew-Mitglieder haben oder maximal 500 Meter zurücklegen (zum Beispiel Flussfähren), sind von der EU-Verordnung ausgenommen, des Weiteren Ausflugs- oder Besichtigungsschiffe mit einer Kapazität von 36 Fahrgästen.

Trotz der vielen Ausnahmen ist das Regelwerk, das im Hoheitsgebiet aller 27 EU-Mitgliedsstaaten einschließlich Kanaren, Madeira, Azoren und französische Überseegebiete zur Anwendung kommt, durchaus von Nutzen. Und zwar vor allem für Passagiere auf großen Fähren, für die die Entschädigungsregel hauptsächlich gedacht ist. Die Rückzahlungen sind – wie im Bahnverkehr – prozentual gestaffelt; sie richten zum einen nach der regulären Fahrzeit des Schiffes und zum anderen nach der angefallenen Verspätung.

Gestaffelte Rückerstattung bis zu 50 Prozent

So können 25 Prozent des Fahrpreises zurückgefordert werden bei einer Verspätung zwischen ein und zwei Stunden, wenn die reguläre Fahrzeit des Schiffes bis zu vier Stunden beträgt. Ist die reguläre Fahrzeit länger, erweitert sich auch entsprechend das Zeitfenster für Verspätungen.

Bei folgenden "Stufen" kommt die 25-Prozent-Regelung ebenfalls zur Anwendung: Eine Verspätung zwischen zwei und drei Stunden bei einer regulären Fahrzeit von vier bis acht Stunden; eine Verspätung von drei bis sechs Stunden bei einer Fahrzeit von acht bis 24 Stunden; eine Verspätung von mehr als sechs Stunden bei einer Fahrzeit von mehr als 24 Stunden.

Die Hälfte des Fahrpreises wird fällig, wenn Schiffe mit einer regulären Fahrzeit von bis zu vier Stunden zwischen zwei und vier Stunden Verspätung haben. 50 Prozent müssen von der Reederei auch bei folgenden Konstellationen zurückgezahlt werden: vier bis sechs Stunden Verspätung – vier bis acht Stunden Fahrzeit; sechs bis zwölf Stunden Verspätung – acht bis 24 Stunden Fahrzeit; mehr als zwölf Stunden Verspätung – mehr als 24 Stunden Fahrzeit.

Allerdings werden Wetterunbilden wie schwere Stürme sowie außergewöhnliche Umstände wie Terroranschläge, bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen, Arbeitskämpfe, Such- und Rettungsaktionen, Umweltschutzauflagen und behördliche Anweisungen, in Folge derer es zu Verspätungen kommt, als "höhere Gewalt" angesehen – und dann haben Passagiere keinerlei finanzielle Ansprüche.

Behinderte dürfen nicht abgewiesen werden

Ganz gleich, ob Fähr- oder Kreuzfahrtschiff – eine Regelung gilt ausnahmslos für alle Passagiere: Ab einer Verspätung von 90 Minuten stehen den Betroffenen kostenloser Imbiss und Erfrischungsgetränke in "angemessenem Verhältnis zur Wartezeit" zu.

Und ist wegen einer Verspätung oder gar Annullierung der Schiffsreise ein längerer Aufenthalt des Passagiers im Abfahrtshafen erforderlich, muss die Reederei für die Kosten aufkommen, wobei diese auf drei Übernachtungen und maximal 240 Euro pro Person "gedeckelt" sind.

Der Passagier hat auch das Recht, Ausweichverbindungen (etwa bei Fährfahrten) abzulehnen, die Heimreise anzutreten und die Kosten dafür sowie für die nicht genutzte Schiffspassage von der Reederei zurückzufordern.

Die neue EU-Verordnung bringt zudem für mobilitätseingeschränkte Reisende deutliche Verbesserungen. So darf ihnen eine Schiffsreise – Kreuzfahrten eingeschlossen – nicht verweigert werden, es sei denn, die Bauart des Schiffes oder des Passagierterminals verhindert die Ein- und Ausschiffung oder die Beförderung.

Und sind Behinderte erst einmal an Bord, haben sie Anspruch auf verschiedene Hilfeleistungen. Diese "Sonderwünsche" müssen jedoch spätestens 48 Stunden vor Auslaufen des Schiffes dem Beförderer oder Terminalbetreiber mitgeteilt werden.

Reiseverband begrüßt die Neuregelung

Die Kreuzfahrtbranche konnte allerdings mit Lobbyhilfe unter anderem des Deutschen ReiseVerbandes (DRV) durchsetzen, dass eine zwingend erforderliche Begleitperson eines behinderten oder mobilitätseingeschränkten Reisenden "keinen Anspruch auf kostenlose Beförderung auf einem Kreuzfahrtschiff" hat. "Wie sollte die Reederei auch prüfen, ob die Begleitung einer Pflegekraft wirklich unabdingbar ist? Das hätte dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet", gibt die Pressesprecherin Sibylle Zeuch gegenüber der "Welt" zu bedenken.

Zugleich begrüßte sie ausdrücklich, dass – wie eingangs erläutert – Kreuzfahrtpassagiere bei Verspätungen keine Entschädigungen erhalten: "Denn sie genießen bereits seit 20 Jahren den Schutz der Pauschalreiserichtlinie und sind damit weitaus besser abgesichert". Im Gegensatz zu den neuen Schiffspassagierrechten bestünde für Kreuzfahrtgäste sogar eine Kundengeldabsicherung im Falle einer Anbieterinsolvenz. Apropos: Jede Kreuzfahrt ist per se eine Pauschalreise.

Der detaillierte Wortlaut der EU-Verordnung ist nachzulesen unter http://eur-lex.europa.eu.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
4D-Achterbahn Das Batmobil gibt es bald auch als Achterbahn
Neuseeland Polizei sucht nach zweifachem Todesschützen
Irak-Krise Irakische Stadt Amerli aus IS-Belagerung befreit
Arbeitskampf Jetzt streiken die Lokführer
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Hinter den Kulissen

Tage der offenen Tür bei der Bundesregierung

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote