30.11.12

Kaufrausch am Airport

Duty-free-Shopping, bis der Flieger weg ist

Passagiere haben an Flughäfen oft nichts Besseres zu tun, als die Wartezeit in Duty-free-Shops zu vertreiben – und auch Schnäppchen machen. Das gilt aber nicht überall, wie Testeinkäufe belegen.

Foto: Infografik Die Welt

Toblerone-Schokolade gehört seit Jahrzehnten zu Flughäfen wie Verspätungen, Kerosingeruch und Sicherheitsdurchsagen
Toblerone-Schokolade gehört seit Jahrzehnten zu Flughäfen wie Verspätungen, Kerosingeruch und Sicherheitsdurchsagen

Es gibt Menschen, die fahren nicht mehr zum Flughafen, um wegzufliegen, sondern um einzukaufen. Weil sonntags andere Geschäfte geschlossen haben. Oder weil sich der Ladenbummel in der Abflughalle mit einem Kaffee im Panorama-Restaurant verbinden lässt.

Schon jetzt bestreiten Flughäfen wie Frankfurt, München oder London mehr als die Hälfte ihrer Umsätze mit dem sogenannten Non-Aviation-Geschäft, also mit Gastronomie und Einzelhandel, Vermietungen und Parkgebühren. Ein Großteil der Läden befindet sich längst nicht nur im Passagierbereich, sondern, zugänglich für jedermann, in den öffentlichen Zonen.

Im Terminal 1 von München sind beispielsweise 43 der 63 Geschäfte vor den Sicherheitskontrollen zu finden. Insgesamt buhlen in München auf 37.000 Quadratmetern 154 Geschäfte um die Gunst der Passagiere und Besucher, dazu noch 48 Restaurants und weitere Gastronomiebetriebe.

In Frankfurt haben sich auf über 42.000 Quadratmeter Fläche 290 Läden niedergelassen. In London-Heathrow sind auf 52.000 Quadratmetern 295 Geschäfte zu finden, und, um in die Ferne zu blicken, in Hongkong 280, in Singapur mehr als 330.

Branche steht vor einem Rekordumsatz

Die Duty-free- und Reiseeinzelhandelsbranche ist so erfolgreich, dass sie 2012 einen Rekordumsatz ansteuert: 50 Milliarden US-Dollar weltweit. Viele Markengeschäfte erhoffen sich durch die Präsenz an Verkehrsknotenpunkten einen Imagegewinn. Sehen die Reisenden auf dem Weg zum Flugsteig das Armani- oder Boss-Geschäft, ist wieder etwas getan für den kosmopolitischen Ruf.

Dennoch erstaunt der Höhenflug der Flughafengeschäfte, während in den Innenstädten geklagt wird. Liegt die hohe "Ausgabebereitschaft" schlicht daran, dass die Leute sich in den Terminals langweilen und nicht wegkönnen, also nichts Besseres zu tun haben, als die Auslagen in den Läden zu plündern, während sie auf ihre ankommenden Familienangehörigen warten oder auf den verspäteten Abflug nach Paris?

Oder ist es gar latente Flugangst, die unwillkürlich in den Kaufrausch treibt? Nach dem Motto: Der Tod ist nahe, lass uns shoppen gehen?

Solches Ablenkungsverhalten will der Autor Alain de Botton erkannt haben, nachdem er eine Woche lang den Trubel in London-Heathrow beobachtete. Wobei sich de Botton zu Recht fragte, ob wir wirklich "der Ewigkeit gegenübertreten wollen, mit den Händen voller Duty-free-Tüten"?

1947: das Geburtsjahr des Duty-free-Verkaufs

Wenn auch die Gründe des Erfolgs vielfältig sind, so ist der Ursprung eindeutig dokumentiert: Zu Beginn der kommerziellen Luftfahrt mussten die Maschinen nach Nordamerika noch einen Tankstopp im westirischen Shannon einlegen. Um die Gäste während der Zwangspause bei Laune zu halten, wurde ein Verkaufstresen mit Souvenirs und Spirituosen eingerichtet.

Damit sich der Einkauf lohnte, erlaubte die irische Regierung den steuerfreien Abverkauf. So startete 1947 der Duty-free-Verkauf an Flughäfen. Frankfurt etwa folgte 1958.

Der deutsche Marktführer, das Hamburger Familienunternehmen Gebrüder Heinemann, betreibt allein am Rhein-Main-Airport 30 Duty-free- und Travel-Value-Geschäfte. Letztere wurden erfunden, als 1999 das Zollprivileg im EU-Binnenmarkt fiel.

Rabatte für jedermann gibt es in den Travel-Value-Läden aber immer noch, dank einer Mischkalkulation, die es sich zunutze macht, dass für EU-Kunden zwar die Mehrwertsteuer abgeführt werden muss, für Reisende aus Drittländern jedoch nicht. Wegen der unterschiedlichen Besteuerung der Kundschaft wird an der Kasse übrigens immer noch nach der Bordkarte gefragt.

Große Preissprünge zwischen Prag und London

Frankfurt liegt auf Rang sieben der umsatzstärksten Flughäfen; am meisten wird in London-Heathrow verkauft. Das bestätigen nicht nur die Umsatzzahlen, sondern auch Umfragen des unabhängigen britischen Beratungsunternehmens Skytrax unter zwölf Millionen Passagieren: Im Frühjahr gewann Heathrow zum dritten Mal in Folge die World Airport Awards als bester Flughafen zum Einkaufen, gefolgt von Dubai und Singapur.

Draußen im Londoner Westen ist vor allem mit dem 2008 eröffneten Terminal 5 ein gigantischer Konsumtempel entstanden, in dem der Flugbetrieb fast die Nebenrolle spielt. Harrods, Apple, Burberry – alles da.

Die Filiale des britischen Modedesigners Paul Smith bietet eine bessere Auswahl als die Niederlassung in der Innenstadt. Auf Wunsch werden die erstandenen Waren direkt an die Heimatadresse geliefert, dann muss der Reisende sie nicht mitschleppen.

Wie viele Passagiere im Einkaufstaumel täglich ihre Anschlussflüge verpassen, konnte die Heathrow-Pressestelle nicht sagen. Die gute Nachricht ist: Es lohnt sich wenigstens. Laut einer ADAC-Studie ist Heathrow einer der günstigsten Flughäfen in Europa.

Eher teuer dagegen sind Paris und Prag. So kostete eine Flasche Cognac in London rund 37 Euro, in Prag musste man dafür fast 67 Euro zahlen. Für eine Creme wurden in Prag über 100 Euro verlangt, in München hingegen nur 74 Euro.

Kosmetik gehört zu den Verkaufsschlagern

Wie in München konnten die Testeinkäufer des Automobilklubs auch in Frankfurt und Düsseldorf sparen; im Durchschnitt 14 Prozent gegenüber dem städtischen Einzelhandel.

Mit Alkohol, Zigaretten und Souvenirs begann der Flughafen-Handel, heute ist eine andere Kategorie führend: Kosmetik und Parfüms. Bei Heinemann machen Cremes und Düfte 40 Prozent des Umsatzes aus.

Das lässt sich weniger mit der schlechten Luft in voll besetzten Urlaubsfliegern erklären als mit der weltweiten Bekanntheit der großen Kosmetikmarken. Chanel und Givenchy sind Reisenden aus Göttingen genauso ein Begriff wie aus Genf oder Guadalajara.

Toblerone gilt Reisenden als unkaputtbar

Und noch ein Produkt gehört seit Jahrzehnten zu Flughäfen wie Verspätungen, Kerosingeruch und Sicherheitsdurchsagen: Toblerone-Schokolade. Sie ist am Boden das, was der Tomatensaft im Flieger ist. Im Supermarkt ein Angebot unter vielen, bei Passagieren dagegen sehr begehrt.

Fast ein Viertel der Toblerone-Produktion geht in Flughäfen über die Theke. Die Schweizer Firma brachte ihre Schokolade schon vor 50 Jahren in die Duty-free-Regale, lange vor anderen Süßwarenproduzenten, die Reisenden sind an sie gewöhnt.

Vor allem unter asiatischen Passagieren seien die pfundschweren golden glänzenden Barren als Mitbringsel beliebt, sagt der Hersteller. Vermutlich liegt es aber auch an einem ganz praktischen Grund: Die massive Dreiecksschokolade ist selbst auf Flugreisen "unkaputtbar".

Mehr vom Autor über das moderne Fliegen in "Ready for Boarding", Piper-Verlag München, 208 Seiten, 8,95 Euro.

Foto: picture alliance / Fredrik Von Erichsen

Am Frankfurter Flughafen können Passagiere in 290 Läden shoppen. Allein das Unternehmen Gebrüder Heinemann betreibt am Rhein-Main-Airport 30 Duty-free- und Travel-Value-Geschäfte
Am Frankfurter Flughafen können Passagiere in 290 Läden shoppen. Allein das Unternehmen Gebrüder Heinemann betreibt am Rhein-Main-Airport 30 Duty-free- und Travel-Value-Geschäfte
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    Ja, darauf freue ich mich schon immer

  • 41%

    Wichtig nicht, aber es ist ein guter Zeitvertreib

  • 1%

    Für mich ist das gefährlich – ich gebe immer zu viel Geld aus

  • 37%

    Nein, mich interessiert das gar nicht

  • 7%

    Schlimm, dieser ganze Konsum – die vielen Läden gehören abgeschafft

Abgegebene Stimmen: 99
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