28.11.12

Luftverkehr

Swissair – technisch perfekt, modisch ein Desaster

2002 musste die Schweizer Fluglinie ihren Dienst einstellen. Die neue Swiss gehört der Lufthansa. Nur den Schatz an Swissair-Bildern behielten die Eidgenossen – und setzen sich damit nun ein Denkmal.

Von Bettina Seipp
Foto: ETH-Bibliothek

Luftiger Laufsteg: Ein Modell präsentiert die Kleidung der Swissair-Stewardessen. Die Uniform wurde von 1960 bis 1970 getragen.

23 Bilder

Ellen Church musste das Gepäck registrieren, Telegramme aufnehmen, die Maschine betanken, die Passagiere bedienen – und ihnen die Flugangst nehmen. Letzteres könnten Frauen am besten, meinte der Betriebsleiter der Boeing Air Transport (der heutigen United Airlines). So trat die ausgebildete Krankenschwester am 12. Mai 1930 ihren Job bei United Airlines an – und ging als erste Stewardess in die Luftfahrtgeschichte ein.

Der erste Steward weltweit war übrigens ein Deutscher, Heinrich Kubis, der ab 1912 an Bord des Zeppelins LZ-10 "Schwaben" seinen Dienst versah. Und der dritte Titel in dieser Kategorie gebührt den Schweizern, die 1934 mit Nelly Diener die erste Stewardess in Europa beschäftigten.

Sie wurde gar zur Legende, wenngleich aus einem eher tragischen Grund. Denn nach nur 79 Flügen kam sie noch im ersten Jahr ihrer Berufstätigkeit beim Absturz der 14-sitzigen Curtiss AT-32C Condor auf der Strecke Zürich–Berlin zusammen mit neun Passagieren und zwei weiteren Besatzungsmitgliedern ums Leben. Ellen Church und Heinrich Kubis blieb dieses Schicksal erspart, sie starben beide eines natürlichen Todes 1965, respektive 1970.

300 Aufnahmen von 1910 bis 2001

Nelly Dieners Absturz ist umso tragischer, als die Swissair später gerade ob ihres technischen Perfektionismus als "fliegende Bank" galt. Ein Ruf, der sich unter anderem darauf gründete, dass in der Führungsspitze der Gesellschaft Ingenieure und ehemalige Piloten dominierten.

Und es wäre vielleicht noch lange weiter aufwärts gegangen mit der Swissair, hätten nicht die Schweizer 1992 in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt ihres Landes zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gestimmt. Das hatte zur Folge, dass die Swissair bei Zwischenlandungen im EWR-Gebiet nun keine Passagiere mehr aufnehmen und auch keine Strecken zwischen EWR-Mitgliedsländern anbieten konnte.

Mit "Ökonomen und IT-Spezialisten an der Spitze" hätte die Swissair diese Krise vielleicht meistern können. Doch sie verpasste "den dafür nötigen Mentalitäts- und Personalwechsel", schreibt der Historiker Ruedi Weidmann in der Einleitung des Fotobandes "Swissair Souvenirs".

Das Buch präsentiert rund 300 Aufnahmen aus dem Fotoarchiv der Swissair, das heute zu den Bildbeständen der ETH-Bibliothek in Zürich gehört und thematisch die Zeit von 1910 bis 2001, dem Jahr des schmachvollen Groundings der Swissair-Maschinen, abdeckt.

Die Blusen blieben bis zum Ende zugeknöpft

Im Begleittext heißt es zwar, das Buch wolle, "nicht die Firmengeschichte der Swissair abbilden" – es tut aber letztlich genau das. Die Eidgenossen, die in ihrer nationalen Fluglinie die "tüchtige, die kühne, die verlässliche, die freundliche und die weltoffene Schweiz" versinnbildlicht sahen, wird das freuen. Und den ein oder anderen (deutschen) Luftfahrt-Enthusiasten sicher auch, denn keine Fluglinie hat einen größeren Bilderschatz als die Swissair.

Das verdankt sie ihrem Mitgründer Walter Mittelholzer, der von Beruf Fotograf war. Er meldete sich im Ersten Weltkrieg vor allem deshalb bei den Fliegertruppen an, weil er die Welt aus der Luft abbilden wollte.

Fotografieren und fliegen – aus beidem machte Mittelholzer eine Erfolgsgeschichte. So gehörte zur 1931 gegründeten Swissair auch die Tochterfirma Swissair Photo AG. Und aus ihrem 290.000 Aufnahmen umfassenden Bestand – wobei 180.000 den Alltag bei der Swissair und ihrer Vorgängerfirmen dokumentieren –, bedient sich der Bildband.

"Besonders wertvoll" sind Weidmann zufolge "die Fotografien, auf denen Swissair-Angestellte bei der Arbeit zu sehen sind…Solche Bilder sind in der Fotogeschichte äusserst rar, denn der Arbeitsalltag wurde selten unverfälscht festgehalten".

Das mag zwar sein, für den eher unbedarften Betrachter sind allerdings die "gestellten" Bilder, etwa der adretten Flugbeleiterinnen, viel reizvoller. Da posiert beispielsweise Nelly Diener 1934 mit einer Dienstuniform, die bis auf den langen Rock, überraschend maskulin anmutet.

50 Jahre später reichte der Rock der Swissair-Stewardessen immerhin noch bis übers Knie, das Jacket war nur noch einreihig – die Blusen aber nach wie vor fest am Hals geschlossen.

Zu wenig Sinnlichkeit in der Schweiz

Zu dieser Zeit setzte die Konkurrenz aus dem Nachbarland, die österreichische Tyrolean Airways, schon munter auf Fun-Folklore mit einem quittegelben Dirndl, Rüschen, Puffärmeln und Schürze. Mehr noch: Mit einer modernen Neuinterpretation der Tiroler Tracht, die statt am Rücken am Brustteil aufwendig geschnürt war, wurde die Airline von den Lesern des Wirtschaftsmagazins Capital zur besten Regionalfluggesellschaft Europas 2003 gewählt.

In diesem Ranking kam die Swissair bereits nicht mehr vor, nachdem am 2. Oktober 2001 alle Maschinen wegen der finanziellen Probleme Flugverbot (Grounding) erhalten hatten.

Zugegeben, es mutet konstruiert an, einen Zusammenhang zwischen der Kleidung der Angestellten und dem wirtschaftlichen Misserfolg einer Fluglinie zu ziehen. Doch Weidmann selbst wirft dem Swissair-Managment vor, zu sehr an den materiellen Dimensionen des Fliegens interessiert gewesen zu sein, als an der sinnlichen: "In ihrer Fixierung auf die Technik und die glorreiche Firmengeschichte" habe sie "fundamentale Entwicklungen verschlafen".

Ein Fehler, den man dem Buch allerdings auch vorhalten kann. Soll heißen: Statt der vielen Flugzeugfotos und technischen Detail-Aufnahmen, beispielsweise vom Instruktionsmodell der Seitensteueranlage der DC-6B, wünschte frau sich eher ein paar mehr Aufnahmen, die die hoch gelobte Wohlfühlatmosphäre an Bord der Swissair-Maschinen widerspiegeln.

Online-Datebank ergänzt den Bildband

Luftfahrt-Enthusiasten hingegen teilen diese Kritik sicher nicht. Im Gegenteil: Sie werden sich über jeden abgebildeten Propeller freuen und auch zu schätzen wissen, dass der im Buch genannte Link http://ba.e-pics.ethz.ch zu weiteren 35.000 Bildern führt, die digitalisiert und den Lesern online zugänglich gemacht wurden; das sind immerhin 19 Prozent aller Swissair-Fotografien der ETH-Bibliothek.

Dieser zusätzliche Service tröstet ein wenig über das Manko des Bildbandes hinweg, dass die Texte, einschließlich Bildbeschreibungen, sehr knapp ausfallen und die Fotoreihung scheinbar ungeordnet ist.

Dass ein solches Fachfotobuch überhaupt auf Interesse stößt, kann wahrscheinlich nur verstehen, wer die einst enge Bindung der Schweizer an ihre Fluglinie erlebt hat und die monatelange gerichtliche Aufarbeitung, mit der die Schuldigen an der Pleite ermittelt werden sollten.

Apropos: Die "modischere" Tyrolean Airways hat inzwischen längst das gleiche Schicksal ereilt wie die aus der "biederen" Swissair hervorgegangene Swiss: Beide sind heute Tochter-Gesellschaften der Deutschen Lufthansa.

Michael Gasser, Nicole Graf: "Swissair Souvenirs. Das Fotoarchiv der Swissair", ETH-Bibliothek Scheidegger & Spiess, 192 Seiten, 90 farbige und 198 SW-Abbildungen, 52 Euro, Erscheinungstermin 15. Januar 2013.

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