19.10.12

Dänemark

Wie ein Hotdog-Stand zur Sehenswürdigkeit wurde

Ein Imbiss mit Wikipedia-Eintrag – das dürfte ziemlich selten sein. Der Bekanntheitsgrad von "Annies Kiosk" reicht bis nach Afrika – verkauft wird aber dänisches Kulturgut mit Gurke.

Foto: dpa

Kunden stehen in Sonderhav vor der Hotdog-Bude "Annies Kiosk"
Kunden stehen in Sonderhav vor der Hotdog-Bude "Annies Kiosk"

"Alles lecker, alles fettig, super!" Diese Kundin ist offensichtlich angetan von den Erzeugnissen, die "Annies Kiosk" bietet.

Das ist nicht einfach irgendein Kiosk – die gelbe Hotdog-Bude mit rotem Schild an der dänischen Seite der Flensburger Förde kennt fast jeder nördlich und südlich der grünen Grenze.

Der Ort Sønderhav soll inzwischen insgeheim Hotdog-Hav heißen, denn hier gibt es die besten Hotdogs der Welt – oder zumindest Dänemarks, erzählt man sich.

Eintrag bei Wikipedia

Der Ruf, den der kleine Imbiss nicht zuletzt durch zahlreiche Medienberichte erlangt hat, sei schon irre, sagt Bernd Engelbrecht vom SSF, dem Kulturverein der dänischen Minderheit in Flensburg. "Ich weiß auch nicht, wie sich so was durchgesetzt hat." Sogar einen Eintrag im Internet-Lexikon Wikipedia hat Annies Kiosk.

Annie, mit bürgerlichem Namen Annie Bøgild, nennt als Erfolgsfaktor neben handgemachter Wurst und Brot – "da wird Gefühl reingelegt" – auch die Lage.

Der Imbiss liegt direkt an der Flensburger Förde, mit Blick auf die Ochseninseln, die ein beliebtes Ausflugsziel sind. "Da kommen auch viele Segler, weil da ein Landungssteg ist, und füllen ihre Kisten mit Würsten auf", erzählt Engelbrecht.

Zwei Länder in Sichtweite

Motorradclubs fielen regelrecht ein bei "Annie", sagt Anke Hilgert vom Flensburg Fjord Tourismus. An einem Tag seien einmal 1000 Fahrer zu Gast gewesen. Für Hilgert, die selbst "Kioskgängerin" ist, wie sie betont, macht ebenfalls vor allem die Lage den Reiz der Bude aus: "In Sichtweite haben Sie zwei Länder, in dem einen stehen Sie, auf das andere gucken Sie."

Und gerade die Dänen haben ohnehin ein besonderes Verhältnis zum Hotdog, der geradezu Kulturgut ist, auch wenn ihn ein Deutscher erfunden habe, wie Annie erzählt.

"Da ist jemandem die Genialität gelungen, "røde pølser" (rote Würste) und Gewürze und Brot zusammenzubringen", sagt Engelbrecht. "Da braucht man nichts mehr zu schmieren."

Hotdog ist nicht gleich Hotdog

Annie sei da nicht allein als Anziehungspunkt: "Früher gab es in der Nähe einen Kriegsbehinderten, der hat auch Hotdogs verkauft, und dahin sind sie auch gewallfahrtet."

Hotdog ist allerdings auch innerhalb Dänemarks nicht gleich Hotdog, verrät Annie. "Im Norden essen sie dazu Rotkohl statt Gurkensalat. Manchmal soll er auch mit Marmelade gegessen werden", erzählt sie und verzieht das Gesicht.

Das Verhältnis von deutschen zu dänischen Kunden halte sich die Waage, meint Annie. "Deutsche Kunden sind die treusten."

Internationale Kundschaft

Auch an diesem sonnigen Herbsttag stehen viele Autos aus Nordfriesland, Rendsburg-Eckernförde und Hamburg auf dem Parkplatz. Eine Familie aus der Schweiz macht in Dänemark Urlaub. "Das ist schnell zubereitet und lecker", meint die Mutter. "Ich habe schon vom Kiosk gehört", berichtet der Vater und verrät: "Ich gucke manchmal NDR."

International sei die Kundschaft, erzählt Annie. Ein Mädchen, dass bei ihr arbeitete, um Geld für eine Reise nach Afrika zu verdienen, sei selbst auf dem fremden Kontinent auf Menschen getroffen, die ihren Kiosk kennen.

Jetzt stößt in dem kleinen Vorgarten eine Gruppe mit Sekt an, aus einem Radio ertönt "Tage wie diese" von den Toten Hosen, eine Möwe kreischt, ein Motorrad knattert heran. "An der Tanke gibt"s auch Würstchen, aber das ist nicht dasselbe", findet Bernd Engelbrecht.

So lange es Spaß macht, will Annie weiter hinter dem Tresen stehen und "pølser" und "is" (Eis) verkaufen. 62 Jahre alt ist sie jetzt, mit 15 hat sie als Aushilfe angefangen.

Ein Michelin-Stern für Annie

In dem knappen halben Jahrhundert hat sie sich immerhin einen "Michelin-Stern" erkocht, erzählt sie lachend – von einem Kunden verliehen und selbst gebastelt. Dann muss sie wieder zurück hinter die Theke – es ist Mittagszeit, und der kalte Oktoberwind weht die Kundschaft ins Haus.

Quelle: dpa
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