Elektronische Medien
"Keine Luft mehr, in Ruhe nachzudenken"
Mails schreiben, simsen oder posten: Das tägliche Kommunikationskarussell dreht sich immer schneller. Aber wem nützt das? Ein Kommunikationsforscher rät zur Entschleunigung.
Irgendwann mal haben wir Briefe geschrieben, dann kam das Telefon, heute kommunizieren wir über Mails, simsen oder posten auf Facebook. Mit ständig neuen Kommunikationskanälen nehmen die Kommunikation selbst und deren Geschwindigkeit zu.
Wieso wir aber den Medien Zeit geben müssen, sich in unseren Alltag zu integrieren, wieso nicht alles innerhalb von zwei Minuten beantwortet werden muss, und weshalb wir auf Entschleunigung setzen sollten, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Prof. Joachim Höflich von der Uni Erfurt im Gespräch.
E-Mail, SMS, Facebook, Twitter: Brauchen wir all die Kommunikationskanäle eigentlich – oder kommunizieren wir nur, weil wir die Möglichkeit dazu haben?
Joachim Höflich: "Am Anfang eines Mediums ist es oft so, dass wir sagen: Das kennen wir nicht, das brauchen wir nicht. Als das Telefon auf den Markt kam, war das zum Beispiel so. Wenn wir das Medium dann aber eine Weile haben, können wir es nicht mehr entbehren. Im Kern bräuchten wir vieles nicht, nur das Medium steht nicht allein, sondern im Verbund mit einer Entwicklung in der Gesellschaft: Beschleunigungen nehmen zu, die Medien reagieren drauf und beschleunigen wieder weiter. Und wir sind nicht allein von den Medien bestimmt. Wo der Anfang und das Ende sind, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Zurück geht es aber nicht mehr, wir müssen gucken, wie wir damit zurechtkommen."
Inwiefern verändert uns das ständige Kommunizieren?
Höflich: "Die Frage ist, wann überhaupt noch Ruhephasen einkehren. Ein Handelsvertreter, der früher von München nach Hamburg fuhr und mal sechs, sieben Stunden Ruhe hatte – das gibt es nicht mehr. Heute muss er sich in der Zeit mit Gott und der Welt unterhalten, die nächsten Termine ausmachen, die vorigen Termine nachbehandeln. Er hat keine Luft mehr, über irgendwas in Ruhe nachzudenken. Wir sind keine Stillstände mehr gewohnt. Kaum dass eine Wartesituation kommt, ziehen die Menschen reflexartig ihr Handy raus und spielen rum, um die Zeit zu überbrücken. Wir sind im Endeffekt immer in so einem Fluss, dass wir bei jedem Stillstand sofort in extreme Unruhe geraten. Diese Instant-Handlungsweise – alles muss schnell gehen, nichts darf aufgeschoben werden – macht uns schon zu schaffen, und daher muss es Stoppregeln geben."
Und wo liegt in Ihren Augen das richtige Maß?
Höflich: "Wir schaffen uns Abhängigkeit, indem wir uns wichtig machen, aber womöglich müssen wir einfach nur gucken, wo diese Wichtigkeit beginnt und endet. Ich denke, jedes Medium braucht seine Zeittaktung, also seine Frist der Rückmeldung. Bei einem Brief vielleicht zwei, drei Wochen, E-Mail, zwei bis drei Tage, SMS zwei bis drei Stunden. Wenn wir aber glauben, dass alles in zwei bis drei Minuten gemacht werden muss, dann ist das ein Denkfehler. Wir müssen den Medien Zeit lassen, sich unterschiedlich in den Alltag einzubauen und uns nicht ständig unter Druck setzen, nicht immer denken, alles müsse schnell gehen. Es geht auch mit Entschleunigung."
















