11.10.12

Österreich

Wo sich Hirsch und Luchs guten Tag sagen

Roaaarrrrrr! Im österreichischen Nationalpark Kalkalpen ist derzeit Hirschbrunft. Touristen können Hirsche dort sehen, hören – und essen, denn auch auf den Speisekarten ist das Wild gut vertreten.

Foto: dpa

Wenn der Hirsch röhrt, bezeugt er damit seine Paarungswilligkeit. Besuchern im Nationalpark Kalkalpen können dieses Ereignis aus sicherem Abstand bestaunen
Wenn der Hirsch röhrt, bezeugt er damit seine Paarungswilligkeit. Besuchern im Nationalpark Kalkalpen können dieses Ereignis aus sicherem Abstand bestaunen

Als der Abend dämmert, betreten auch die kapitalen Recken des Brunftplatzes die Bühne. Ihren orgelnden Bass hatten sie schon lange vorher ertönen lassen, das ganze Tal war erfüllt davon, aber sie waren noch im Dunkel des Waldes geblieben. Nun haben sie ihren Auftritt. Oder soll man sagen: Sie gewähren dem Publikum, das sich unter einer alten Buche im Bodinggraben in den oberösterreichischen Kalkalpen versammelt hat, das Schauspiel der Hirschbrunft?

Hirschbrunft als Touristenattraktion

Zweihundert Meter Luftlinie liegen zwischen den Menschen, die ergriffen und andächtig horchen und schauen, und den Hirschen drüben am Gegenhang. Mit dem Fernglas kann man das Geschehen gut verfolgen. Mit dem dreißigfach vergrößernden Spektiv aber schaut man den Hirschen direkt in die Augen. Sie blicken tatsächlich herüber, fast als wären sie misstrauisch, dass von den Zweibeinern da drüben doch einer die Rote Linie überschreiten könnte, die irgendwo unten im Talgrund verläuft.

Hirschbrunft bei Tageslicht als touristische Attraktion – das ist möglich in den jagdfreien Zonen des Nationalparks Kalkalpen. Jagdfrei ist rund die Hälfte der 21 000 Hektar Nationalparkfläche. Es sollen einmal gut zwei Drittel werden. Im übrigen Gebiet wird die Jagd von den Angestellten des Nationalparks ausgeübt, also von Förstern und Berufsjägern der Österreichischen Bundesforste.

Denkmalschutzwürdige Lederhosen

Geschossen wird nur Schalenwild – Rotwild, Rehwild und Gamswild – und zwar nur weibliches Wild und Jungwild, keine Trophäenträger also. Es gilt das Prinzip der Intervalljagd, das heißt, in einem bestimmten Gebiet wird immer nur kurze Zeit, dann aber intensiv gejagt. Alte Hirsche, Reh- oder Gamsböcke dürfen eines natürlichen Todes sterben.

Diese Strategie des Wildmanagements erklärt uns der Nationalpark-Ranger Michael Kirchweger, der allerdings gar nicht so aussieht, wie man sich einen Ranger vorstellt. Allein wegen seiner denkmalschutzwürdigen Lederhosen hätte sich die Reise hierher gelohnt. Kirchweger sieht aus wie ein Jäger von altem Schrot und Korn. Seine Dienstwohnung hat er im ehemaligen Forsthaus des Reichsfreiherrn Franz Emerich von Lamberg, der im 19. Jahrhundert den Grundbesitz im gesamten Bodinggraben zusammenkaufte.

Zwischen dem Wildmanagement im Nationalpark und dieser feudalen Jagdtradition liegen zwar einerseits Welten, andererseits schuf diese Tradition Voraussetzungen für die touristische Nutzung des Gebiets in Form von hohen Wildbeständen und attraktiven Gebäuden. Ranger Kirchweger, der wahrscheinlich über eine der malerischsten Dienstwohnungen verfügt, die es in Mitteleuropa gibt, muss es hinnehmen, dass Nationalparkbesucher sein Wohnzimmer besichtigen, in dem seit den Zeiten der Lambergs fast nichts verändert worden ist.

Mountainbiker nicht aussperren

"Jagd und Wild in der Pyhrn-Priel-Region" heißt das Motto einer kleinen Reise, die Touristen und Interessierte unternehmen können. Das verspricht intensives Naturerlebnis, aber auch die Begegnung mit Interessengegensätzen bei der touristischen Entwicklung dieses Gebiets, das bisher von Exzessen alpinistischer Freizeitnutzung verschont geblieben ist.

Man könne aber, sagt Tourismusdirektor Thomas Scholl, etwa Mountainbiker nicht aussperren. Die Jäger und die Forstwirte fürchten Störungen des Wildes, die zu erhöhten Wildschäden im Wald führen. Innerhalb des Nationalparks soll die Natur in immer weiterem Umfang sich selbst überlassen bleiben und ihre touristische Nutzung möglichst störungsarm gestaltet werden.

Ob nun der Jäger oder der Mountainbiker dem Wild den größeren Stress bereitet, darüber wird bei einer deftigen Jause auf der Karlhütte am Hengstpass zwischen Jägern, Förstern, Wildbiologen und Vertretern des "Gebirgsradvereins" lebhaft diskutiert. Man beschwört den Willen zur Kooperation und zum Kompromiss, aber wenn es dann um Entscheidungen geht, so ist zu hören, wird um jeden Kilometer zusätzlich auszuweisender Radwege erbittert gestritten.

Wild-Begegnungen der gebratenen Art

Jagd und Wild sind hier kulturell so verwurzelt, dass sie bei der Arbeit am touristischen Profil nicht ausgeblendet werden dürfen. Selbst im Nationalpark, in dem Jagd nur noch als Wildmanagement stattfindet, gehört die Begegnung mit Wildtieren in gebratenem Zustand zum Programm.

Ein idealer Ausgangspunkt für Wildnistouren ist die "Villa Sonnwend", ein komfortables Jugendstil-Haus mit modernem Anbau, das von den Bundesforsten als "Nationalpark Lodge" mit gehobener Gastronomie geführt wird. Wirt und Jäger Leo Döcker bestückt das abendliche Buffet mit Hirsch, Gams und Reh.

Zu diesem Bio-Fleisch gibt es natürlich Bio-Gemüse und für uns einen instruktiven Vortrag über das oberösterreichische Jagdwesen und die wichtigsten Regeln der Wildbretzubereitung. Gesellschaft leistet uns ein zahmer Fuchs, der seinem Besitzer, einem Jagdfreund Döckers, nicht von der Seite weicht. Jäger können also auch lieb sein zu ihren tierischen Konkurrenten.

Der Luchs, der unsichtbare Star

Zum Luchs müssen sie lieb sein, er steht unter absolutem Schutz und ist ein meist unsichtbarer Star des Naturtourismus in der Region. Drei Luchse sind bekannt, sie tragen Halsbänder mit Sendern und Namen: Pankraz, Freya und Juro. In diesem Frühjahr hat Freya Junge geworfen. Ob der alte Pankraz oder der junge Juro der Vater ist, das weiß man nicht. Wir versuchen eine Annäherung.

Lange fahren wir die Serpentinen einer Forststraße ab, bis wir das GPS-Signal von Freya empfangen. Es knackt in regelmäßigen Abständen. Wir schauen hinunter in eine Schlucht. Da unten muss sie sein. Hätten wir sie zu Gesicht bekommen, es wäre eine Sensation gewesen. So aber müssen wir weiter mit den paarungswilligen Hirschen vorlieb nehmen.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Oberösterreich Marketing. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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