04.10.12

Orte zum Abgewöhnen

Mit Stephen King durch die deutsche Provinz

Deutschland ist schön. Viel Wald, viele Seen, sanfte Höhenzüge, mächtige Burgen, verspielte Schlösser, weitläufige Parks, putzige Fachwerkhäuser. Doch es gibt auch Orte des Grauens. Ein Zwischenruf.

Foto: picture alliance / Stefan Sauer

Loitz ist überall, und wenn noch nicht heute, dann in zehn Jahren: Zwei Frauen mit einer Gehhilfe (Rollator) laufen durch die Marktstraße im Zentrum des mecklenburgischen Städtchens.
Loitz ist überall, und wenn noch nicht heute, dann in zehn Jahren: Zwei Frauen mit einer Gehhilfe (Rollator) laufen durch die Marktstraße im Zentrum des mecklenburgischen Städtchens.

Ganz gleich, ob sie eine wunderbare Altstadt aus Fachwerkhäusern hat, viele Museen, gute Restaurants, vielleicht sogar ein Schloss und ganz gleich auch, wie sie im Einzelnen heißt – die deutsche Kleinstadt ist ein Ort des Grauens geworden.

Besonders am Wochenende, wenn man als Ausflügler interessiert durch Straßen und Gassen streift. Am Anfang läuft man noch so fröhlich vor sich, man macht ein Belegfoto vom Marktplatz und ärgert sich allenfalls, weil das Schuhgeschäft schon geschlossen hat.

Doch irgendwann, nach einer halben Stunde, merkt man es dann: Die Kleinstadt liegt sonntäglich-sauber vor einem. Ruhig, aber irgendwie zu ruhig. Keine Menschenseele, nirgends.

Ein paar Minuten später dann die Erlösung. Ein Rollator nähert sich. Der Mann an den Griffen dahinter trägt eine helle Joppe, die von fern wie Schimanskis beige M65-Feldjacke aussieht. Das Alter würde schon hinkommen, Götz George ist jetzt 74 Jahre alt.

Kontrastprogramm zu Indien

Aber er lebt bekanntlich auf Sardinien. Schon vor Jahren, als sich Beige überall im Straßenbild der Kleinstädte durchzusetzen begann, entfloh er Deutschland. Und dabei war es damals noch gar nicht so schlimm, immerhin verließen die Beige-Träger noch das Haus, und man fühlte sich als Besucher nicht völlig mutterseelenallein.

An dieser Stelle sei kurz eingeschoben: Nein, das ist keine Polemik, sondern die Schilderung eines ganz normalen Sonntagsausflugs in eine x-beliebige brandenburgische oder mecklenburgische Kleinstadt, die aber auch in Hessen oder im Saarland liegen könnte.

Denn das Demografie-Problem ist ein gesamtdeutsches – und es ist nicht mehr zu übersehen, besser gesagt: Es ist niemand mehr zu sehen.

Man könnte die Ruhe freilich genießen. Man könnte sich beispielsweise denken: In Indien schlafen die Menschen auf den Straßen, auch nicht schön. Dann schon besser durch ein verschlafenes Kaff laufen, dessen Bewohner vielleicht alle längst entschlafen sind.

Und plötzlich kommt man an einem Spielplatz vorbei, auf dem sich eine – freilich unbesetzte – Kinderschaukel leicht im Wind bewegt.

Vor Jahren hat man Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere" gelesen. Daran denkt man jetzt. Und durch die dräuende Nebelwand der eigenen Gedanken hört man sich schaudernd zu seiner Begleitung sagen: "Lass uns rasch zurück nach Berlin fahren, Kinder gucken im Prenzlauer Berg."

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