10.09.12

Kreuzfahrt

"Berlin" – Das Schiff, das mal ein Traumschiff war

Schlechtes Essen, inkompetentes Personal? In Internetforen wird das ehemalige ZDF-Traumschiff als "Alptraumschiff" bezeichnet. Wir haben auf der nostalgischen "FTI Berlin" eine Testfahrt unternommen.

Foto: FTI Cruises

Aus der Ferne wirkt die „FTI Berlin“ wie ein modernes Kreuzfahrtschiff. Doch das ehemalige „Traumschiff“ ist eher ein Relikt zwischen den Ozeanriesen der neuesten Generation.

11 Bilder

Mit einem 32 Jahre alten Schiff in den Kreuzfahrtmarkt einzusteigen, dessen Technik und Einrichtung weitgehend ebenso alt sind, ist gewagt. Gewagt hat es die FTI Group aus München.

Seit Mai 2012 fährt die "FTI Berlin", das ehemalige ZDF-Traumschiff "MS Berlin", als Teil der Touristikgruppe. In Internetforen beschreiben Passagiere das Ex-Traumschiff als "Alptraumschiff" mit schlechtem Essen und "inkompetentem Personal".

FTI bestätigte auf Anfrage Reklamationen, bei denen es sich allerdings nur um Kleinigkeiten und die Meinung Einzelner handle. Mittlerweile seien alle wesentlichen Kritikpunkte behoben. Wir sind auf einem Abschnitt der vierten Reise dabei, um uns ein eigenes Bild zu machen.

Das Konzept – eine klassische Kreuzfahrt

Trotz der Havarie der Costa Concordia Anfang des Jahres: Kreuzfahrten werden immer beliebter. Große Reedereien bedienen diese Nachfrage mit immer größeren und gigantischeren Kreuzfahrtschiffen mit moderner Technik, modischer Einrichtung und (Dauer-)Unterhaltung.

Der Neuling in der Kreuzfahrtbranche, FTI Cruises, der zum Pauschalreiseveranstalter FTI gehört, hat sich gegen diesen Trend entschieden. "Wir wollten bewusst nicht in den Massenmarkt", betont Alexander Gessl, Geschäftsführer von FTI Touristik Österreich.

Es soll ein klassisches Kreuzfahrterlebnis werden, wie man es noch aus der Zeit kennt, als die FTI Berlin in den 1980er-Jahren "MS Berlin" hieß und ZDF-Traumschiff war. Damals ließen Sascha Hehn als Chefsteward Victor, Horst Naumann als Schiffsarzt Dr. Schröder, Heide Keller als Chefhostess Beatrice (die als einzige noch immer zum schauspielerischen Stammpersonal gehört) und Heinz Weiss als Kapitän Hansen von fernen Ländern und Schiffsromantik träumen.

Dieser Nostalgie kommt FTI bewusst entgegen. Die Veranstalter richten sich laut Falk-Hartwig Rost, verantwortlicher Direktor für Marketing und Vertrieb bei FTI Cruises, speziell an deutschsprachige Gäste, die sich auf einem kleineren Mittelklasseschiff mit vorwiegend deutschsprachigen Gästen wohl fühlen, Ruhe schätzen und dezentes, vorwiegend klassisches Musik- und künstlerisches Unterhaltungsprogramm goutieren.

Während andere Reedereien Familien umwerben, wollen sie Paare ohne Kinder, Alleinreisende oder ältere Gäste ansprechen. Wichtigste Zielgruppe sei die Generation "55 Plus", sagt Rost.

Das vergleichsweise kleine Schiff für maximal 456 Passagiere bietet viel offene Deckfläche. Das ist ein großer Pluspunkt. Denn so direkt am Wasser fühlt man sich nicht wie auf einem schwimmenden Hotelkomplex. Weiterer Vorteil: Weil die FTI Berlin klein ist, kann sie auch außergewöhnliche Passagen – z.B. durch den Ismus von Korinth in Griechenland – fahren.

Die öffentlichen Bereiche

Dem Nostalgiekonzept folgend entsprechen Ambiente und Ausstattung dem Charme vergangener Kreuzfahrtzeiten. Der neue Eigner hat nach dem Kauf der FTI Berlin vom britischen Vorbesitzer Saga Cruises nach Aussage von Gessl wenig an Ausstattung, Technik und Möblierung verändert.

Das kann durchaus gemütlich sein, wie in der Bar "Yacht Club" und in der "Scirocco Lounge". Ein Traum ist das Außenrestaurant um den Pool. Unter freiem Himmel zu Essen gehört zu einem der schönsten Aspekte einer Kreuzfahrt.

Ausgesprochen großzügig ist die Bibliothek, in der Bücher in deutscher, überwiegend allerdings aufgrund des britischen Vorbesitzers in englischer Sprache ausgeliehen werden können.

Doch selbst die größten Nostalgiker dürften sich auf der FTI Berlin mehr Moderne wünschen, sobald es um den Komfort geht. Die Geräuschdämmung ist nicht zeitgemäß. Allzu laute Gespräche sollte man in den Kabinen nicht führen.

Dazu kommt, dass Motorengeräusche und erhebliche Vibrationen überall auf dem Schiff zu hören und zu spüren sind. In den 1980er-Jahren legten die Schiffskonstrukteure noch keinen Wert auf behindertengerechte Bauweise. Entsprechend gibt es auf der FTI Berlin viele Trittschwellen. Rampen zu den Restaurants und Bars sind stellenweise eine Erleichterung für gehbehinderte Passagiere.

Der Lift erreicht nicht alle Passagierdecks. Beschwerlich sind die Treppen. Selbst sportliche Passagiere klammern sich am Geländer fest, um nicht beim Hinabgehen zu stolpern, weil bestenfalls ein halber Fuß auf die Stufen passt und es steil hinab geht. Hinauf geht es besser, nicht allerdings für Gäste, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß sind.

Eine Dame stöhnt, als sie die schmalen Treppen hoch steigt. Bei Wellengang habe sie jedes Mal Angst und vermeide das Treppenlaufen. Aber auch dem Aufzug traue sie nicht. "Der sieht älter und gebrechlicher als ich aus", sagt sie und lacht.

Sportmöglichkeiten an Bord

In Fitness-Studios an Land sind Über-60-Jährige heute ganz alltäglich. Die von FTI umworbene Zielgruppe der älteren Generation erwartet völlig selbstverständlich, sich auf einem Kreuzfahrtschiff sportlich betätigen zu können.

Weniger für sportlich ambitionierte aber zumindest zur Erfrischung gut ist das kleine Außenschwimmbecken am Heck. Dagegen ist der Innenpool laut Gessl für immer außer Betrieb. Es sei nicht möglich, rund um die Uhr Mitarbeiter abzustellen.

Es ist dem Vorbesitzer zu verdanken, dass auf der "FTI Berlin" ein überraschend breites Angebot an Fitnessgeräten besteht. Nur: Derzeit stehen die Fitnessgeräte um den Innenpool unterhalb der Wasserlinie und abgeschottet von der Außenwelt.

Noch mehr stört, dass direkt nebenan der Motorraum ist. Sobald die Maschine läuft, gibt sie in erheblicher Lautstärke den Takt an. Erschwerend kommt der permanente Geruch nach Schweröl hinzu. Diese Dämpfe dürften gerade beim Sport alles andere als gesundheitsfördernd sein. Gessl kündigte an, den Fitnessbereich in ein oberes Deck zu holen.

Kabinen

Die Kabinen sind zweckmäßig ausgestattet. Das Mobiliar ist ebenso betagt wie das Schiff, die Kissen sind flach, hart und unbequem. Die Röhrenfernseher sind klein und alt, dazu gibt es einen DVD-Spieler. Lediglich in den Suiten gibt es moderne Flachbildschirme.

Im Katalog wird eine individuell regulierbare Klimaanlage angepriesen. Ein paar unbeschriftete Drehknöpfe könnten diese Funktion einst erfüllt haben. Allerdings bleiben alle Drehungen wirkungslos.

Zwar fragt die Kabinen-Stewardess am Anfang der Reise, ob die Temperatur recht sei – leider zu kalt, aber dabei bleibt es auch. Die Klimaanlage sei noch eine große Schwachstelle, gesteht Gessl ein. Auch die Rohre müssten an vielen Stellen dringend erneuert werden.

Gastronomie

Das Unternehmen wirbt mit "gehobene Gastronomie" und "ungezwungenen Gaumenfreuden". Dieser Anspruch entspricht leider nicht der Wirklichkeit. Das Essen ist gut, jedoch weit davon entfernt, als "gehoben" bezeichnet werden zu können.

Vielsagend ist es, wenn noch vor der Bestellung ein Paar am Nachbartisch das Besteck nachpoliert und um ein Glas ohne Fingerabdrücke bittet.

Zu Wahl stehen das Hauptrestaurant mit Service am Platz am Mittag und Abend und das Buffet-Restaurant "Verandah" (kein Schreibfehler! Laut Gessl habe sich die Reederei aus optischen Gründen bewusst für die falsche Schreibweise entschieden).

Auswahl und Qualität des Frühstücks am Buffet entsprechen dem eines Mittelklassehotels. Allerdings stören viele Details: Die Brote und Brötchen, für die Deutschland so bekannt ist, sind weich und geschmacklos. So etwas erwartet man eher auf amerikanischen Mittelklasseschiffen.

Der Saft aus den Saftspendern ist eine Frechheit. Was als Apfelsaft und Orangensaft deklariert ist, sieht aus und schmeckt wie gefärbtes Wasser mit chemischen Aromen. Dass Getränke im Buffetrestaurant nicht serviert werden, ist in dieser Preiskategorie akzeptabel.

Anstrengend ist es jedoch, dass jede einzelne Tasse Tee oder Kaffee aus einem der zwei Automaten geholt werden muss. So bilden sich lange Schlangen. Ohne viel Aufwand wäre es möglich, Thermoskannen mit Kaffee auf die Tische zu stellen. Gerade die von der Reederei besonders angesprochene ältere Generation wird hierfür dankbar sein.

Die Portionen der Mittags- und Abendmenüs sind groß – und entsprechen in Qualität und Anrichteweise eher dem Standard gutbürgerlicher Restaurants. So werden die (geschmacksarmen) Suppen in klobigen Schalen serviert. Bei den Hauptgängen sind speziell die Sättigungsbeilagen (etwas zu) üppig bemessen.

Dass auf der vierten Fahrt eines Schiffes das Serviceteam noch nicht perfekt eingespielt ist, darf nicht allzu negativ bewertet werden. FTI Cruises habe Mitarbeiter vor allem aus asiatischen Ländern sowie Griechenland anwerben müssen, weil der Markt für Servicekräfte für die Schifffahrt besonders durch die vielen Neubauten wie leergefegt sei, erklärt Geschäftsführer Rost.

Kaum ein Restaurantmitarbeiter habe zuvor in der Gastronomie oder im Service gearbeitet. Erst rund zwei Wochen vor der Premierenfahrt, seien sie auf ihre Arbeit an Bord vorbereitet worden.

Schwierigkeiten trotz "Bordsprache Deutsch"

Fast kein Restaurant- und Barmitarbeiter oder Kabinensteward versteht Deutsch. Das widerspricht der Angabe im Prospekt, dass die Bordsprache Deutsch sei. Allerdings, wendet Rost ein, seien die für die Gäste wichtigsten Ansprechpartner wie der Kreuzfahrtdirektor und die Mitarbeiter an der Rezeption deutschsprachig.

Das kann für die Zielgruppe des Unternehmens – nämlich deutschsprachige Gäste im fortgeschrittenen Alter – unangenehm sein. Eine ältere Dame am Nachbartisch bestellt auf Deutsch beim asiatischen Kellner. Sie stockt, als sie bemerkt, dass er nichts notiert, sondern abwechselnd sie und die Karte in ihren Händen fragend ansieht.

"Er versteht Dich nicht", kommt die Tischnachbarin zur Hilfe und rät: "Du musst darauf deuten, was Du willst." Der Servicemitarbeiter lächelt dankbar, als die Seniorinnen ihm auf diese Weise mitteilen, was sie gerne essen möchten.

Offensichtlich war diese Art zu bestellen nicht ganz präzise. "Das hatte ich nicht bestellt", sagt die Dame nicht zum Kellner, sondern zu ihrer Bekannten. Offensichtlich erscheint es ihr sinnlos, das fehlgeleitete Essen zu reklamieren.

Szenen wie diese sind nicht nur im Restaurant, sondern auch im angeblich so urdeutschen Biergarten zu erleben. Auf den Wunsch, ein Weißbier und eine Apfelschorle zu bekommen, sagt der indische Mitarbeiter höflich aber unbeholfen: "Sorry, just English."

In diesem Fall sind die Gäste zwei Mittvierziger, die zwar Englisch sprechen, aber einander fragen: "Was heißt eigentlich Weißbier auf Englisch? Whitebeer? Und Apfelschorle – sparkling applejuice?" Sie beließen es bei "beer" und "apple juice".

Sicherheit

Nicht ganz abwegig ist angesichts des ungelernten und ungeschulten Personals ein mulmiges Gefühl, wie es um die Sicherheit in Notfällen auf der "FTI Berlin" bestellt ist. Nicht zuletzt nach der Havarie der Costa Concordia wäre zu erwarten, dass Reedereien hier mehr Wert legen und gegebenenfalls mehr Geld in die Sicherheit investieren.

Das bedeutet aber auch: qualifiziertes und gut geschultes Personal. Wenig professionell erschien auch das Anlegemanöver des griechischen Kapitäns am Pier der griechischen Insel Mykonos.

Trotz Unterstützung von zwei Schleppern und einem Hafenpiloten benötigte er zwei Stunden und vier Versuche, um festzumachen. Es war zwar sehr stürmisch, aber das nachfolgende Schiff ähnlicher Größe legte in deutlich kürzerer Zeit an.

Unser Fazit

Offensichtlich ist die "FTI Berlin" zu früh und unvorbereitet in See gestochen. Fast sehnsüchtig erwarten die Veranstalter die für nächstes Jahr geplante Renovierung des Schiffs. Wenn sie bis dahin nicht zu viele Passagiere vergraulen.

Denn viele sind mit dem Versprechen von Romantik und Luxus wie zu Traumschiffzeiten an Bord gelockt worden. Aber die "FTI Berlin" ist eben nicht mehr das Traumschiff, das sie einst war.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von FTI. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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Traumschiff-Infos
  • Traumkulisse auf vier Schiffen

    ZDF-Traumschiff durften sich mittlerweile vier Schiffe nennen. Die ersten Traumreisen wurden auf der „Vistafjord“ (1981–1982) und der „Astor“ (1983–1984) gefilmt. Das mittlerweile 39 Jahre alte erste Traumschiff fährt heute als „Saga Ruby“ der Reederei Saga Shipping Corporation. Saga kaufte nach einigen vorangegangenen Besitzerwechseln und Umbauten 2010 auch das zweite Traumschiff, das ebenso alt ist wie die Berlin.

    Zunächst fuhr sie als „Saga Pearl II.“ Seit Mai 2012 heißt sie Quest of Adventure. Achtung Verwechslungsgefahr: Das Traumschiff „Astor“ ist nicht die heutige „MS Astor“, die für Transocean Kreuzfahrten fährt und der Premicon AG gehört.

    Die „MS Berlin“ war das dritte Schiff, das damals ebenso wie das aktuelle Traumschiff, die „MS Deutschland“, zur Reederei Peter Deilmann gehörte. Knapp dreizehn Jahre, von 1984 bis Anfang 1999, war die „Astor“ Drehort der Hochsee-Fernsehreihe. Mittlerweile ist ihre Nachfolgerin ebenso lange als Schauplatz und Kulisse unterwegs.

    Saga Cruises scheint eine Leidenschaft für ausgemusterte ZDF-Traumschiffe zu haben, denn das Unternehmen kaufte 2004 auch die ehemalige „MS Berlin“. Im August 2011 kaufte die FTI Group das Schiff. Seit Mai 2012 fährt sie unter dem Namen „FTI Berlin“.

  • Der Veranstalter FTI

    Die Buchstaben FTI stehen für „Frosch Touristik International“. Unter diesem Namen wurde das Unternehmen im Jahr 1983 von Dietmar Gunz gegründet.

    Den ungewöhnlichen Namen wählte der Gründer, weil Frosch der Mädchennamen seiner Ehefrau Renate ist.

    Im Jahr 2002 verkaufte er die FTI Group, kaufte sie sieben Jahre später für einen Euro als symbolischen Kaufpreis zurück, da die Geschäfte bergab gingen.

    Mittlerweile zählt FTI zu den fünf größten Reiseveranstalter Deutschlands. Sitz des Pauschalreiseveranstalters ist München.

  • Reiseroute im November

    Die FTI Berlin fährt vom 11. November 2012 und März 2013 im Roten Meer auf jeweils einwöchigen Fahrten (ab 599 Euro pro Person in der Doppelkabine).

    Im wöchentlichen Wechsel beginnt die Route entweder in Safaga oder in Sharm El Sheikh mit den weiteren Stationen Aqaba und Ain Soukhna.

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