21.08.2012, 16:45

40 Jahre Interrail Fossilien und Hepatitis als Souvenirs aus Marokko

Foto: Frank Lehmann

Von Frank Lehmann

Die Welt erobern und dabei die Zeit vergessen: Gerade das Abitur in der Tasche, macht sich unser Autor 1983 auf den Weg, in vier Wochen so viele Länder wie möglich mit der Bahn abzufahren.

Marokko, 1983, irgendwo im Antiatlas nahe dem Wüstenort Ouarzazate: Ein schlaksiger Rucksackreisender mühte sich mit einem riesigen Seesack ab.

Ich half ihm in der brütenden Hitze beim Schleppen, und wir kamen ins Gespräch. "Ja, ich bin auch mit Interrail unterwegs", sagte er. "Mein Rucksack wiegt jetzt 45 Kilo. Hier gibt es wunderschöne Fossilien zu kaufen. Jetzt ist der Sack voller Ammoniten, und ich fahre wieder mit dem Zug nach Deutschland."

Ich fragte nach: "Siehst du denn überhaupt etwas von Land und Leuten?" "Nö, ich will nur Versteinerungen kaufen", antwortete er. Das klang ziemlich spleenig.

Viele Verrückte auf der Interrail-Tour

Verrückte Leute habe ich viele getroffen auf dieser Interrail-Tour. Wie den manischen Steinesammler. Vor allem aber auch viele junge Leute, deren Ehrgeiz es war, in vier Wochen so viele Länder wie möglich abzufahren. Das waren die Schienen-Kilometerfresser. So ging es auch uns drei Jungs aus Ostwestfalen, gerade das Abitur in der Tasche.

Geld für Unterkünfte hatten wir kaum, das bedeutete also meistens: schlafen im Abteil, auf Gängen, in Gepäcknetzen, ansonsten im Zelt und einmal in einem auffallend günstigen Hostel, in dem wir dann nachts Kakerlaken jagten.

Für 450 Mark quer durch Europa

Das Interrail-Ticket kostete damals 450 Mark, und die gleiche Summe hatte ich als Taschengeld für vier Wochen dabei. Es gab nur billigsten Rotwein, Baguette, Spaghetti und Fisch auf dem Campingkocher.

Große Teile Europas wollten wir in vier Wochen sehen. Wie ein rasanter Bilderbogen zogen die Sehenswürdigkeiten und Wahrzeichen an uns vorbei: die Kapellbrücke von Luzern, die Spanische Treppe in Rom, die David-Statue von Michelangelo in Florenz, der Hafen von Marseille, der Prado in Madrid, der Elevador de Santa Justa in Lissabon, der die Unter- mit der Oberstadt verbindet, und die Heilige Kathedrale in Córdoba. Noch ein paar Affen auf dem Felsen von Gibraltar gefüttert und dann ging es weiter nach Marokko.

Ich war glücklich, hatte die Welt erobert – und dabei die Zeit vergessen! In vier Tagen lief mein Ticket ab. Das fiel mir allerdings erst auf dem Djebel Toubkal ein, auf 4167 Meter Höhe im Atlasgebirge.

Keine Zeit mehr für Paris

Jetzt also nonstop zurück in die Heimat: Marrakesch–Bielefeld in einem Rutsch. Es gelang. Holzklasse nach Casablanca, Bummelzug nach Tanger. Sechs Stunden lang stand mein Zug einmal in der Einöde Andalusiens, dann ruckte er wieder an. Keine Zeit mehr für Paris.

Das Geld war verbraucht, ich hatte dauernd Hunger, aber am letzten Tag der vierwöchigen Reise war ich wieder zu Hause. Als Mitbringsel dabei: eine böse Hepatitis und ein wunderschöner Ammonit aus Marokko. Der Stein gehört jetzt meinem Sohn, dem ich oft von meiner wilden Reise erzählen muss.

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