14.08.12

40 Jahre Interrail

Wenn ein Interrailer plötzlich die Geduld verliert

Drei sind einer zuviel: Drei Rucksacktouristen fuhren mit der Bahn 1990 Richtung Portugal. Doch am Grenzbahnhof Hendaye zwischen Frankreich und Spanien verschwand einer von ihnen spurlos.

Foto: Getty Images

Seit 40 Jahren erlaubt Interrail das Zugfahren durch Europa zum Pauschalpreis.

16 Bilder

Wir fuhren zu dritt los und kamen zu zweit zurück. Plötzlich war Karsten spurlos verschwunden.

Wo war Karsten?

In Hendaye, dem überfüllten Grenzbahnhof zwischen Frankreich und Spanien, hatten wir ihn aus den Augen verloren. Wo war Karsten geblieben? Hatte er das Chaos an den Gleisen womöglich genutzt, wo Hunderte andere Interrailer aufs Umsteigen warteten, um sich von uns abzusetzen?

Er schleppte immer die schwersten Sachen

Vielleicht war er nach zwei Wochen zu der ernüchternden Erkenntnis gekommen, dass die reizvolle Vorstellung, mit zwei Mädchen durch Europa zu reisen, deutlich von der Realität abweicht?

Vornehmlich bedeutete das nämlich, dass er es war, der die schwersten Sachen schleppte, das Zelt zum Beispiel, Töpfe, Campingkocher, Kartuschen und die Rotweinflaschen. Der die Sitze im Zugabteil erkämpfte und selbst ritterlich auf dem Gang schlief. Der das Zelt aufbaute, die Heringe einschlug und den leiernden Sony-Walkman reparierte.

Die Rolle als Aufpasser hatte er satt

Vermutlich hatte er die ihm zugedachte Rolle als Anstandswauwau satt, die ihm unsere besorgten Eltern vor der Abreise zugewiesen hatten. Weil er ständig aufpassen musste, damit wir keine Dummheiten anstellten. Während er das Zelt aufbaute, flirteten wir mit den Nachbarn.

Während er schon die nächste Route plante, wollten wir lieber ausschlafen. Karsten sammelte lieber Stempel im Interrailpass, wie Trophäen. Wer war am weitesten gereist? Sportlicher Ehrgeiz. Wir aber wollten nur Sonne, Strand, Spaß. Seine Geduld mit uns war nach zwei Wochen wahrscheinlich erschöpft.

Campen unter dem Sternenhimmel

Anja und ich warteten noch eine Weile am Bahnsteig von Hendaye und sorgten uns um Karsten – und um das Zelt an seinem Rucksackgestell. Dann setzten wir uns in den nächsten Zug nach Lissabon.

Einige Rucksacktouristen fuhren nach Peniche im Norden Portugals, gut zum Surfen und für Strandurlaub, und wir kamen mit, campten in Schlafsäcken unter dem Sternenhimmel, und manchmal dachten wir an Karsten – und an sein komfortables Zelt. Nach einer guten Woche trödelten wir zurück nach Deutschland.

Ein Brief wartete

Karsten aber war noch nicht zurück. Kurz vor Schulbeginn kam ein begeisterter Brief von ihm, den ich aufbewahrt habe: Er hatte ein paar Jungs unterwegs getroffen und war weiter nach Marokko gereist.

"Geile Musik, gute Laune", schrieb er. "Am Morgen einen Joint und der Tag ist dein Freund. Komme so am 25. zurück. Ciao, himmelhoch jauchzende Grüße von Karsten". Auch das war typisch Interrail.

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Auf Gleisen

Interrail – Reisen mit der Bahn zum Pauschalpreis

Infos zu Interrail heute
  • Interrail Global-Pass

    Der Interrail Global-Pass gilt für 30 europäische Länder. Gab es früher nur eine Variante, wird beim aktuellen Interrail-Pass nach Altersgruppen (Jugendliche unter 26, Erwachsene, Senioren ab 60 Jahren) und in 2. und 1. Klasse (letztere für Erwachsene und Senioren) unterschieden. Der Preis hängt zudem von Geltungsdauer und Reisetagen ab. Möglich ist es, 5 Tage in 10 Tagen oder 10 Tage in 22 Tagen zu reisen; wer will, kann auch durchgehend 15 oder 22 Tage oder einen Monat lang Bahnfahren.

  • Interrail

    Ein-Land-Pass ermöglicht Bahnfahrten in einem bestimmten Land. Innerhalb eines Monats kann an 3, 4, 6 oder 8 Tagen gereist werden. In der teuersten Ländergruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) zahlt ein Jugendlicher für 8 Tage 211 Euro, in der günstigsten (Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Türkei) 82 Euro (2. Klasse).

  • Preisbeispiele

    Für den Klassiker, also jenen Fahrschein, der dem Urpass von 1972 entspricht, zahlen Jugendliche für einen Monat 422 Euro (Erwachsene: 638 Euro, Senioren: 575 Euro). Jugendliche, die nur 22 Tage durch Europa touren wollen, kaufen ein Ticket für 329 Euro. Wer in diesen 22 Tagen nur an 10 Tagen Bahnfahren möchte, zahlt 257 Euro. Die günstigste Karte kostet 175 Euro. Sie gilt 10 Tage, an 5 davon ist Zugfahren erlaubt.

  • Ausstellung

    „40 Jahre Interrail“ im DB Museum in Nürnberg ab 29. September, www. dbmuseum.de

  • Auskunft

    www.interrailnet.com

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