01.08.12

Etikette

Wie der Luxusurlaub nicht zum Fauxpas wird

Seit sich Julia Roberts in "Pretty Woman" über "schlüpfrige kleine Scheißerchen" beschwerte, hat sich viel in der Luxushotellerie verändert. Die Sitten sind lockerer, aber nicht frei von Regeln.

Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi

Im Film „Pretty Woman“ zeigt Richard Gere in der Rolle als Edward Lewis Vivian Ward alias Julia Roberts, wie man sich in einem Luxushotel korrekt benimmt
Im Film "Pretty Woman" zeigt Richard Gere in der Rolle als Edward Lewis Vivian Ward alias Julia Roberts, wie man sich in einem Luxushotel korrekt benimmt

Krise hin oder her, die Nachfrage nach Luxusurlaub ist ungebrochen – und wächst gar. So konnte die TUI mit ihrer Luxusmarke Airtours in diesem Jahr schon 30 Prozent mehr Umsatz im Vergleich zu 2011 verzeichnen, Dertour deluxe kommt auf immerhin 20 Prozent Umsatzplus, und selbst beim Internetportal lastminute.de bewegt sich bereits jede sechste Reisebuchung im 5-Sterne-Bereich.

Die Zahlen sind derart signifikant, dass es längst breitere Bevölkerungsschichten als die viel zitierten "oberen Zehntausend" sein müssen, die sich für ein paar schöne Tage im Luxushotel einmieten. Mehr noch: Glaubt man einer Umfrage von Lastminute, die das Portal eigens in Auftrag gab, um seine neuen Luxusbucher besser zu verstehen, fühlen sich 72 Prozent der Deutschen in einem Fünfsterne-Ambiente pudelwohl.

Lediglich sechs Prozent der Befragten gaben an, dass das ungewohnte Umfeld sie gestresst habe, weil sie das Gefühl hatten, ihr Verhalten anpassen zu müssen.

Nun könnte man zwar vermuten, dass sich die nicht-gestressten Luxusurlauber einfach keine Gedanken um ihr Auftreten machen. Doch weit gefehlt: 69 Prozent der Deutschen kleiden sich im Luxushotel elegant, wobei 38 Prozent versuchen, sich auch vornehm zu verhalten und 16 Prozent eine gehobenere Ausdrucksweise wählen, ermittelte Lastminute.

Zugegeben, manchmal liegen zwischen Anspruch und Wirklichkeit Welten, soll heißen, ein Nadelstreifenanzug macht noch keinen Herrn und ein Cocktailkleid keine Dame. Legendär ist in diesem Zusammenhang die Filmszene in "Pretty Woman", als sich Julia Roberts im Edelrestaurant verzweifelt mit ihren Schnecken abmühte und ihnen, als sie vom Teller sprangen, wütend hinterher rief: "Schlüpfrige kleine Scheißerchen."

Seither sind 22 Jahre vergangen. Die Umgangsformen in der Luxushotellerie sind inzwischen deutlich ungezwungener, wenngleich nicht regelfrei. Was also müsste Julia Roberts alias Pretty Woman heute beachten, um keinen Fauxpas zu begehen?

Wir haben uns mit zehn drängenden Fragen an Manfred Lippert gewandt. Als langjähriger Hoteltrainer der Steigenberger Hotel Group, die mit 79 Häusern (darunter 46 First-Class- und Deluxe-Hotels) eine der führenden Hotelgesellschaften in Europa ist, kennt er sich bestens in gehobenen Häusern aus.

Vor wenigen Wochen wurde Lippert denn auch in den Deutschen Knigge-Rat berufen. Die Vereinigung setzt sich mit hiesigen Umgangsformen auseinander und gibt Empfehlungen zum Thema zeitgemäße Etikette im deutschsprachigen Raum.

Wer betritt zuerst das Hotelrestaurant?

Betritt ein Paar das Restaurant, geht der Herr voran. Lädt aber zum Beispiel eine Dienstleisterin einen Kunden ein, übernimmt sie die Gastgeberrolle mit allen Rechten und Pflichten und betritt als Erste das Restaurant.

Ein Sonderfall sind Restaurants mit Drehtür. Früher galt die Regel: Der Herr dreht erst einmal eine Runde im Alleingang und schiebt so für die Dame die Tür an, der dann bei der zweiten Runde auch der Vortritt gelassen wird. Das würde vielen Beobachtern der Szenerie heute wahrscheinlich wie eine Slapstick-Nummer vorkommen.

Deshalb entscheiden Sie besser individuell, was für die Begleitung angenehmer ist, das heißt, Sie gehen entweder vor und setzen die Drehtür in Bewegung, oder lassen Ihrer Begleitung den Vortritt.

Kann ich meinen Aperitif von der Bar mit an den Tisch nehmen?

Die veraltete Regel besagt, dass der Aperitif nicht mit an den Tisch genommen wird. Heute gilt das nur noch bei Bankettessen. Wenn Sie à la carte essen und den Aperitif nicht halbvoll an der Bar zurücklassen wollen, bitten Sie den Service-Mitarbeiter, das Getränk an den Tisch zu bringen.

Wie rufe ich einen Kellner?

Wenn Sie die Bedienung rufen müssen, lautet die moderne Empfehlung: Sprechen Sie überall, wo es dank eines Namensschilds möglich ist, Restaurantfachkräfte mit ihrem Namen an, oder machen Sie durch ein dezentes Handzeichen auf sich aufmerksam. Tabu ist das früher übliche "Fräulein".

Wie halte ich es mit Handy und iPad?

Was in der Hotellobby möglich ist, verbietet sich im gehobenen Restaurant. Je formeller der Rahmen und je offizieller der Anlass, desto eher gehört das Handy in die Tasche und der Klingelton auf lautlos gestellt.

Etwas anderes ist die geräuschlose Nutzung des iPads. Lesen ist im Gegensatz zum Telefonieren kein Fauxpas, da es niemanden stört. Mit einer Einschränkung: Wer bei Sterne-Köchen speist, sollte sich ganz der kulinarischen Spitzenleistung widmen und weder Print- noch virtuelle Medien nutzen.

Darf ich dezent mein Make-up am Tisch auffrischen?

Auch wenn Sie noch so dezent und ohne Spiegel die Lippen nachziehen können: An der Regel, dass Körperhygiene und Kosmetik nicht an den Tisch gehören, hat sich nichts geändert.

Was hat sich bei den Speiseregeln geändert?

Generell gilt: Die Tischsitten haben sich etwas gelockert. Das beginnt schon bei der Vorsuppe. Früher galt das Kippen von Suppentellern und das Austrinken eines Restes Suppe aus Suppentassen in guten Restaurants als Fauxpas; mittlerweile gilt dergleichen Tun nicht mehr als anstößig – sofern die Suppe ohne Einlagen ist und Sie dabei nicht schlürfen.

Auch das Essen des kleinen Salats ist einfacher geworden, seit sich niemand mehr daran stört, wenn Sie die großen Blätter mit dem Messer zerteilen. Früher galt das als unschicklich, und die Restaurantgäste waren gut beraten, die Blätter mit Messer und Gabel zusammenzufalten – was freilich einiges Geschick voraussetzt. Denn beim ungewollten Zurückklappen des Blattes konnte es passieren, dass sich ein feiner Sprühregen aus Dressing auf die Umsitzenden ergoss.

Ähnlich "gefährlich" war früher das Zerteilen der Kartoffeln nur mit der Gabel, erst recht, wenn sie "al dente" gekocht waren; gerade deshalb können Sie jetzt dafür das Messer benutzen.

Übrigens: Im Jahr 2012 dürfen Sie auch Spargel schneiden und Eier köpfen. Bei Hähnchenschenkeln, die früher selbst in der Luxushotellerie mit der Hand gegessen wurden, sollten Sie heute in jedem Fall zu Messer und Gabel greifen. Ausnahmen sind zum Beispiel ungefüllte Wachteln, für die kein Besteck zwingend vorgeschrieben sind.

In Sachen Wein wurden ebenfalls viele Regeln fallengelassen, etwa jene, dass Weißwein zu Fisch und Rotwein zu dunklem Fleisch serviert wird. Heute sucht man den Wein nicht mehr nach der Farbe aus, sondern danach, ob er geschmacklich und vom Säuregehalt zum Essen passt. Und ein leichter Rotwein kann wunderbar mit Fisch harmonieren.

Darf ich vom Teller des Tischnachbarn probieren?

In einfacheren Lokalen sicher kein Problem, ist der Tausch von Probierhappen in Feinschmecker-Restaurants ein Formfehler. Aber auch hier hat sich viel geändert, und viele Top-Gastronomen reagieren mittlerweile gelassen, wenn Gäste den Partner vom eigenen Gericht probieren lassen.

Ist der "Anstandsrest" noch zeitgemäß?

Ganz klar – nein. Eine Etikette-Regel, die besagt, dass Lebensmittel weggeworfen werden müssen, ist nicht zeitgemäß.

Darf ich die Dekoration eines Cocktails essen?

Die Regel, Dekoration niemals mitzuessen, ist überholt. Man sieht das mittlerweile lockerer, zudem wäre es schade, Lebensmittel wegzuwerfen. Lassen Sie sich die Dekoration im Cocktailglas also schmecken, und legen Sie die nicht essbaren Teile auf die Serviette oder einen Extrateller.

Wo ist die Toilette…?

Es galt lange Zeit als unschicklich, im Restaurant nach der Toilette zu fragen, heutzutage sind die Begriffe Toilette und WC passabel. Empfehlenswert ist die Frage: "Wo kann ich mir die Hände waschen?". Allerdings erhält man darauf in der durchschnittlichen Gastronomie oft die Antwort: "Die Toiletten sind hinten links…"

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