27.07.12

Himalaja

Mount Everest – Die höchste Müllkippe der Welt

Für viele Bergsteiger, auch ungeübte, ist es ein Traum, den höchsten Berg der Erde zu erklimmen. Doch der Massentourismus am Mount Everest wird zu einem immer größeren Problem – nicht nur ökologisch.

Ist der Mount Everest noch ein heiliger Berg? Mit 8848 Metern über dem Meeresspiegel ist er zumindest der höchste Berg der Erde. Er befindet sich in der nepalesischen Region Khumbu auf der Grenze zu Tibet, der westliche und der südöstliche seiner drei Gipfelgrate bilden die Grenze. Die Tibeter nennen den Berg voller Ehrfurcht "Chomolungma" (Mutter des Universums).

Bei einer Besteigung des Mount Everest begeben sich die Bergsteiger ab 8000 Metern in die sogenannte Todeszone. Der Sauerstoffgehalt in der Luft beträgt nur noch ein Drittel, die Temperatur kann auf minus 60 Grad Celsius fallen.

Kein Wunder, dass seit der Erstbesteigung am 29. Mai 1953 durch den Neuseeländer Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay mehr als 200 Gipfelanwärter dort ihr Leben ließen.

Dieses Jahr haben es nach Angaben der Internetseite EverestNews.com bereits 425 Bergsteiger auf den Gipfel geschafft, neun starben.

Aufwärts im Gänsemarsch

Allein am 19. Mai waren von der Südseite aus etwa 150 Bergsteiger, meist Kunden kommerzieller Expeditionen, Richtung Gipfel unterwegs. Im Gänsemarsch ging es mit den Steigeisen des Vordermanns im Gesicht und einer Sauerstoffmaske auf dem Mund an den von den Sherpas angebrachten Fixseilen aufwärts.

"Es ist der Fluch der Eitelkeit, der die Menschen an diesem Berg treibt", sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. "Der Wille der Menschen ist dort stärker als das bergsteigerische Können. Für sie zählt nichts, außer der Gipfel."

Messner war im Jahr 1978 mit dem Österreicher Peter Habeler auf dem Everest unterwegs – als erste Bergsteiger ohne die Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff.

"Mittlerweile wird der Berg präpariert, mit Seilen und Leitern versehen, regelrecht in Ketten gelegt. Dadurch ist es diesen Massen möglich, auf den Gipfel zu gelangen. Die Leute werden von den Sherpas auf den Berg gehievt. Das hat mit Bergsteigen wenig zu tun. Der Mount Everest ist ein Konsumgut geworden", sagt er.

Wenn es nach ihm ginge, müssten die Aufstiegshilfen abgebaut werden, um die große Versuchung für die Gelegenheitsbergsteiger zu verringern.

Fixseile für kommerzielle Expeditionen

Am 17. Mai erreichte der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck als einer der Ersten in dieser Saison den Gipfel des Everest. Ohne die Zuhilfenahme von Sauerstoff stieg er zusammen mit einem Freund und einer Gruppe Sherpas auf, die für die folgenden kommerziellen Expeditionen die Fixseile anbrachten.

"So viele Menschen habe ich noch nie an einem Berg gesehen. Mein Problem war nicht die geringe Sauerstoffsättigung in der Luft, sondern wie ich auf dem Rückweg an den aufsteigenden Menschenmassen vorbeikomme", sagt er.

Die Logistik am Everest ist mittlerweile so ausgebaut, dass es selbst Bergsteiger mit wenig Erfahrung auf den Gipfel schaffen können – wenn das Wetter mitspielt. Extrembergsteiger Hans Kammerlander beschreibt dies als "äußerst bedenklich".

Er selbst stand ohne die Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff auf allen 14 Achttausendern. 1996 fuhr er als erster Mensch vom Everest über die Nordwand mit Skiern bis ins Basislager ab.

"Es sind kaum noch Alpinisten an dem Berg unterwegs, sondern nur noch Touristen, die meinen, sich den Gipfel des höchsten Berges der Welt erkaufen zu können." Kammerlander wundert sich daher, dass nicht noch viel mehr dieser Amateure am Everest sterben.

Gefährliche Staus am Berg

"Die vielen unerfahrenen Menschen erhöhen die Risiken am Berg", sagt Andreas Sippel, Expeditionsleiter des DAV Summit Club (Deutscher Alpenverein). "Obwohl der Aufstieg vom Süden her nicht sehr steil und technisch nicht allzu schwierig ist, kommt es durch die vielen Bergsteiger immer wieder zu Staus, verursacht auch durch schwächere Bergsteiger, die, am Fixseil eingehängt, eine Pause einlegen. Sie hindern damit andere am Vorankommen", sagt er.

Diese Zeitverzögerungen sind gefährlich. Durch das Gedränge riskieren die Bergsteiger nicht nur Erfrierungen, sondern auch die durch den Sauerstoffmangel hervorgerufene Höhenkrankheit.

"Der DAV hat deswegen die Besteigung des Everests schon seit Jahren aus dem Programm genommen", sagt Sippel. "Wir haben für uns erkannt, dass eine kommerzielle Führungstätigkeit am Everest unseriös ist. Die Bergführer und die Sherpas können in diesen Höhen keine Verantwortung für das Leben zahlender Kunden übernehmen."

Achttausendertouristen sind für das Land lukrativ

Für das Land Nepal und die Bergführer bedeuten die Achttausendertouristen jedoch ein lukratives Geschäft. Allein für jeden Besteigungsversuch sind 10.000 US-Dollar fällig. Hinzu kommen zwischen 30.000 und 65.000 US-Dollar Teilnahmegebühren für eine kommerzielle Expedition.

Diese hinterlassen ihre Spuren: leere Sauerstoffflaschen, kaputte Ausrüstung – die Flaschendeponie auf dem Südsattel des Everest ist die höchste Müllkippe der Erde. "Wir haben seit 2011 acht Tonnen Expeditions- und Touristenmüll von dem Berg heruntergeholt", sagt Kurt Luger, Vorsitzender von EcoHimal.

Vorbei an gefrorenen Leichen

Die Umweltorganisation rief 2011 das Projekt "Saving Mount Everest" ins Leben. "Die Säuberungsaktionen bedeuten für uns immer wieder einen Marsch in die Todeszone." Und das ist nicht nur ein leerer Begriff.

Auf dem Weg zum Gipfel passiert man oftmals gefrorene Leichen. Der Mount Everest – makabrer Friedhof und gefährliches Sportgerät. Der heilige Berg ist damit wohl Vergangenheit.

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