30.06.12

Italien

Einsam am Ostufer des Lago Maggiore

Schon immer zog der Lago Maggiore Sonnenhungrige aus dem Norden an. Doch: Während sich an der Westseite des Sees die Touristen drängen, genießen nur wenige das stille italienische Ostufer.

Foto: picture alliance / Arco Images

Beschaulich: Der alte Hafen von Laveno-Mombello. Die kleine Gemeinde liegt an der Ostküste des Lago Maggiore.
Beschaulich: Der alte Hafen von Laveno-Mombello. Die kleine Gemeinde liegt an der Ostküste des Lago Maggiore.

Um ihren Arbeitsplatz kann man Alessandra Miglio beneiden. Ihr Schreibtisch steht im Palazzo Crivelli, dem ehemaligen Wohnsitz einer Grafenfamilie, wo heute die Gemeindeämter von Luino untergebracht sind.

An der gewölbten Decke prangen Jugendstilfresken. Am schönsten ist jedoch der Blick aus dem Fenster. Wenn Alessandra Miglio nach links schaut, glitzert draußen, keinen Steinwurf weit entfernt, der Lago Maggiore. An diesem verregneten Vormittag ist die Wasseroberfläche vom Wind gekräuselt.

Möwen segeln über den alten Hafen und hocken dann mit eingezogenen Köpfen auf der Begrenzungsmauer. Auf einer Granitsäule glänzt eine goldene Madonnenfigur. Ein fast leeres Passagierschiff pflügt einen weißen Strich in das tintenfarbene Gewässer, während im Hintergrund zwischen Wolkenschleiern die Berge der gegenüberliegenden Talseite auftauchen.

Der Lago als Kompromisslösung

"Die Atmosphäre, das Licht hier am See ist jeden Tag anders", sagt Alessandra Miglio, die als Stadtforscherin arbeitet. Bereits als Kind kam die Tochter einer Ostpreußin und eines Süditalieners mit ihren Eltern an den oberitalienischen See.

"In Norddeutschland, wo wir zuerst lebten, war es meinem Vater zu kalt, meiner Mutter weiter im Süden zu heiß. Der Lago Maggiore war eine Kompromisslösung", sagt die Frau mit den blonden Haaren.

Schon immer zog der Lago Maggiore mit seinen palmengesäumten Ufern Sonnenhungrige aus dem Norden an. Bereits im 18. Jahrhundert war eine Grand Tour unter bürgerlichen Malern, Schriftstellern und Kaufmannssöhnen in Mode gekommen.

William Turner schrieb ins Gästebuch

Eine Rundfahrt um die Oberitalienischen Seen, mit dem Lago Maggiore im Mittelpunkt, gehörte bald zum Pflichtprogramm. Als William Turner 1819 nach Italien reiste, machte er zuerst in Luino Station. Seine Eindrücke von der südländischen Landschaft und Architektur hielt er im Skizzenbuch fest.

In das Gästebuch des "Simplon", des vornehmsten Hauses am Platz, trug nicht nur er sich ein, sondern auch der Schriftsteller Wordsworth, der Entdecker Nansen und der preußische General Moltke. Heute ist das "Simplon" geschlossen – wie viele alte Hotels in Luino.

Die große Zeit Luinos ist vorbei

Die 15.000-Einwohner-Stadt hat in den vergangenen Jahren wenig dafür getan, dass Touristen kommen. Alessandra Miglio erzählt von Protesten, die heftig aufflammten, als der Gemeinderat vor einigen Jahren beschloss, ein Stück Uferstraße zur Flaniermeile umzuwandeln. Das Auto sei den Menschen hier sehr wichtig, ein Kultobjekt.

Doch es gehe darum, den Lago wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Wie früher, als eine Wasserstraße den Lago Maggiore mit dem Zentrum von Mailand verband. Jahrhundertelang gelangten auf diese Weise Lebensmittel und Baumaterialien vom Umland in die lombardische Metropole.

Die große Zeit Luinos war dann im ausgehenden 19. Jahrhundert, damals machte hier die Gotthardbahn auf dem Weg von Genua nach Genf halt. Es war die Epoche, in der sich Textilfabrikanten in der Stadt ansiedelten und ihren Reichtum mit prunkvollen Villen zur Schau stellten.

Das Leben in Luino pulsiert gemächlich

Das ist inzwischen Vergangenheit, die Nachkommen der Textilbarone leben heute in Turin oder in Mailand. Erhalten blieben jedoch ihre Jugendstilresidenzen, einige in hervorragendem Zustand, andere dämmern mit verschlossenen Fensterläden vor sich hin.

Das Leben in Luino pulsiert im gemächlichen Rhythmus der Provinz – wie am gesamten italienischen Ostufer, das manchmal abfällig "Sponda magra" genannt wird, mageres Ufer – im Gegensatz zur fetten gegenüberliegenden Seite, wo mit den Borromäischen Inseln, Ascona, Locarno und Stresa die berühmten Sehenswürdigkeiten liegen.

Vergebliche Suche nach dem Nobelpreisträger Dario Fo

Dafür sind diese Orte häufig überlaufen, während die Abgeschiedenheit des Ostufers durchaus Vorteile bringt: Die grünen Hügel rundherum sind kaum mit wuchernden Betonbauten verschandelt, und es gibt noch Schätze zu entdecken.

Etwa den Palazzo Verbania direkt am See, ein Jugendstiljuwel des Architekten Giuseppe Petrolo, oder den Belle-Époque-Bahnhof mit seinen lichtdurchfluteten Säulenhallen und einer Dachkonstruktion aus Stahl und Glas, in dem Dario Fos Vater als Bahnhofsvorsteher arbeitete.

Keine Erinnerung an den Literatur-Nobelpreisträger

Dario Fo ging in Luino zur Mittelschule, zur Kunstakademie in Mailand pendelte er mit dem Zug. Die Familie Fo wohnte in Luino an der Piazza Rinascimento. Am Hauseingang sucht man allerdings vergebens nach einem Hinweis, dass hier der Literatur-Nobelpreisträger von 1997 seine frühen Jahre verbrachte.

Im Feinkostladen an der Ecke, wo man vom großen Sohn Luinos nichts weiß, wird Wurst und Ziegenkäse verkauft, sie stammen aus den Bergtälern nahe der Schweizer Grenze, unserem nächsten Ziel.

"Es gibt hier kaum Verdienstmöglichkeiten"

Eine schmale Straße schraubt sich hinauf in das Val Dumentina. An Hängen kleben Häuser aus grauen Naturquadern. In Runo gibt es einen Tante-Emma-Laden, daneben eine Bar, wo Männer um einen Tisch hocken; einer von ihnen stellt sich als Bürgermeister vor.

Das Trinkwasser des Gemeindewerkes enthalte zu viel Arsen, sagt er. Doch für die Reinigungsanlage gebe es keine Zuschüsse, auch nicht für die Instandhaltung des Sportplatzes und des Altenheimes. "Es gibt hier kaum Verdienstmöglichkeiten, wir waren immer ein Auswanderer-Tal." Um seinen Worten mehr Gewicht zu geben, empfiehlt er uns die Weiterfahrt nach Curiglia, in ein Dorf ganz hinten im Tal.

Sämtliche Häuser sind verlassen

Wie ein steinerner Schiffsbug erhebt es sich aus den Wäldern. Von Weitem sieht der Ort malerisch aus. Doch im oberen Dorfteil sind sämtliche Häuser verlassen. Wir fahren weiter, bis auf 1200 Meter, und hier zeigt sich, dass man auch fern vom Trubel sein Glück finden kann.

Auf einer Waldlichtung leben zehn Benediktinermönche. Wenn Sie nicht beten, restaurieren sie alte Handschriften oder malen Ikonen. Bruder Roberto arbeitet gerade an einem Kultusbild mit dem Apostel Andreas und der Heiligen Martha.

Von seinem Atelier aus hat er einen herrlichen Blick auf die Lichtung vor dem Kloster. Manchmal höre er draußen Wildschweine scharren und grunzen. Das inspiriere ihn, lärmende Menschen hingegen könnten, so gibt der bärtige Mönch zu verstehen, bleiben, wo der Pfeffer wächst – oder am Westufer.

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