18.06.12

Top-Hilton-Manager

"Das Gefühl des Nachhausekommens kenne ich nicht"

Vom Hilfskellner zum Top-Manager: Oliver Harnisch hat von der Pike auf gelernt. Sein größtes Projekt ist das "Waldorf Astoria" in Berlin. Trotz verschobener Eröffnung bleibt der Hobbypilot gelassen.

Foto: DOMINIK_BUTZMANN

Olivier Harnisch (li.) und Redakteur Ernst August Ginten im Cockpit eines Flugsimulators in Berlin
Olivier Harnisch (li.) und Redakteur Ernst August Ginten im Cockpit eines Flugsimulators in Berlin

Hotelmanager wie Olivier Harnisch, 45, verdienen ihr Geld zwar mit der Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung. Das Leben des Deutsch-Franzosen klingt aber alles andere als ausgeruht. Schon in jungen Jahren hat Harnisch auf fast allen Kontinenten gearbeitet und sich permanent weitergebildet.

Heute sitzt er selten in seinem Frankfurter Büro, sondern jettet vor allem zu seinen Hotelchefs in ganz Europa. Entspannung findet er bei seiner Familie in Wiesbaden – und ausgerechnet im Cockpit eines Sportflugzeugs. Für das Gespräch mit der "Berliner Morgenpost" hat sich Harnisch einen virtuellen Rundflug am Steuer eines Passagierjets im Flugsimulator bei ipilot gegönnt.

Berliner Morgenpost: Herr Harnisch, sind Sie ein Langschläfer?

Olivier Harnisch: Nein. Ganz im Gegenteil. Zwischen fünf und sechs Stunden Schlaf reichen mir.

Berliner Morgenpost: Ziemlich wenig für einen, der sein Geld mit Übernachtungen verdient. Sind Sie hyperaktiv?

Harnisch: Wie kommen Sie denn darauf?

Berliner Morgenpost: Sie sind während Ihrer Karriere meistens nur ein bis zwei Jahre an einem Ort geblieben.

Harnisch: Das ist im Hotelgeschäft völlig normal in den jungen Jahren. Man nennt sie daher Wanderjahre.

Die simulierte Boeing 737 hebt mit kräftigem Schub vom Flughafen Frankfurt ab.

Berliner Morgenpost: Wie oft sind Sie in Ihrem heutigen Job im Schnitt im Monat unterwegs?

Harnisch: Ich bin nur drei bis vier Tage im Monat in meinem Büro in Frankfurt.

Berliner Morgenpost: Hätten Sie sich ein so bewegtes Leben am Anfang Ihrer Laufbahn vorstellen können?

Harnisch: Nein (lacht). Da wäre ich froh gewesen, wenn ich als Kellner, auf Französisch "Chef de Rang", irgendwann mal im Restaurant meine eigenen Tische hätte bedienen dürfen.

Berliner Morgenpost: Eigene Tische?

Harnisch: Ja, ich hab nach der Hotelschule als Hilfskellner, als "Commis", angefangen, und war superstolz, als ich im berühmten Hotel "Negresco" in Nizza eine Stelle bekommen habe.

Berliner Morgenpost: Um dort was zu machen?

Harnisch: Meine Aufgabe war, dafür sorgen, dass der Brotkorb immer voll ist. Das habe ich eineinhalb Jahre gemacht, und es war eine sehr wichtige Erfahrung.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie denn da außer Brot schneiden noch gelernt?

Harnisch: Disziplin. Denn das "Negresco" hat eine Seele. Damals war es noch in Besitz einer alten Dame, Madame Augier, die war schon Anfang 70. Und im Salon gab es einen großen Teppich. Den durfte kein Mitarbeiter betreten, außer wenn er einen Gast bedienen musste.

Bereits nach ein paar Wochen hätte ich fast meinen Job verloren, weil ich abends spät abkürzen wollte. Aber genau an diesem Abend war Madame Augier um 23 Uhr noch im Haus und hat mich dabei erwischt. Das Einzige, was mich gerettet hat, war, dass ich ihr glaubhaft versichern konnte, dass ich neu war.

Berliner Morgenpost: Sie waren damals knapp 19 Jahre alt und sind nach eineinhalb Jahren im "Negresco" nach Amerika gegangen. Warum sind Sie nicht geblieben?

Harnisch: Das war Zufall. In der Umkleide hat mir ein Kollege erzählt, dass man nach Amerika gehen kann, um in einem französischen Pavillon zu arbeiten, bei Disney World in Orlando.

Frankreich war dort vertreten mit einem Restaurant, das Paul Bocuse, Roger Verger und Gaston Lenotre gehörte, also drei wirklich bekannte Chefs. Ich hab mich beworben und bin genommen worden. Dort habe ich dann ein Jahr als "Chef de Rang" gearbeitet.

Berliner Morgenpost: Also Karriere-Ziel bereits nach einem Jahr erreicht?

Harnisch: Ja, wenn Sie so wollen.

Berliner Morgenpost: Und nun?

Harnisch: Meine Ziele habe ich immer meiner neuen Lebenssituation angepasst.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie denn nach der Zeit in Amerika gemacht?

Harnisch: Bei Lufthansa als Stewart angefangen.

Berliner Morgenpost: In der First Class?

Harnisch: (lacht) Nein. Erst mal bin ich nur auf Europastrecken geflogen und habe danach meistens in der Business gearbeitet.

Berliner Morgenpost: Wieso?

Harnisch: Die war bei den Crews am unbeliebtesten.

Berliner Morgenpost: Warum denn das?

Harnisch: In der First gab es für Anfänger wie mich keine Chance und die Eco war bei den Kollegen sehr beliebt, da man dort schnell mit der Hauptarbeit fertig war. Ganz unbeliebt war dagegen die zweite Etage in der alten Boeing 747, weil man dort allein für die Gäste zuständig war – und das war ich oft.

Berliner Morgenpost: Wie fanden Sie die Piloten?

Harnisch: Die fand ich sehr beeindruckend – überhaupt finde ich Fliegen sehr spannend.

Wir setzen zum Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel an.

Berliner Morgenpost: Warum sind Sie nicht Pilot geworden?

Harnisch: Fliegerei als Beruf – das hätte ich mir dann doch nicht vorstellen können.

Harnisch drückt das Steuerhorn der Boeing 737 ganz sachte in Richtung Landebahn. Unten ist es taghell, ein Nachtanflug wäre uns zu schwierig gewesen.

Berliner Morgenpost: Einen Pilotenschein haben Sie heute aber trotzdem...

Harnisch: ...aber nur für die Hobbyfliegerei. Damit habe ich mich selbst belohnt.

Berliner Morgenpost: Wofür?

Harnisch: Für ganz viel Nachtarbeit im Hotel "Bayerischer Hof" in München und eine bestandene MBA-Prüfung nach einem Fernstudium.

Berliner Morgenpost: Sie haben nachts im Hotel gelernt?

Harnisch: Nein, nein. Ich habe als Nachtmanager von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens im Hotel gearbeitet. Und am Anfang des Studiums habe ich nach der Arbeit dann bis mittags geschlafen und danach gelernt. Das hat aber nicht besonders gut funktioniert.

Später habe ich gleich nach der Arbeit gelernt, geschlafen und bin dann wieder ins Hotel. Das hat gut funktioniert. Nach zwei Jahren hatte ich die MBA-Prüfung bestanden und mir als Belohnung den Pilotenschein in Florida gegönnt. Seitdem gehe ich zwei Mal im Jahr in die USA und kombiniere dort Urlaub und Fliegen.

Mit einem kräftigen Ruck setzen wir auf und rollen aus.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie überhaupt einen MBA gemacht?

Harnisch: Nach zweieinhalb Jahren bei der Lufthansa habe ich in New York im Luxushotel "St. Regis" gearbeitet, und da ist mir klar geworden, dass meine Ausbildung nicht reicht, um weiter Karriere zu machen. Deshalb bin ich nach dem Fall der Mauer in Berlin auf die Hotelfachschule gegangen, um einen Abschluss als Hotel-Betriebswirt zu machen.

Berliner Morgenpost: Berlin gilt nicht gerade als Kaderschmiede für Top-Hotelmanager...

Harnisch: ...das stimmt nicht. Die Berliner Schule hat einen guten Ruf und war kostenfrei. Außerdem hat mich die Stadt sehr gereizt. Das passte.

Berliner Morgenpost: Und danach?

Harnisch: Bin ich auf die ITB gegangen und habe jedem meinen Lebenslauf in die Hand gedrückt, der ihn haben wollte.

Berliner Morgenpost: Das hat funktioniert?

Harnisch: Dabei ist immerhin eine Stelle als Food-and-Beverage-Manager in Indonesien herausgekommen. Das habe ich ein Jahr lang gemacht.

Berliner Morgenpost: Mit nicht einmal 30 Jahren fehlte Ihnen also nur noch Afrika?

Harnisch: Nein, eigentlich nicht, denn da bin ich ja geboren und aufgewachsen.

Berliner Morgenpost: Wo?

Harnisch: Ich bin in Marokko geboren und aufgewachsen, bis ich sieben Jahre alt war. Dann sind wir nach Togo umgezogen. Insofern habe ich meine Kindheit und Jugend unter Palmen verbracht.

Berliner Morgenpost: Was haben Ihre Eltern gemacht?

Harnisch: Mein Vater war Franzose und hat als Entwicklungshelfer gearbeitet. Meine Mutter war Deutsche.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich heute als Franzose?

Harnisch: Jein. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich als Franzose gefühlt. Aber heute ist das anders, denn mein Lebensmittelpunkt ist hier in Deutschland.

Berliner Morgenpost:Wie viele Pässe haben Sie?

Harnisch: Den französischen und den deutschen.

Berliner Morgenpost: Und welche Sprache sprechen Sie mit Ihren zwei Kindern und Ihrer Frau?

Harnisch: Wir sprechen Deutsch und Englisch, meine Frau ist Deutsche. Seit vier Jahren leben wir in Wiesbaden, und das ist toll.

Berliner Morgenpost: Weil es dort so schön ist?

Harnisch: Ja, das auch. Aber wir wohnen jetzt in einem richtigen Haus und nicht mehr Hotel. Meine beiden Kinder dachten früher, die Milch kommt vom Roomservice und nicht von der Kuh (lacht).

Berliner Morgenpost: Sie machen Witze?

Harnisch: Nein, meine Tochter hat mal auf die Frage der Lehrerin "Woher kommt die Milch?" wirklich mit "Roomservice" geantwortet. Es wurde also wirklich Zeit, sesshaft zu werden.

Berliner Morgenpost: Wird Ihnen da nicht langweilig?

Harnisch: Nein. Ich habe genug zu tun und in der nächsten Zeit jede Menge spannende Herausforderungen.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel in Berlin. Dort ist der Eröffnungstermin für Ihr neues Flaggschiff in Europa, das "Waldorf Astoria", immer wieder verschoben worden. Wann geht"s denn nun los?

Harnisch: Im Herbst, na ja Spätherbst (lacht). Ich gehe von Oktober aus. Aber dafür wird es umso toller.

Berliner Morgenpost: Liegt Ihr Optimismus daran, dass Sie im Leben immer wieder viel Glück gehabt haben?

Harnisch: Ja, auf jeden Fall. Aber auch Timing ist wichtig, dass man die richtigen Menschen kennt und seine Chancen nutzt. Das habe ich gut hinbekommen.

Ganz wichtig ist die innere Einstellung in unserem Gewerbe. Das kann fachliche Mängel ausgleichen – umgekehrt geht das nicht. Man muss auch stressresistent sein, sich in einem Wust an Informationen zurechtfinden und mit schnellen Veränderungen umgehen können.

Berliner Morgenpost: Sind Sie denn jetzt räumlich und beruflich angekommen?

Harnisch: Ja. Aber ich würde durchaus gerne noch mal ins Ausland gehen. Asien oder Afrika, länger als zwei Jahre jedoch. Bei Hilton will ich bleiben. Wir haben 900 Hotels mit unseren zehn Marken in der Pipeline auf allen Kontinenten. Da findet sich schon was für mich.

Berliner Morgenpost: Was würden Ihre Kinder dazu sagen?

Harnisch: Mal schauen. Aber ich rechne nicht mit großen Problemen. Wir reisen recht viel, sie sprechen beide sehr gut englisch, da sie auf eine internationale Schule gehen. Schwer wäre sicherlich, die Freunde zurückzulassen.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie das selbst empfunden?

Harnisch: Ich habe in meiner Kindheit sehr viel erlebt und eine sehr schöne lockere afrikanische Kindheit gehabt – und bin auch danach sehr viel rumgekommen.

Aber ich habe keine Heimatstadt und die Freunde aus meiner Kindheit alle aus den Augen verloren. Ich kenne eigentlich nicht das Gefühl des "Nachhausekommens", wie andere es haben. Das finde ich durchaus beneidenswert, einen festen Heimatort zu haben.

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Hintergrund
  • Der Manager: Olivier Harnisch

    Olivier Harnisch, 45, ist seit Anfang 2011 „Area Vice President Northern and Central Europe“ von Hilton Worldwide. Er ist damit verantwortlich für 27 Hotels und vier Marken in acht Ländern. Der Deutsch-Franzose spricht sechs Sprachen fließend und graduierte 1998 an der Heriot-Watt University im schottischen Edinburgh sowie im Jahr 2000 an der American Hotel and Motel Association East Lansing, USA, zum „Certified Hotel Administrator“. Zudem verfügt der zweifache Vater über Abschlüsse der New York University, der Cornell University und der Fernuniversität Hagen.

  • Die Firma: Hilton Worldwide

    Die amerikanische Hotelkette wurde 1919 von Conrad Nicholson Hilton im texanischen Cisco gegründet. Die weltweite Expansion begann 1949 mit der Eröffnung des „Caribe Hilton“ in Puerto Rico. Das erste Hilton-Hotel in Deutschland wurde 1958 in Berlin eröffnet. Die Mitglieder der Familie Hilton sind heute nicht mehr Eigentümer der Hotelkette. Sie wurde 2007 vom Finanzinvestor Blackstone für 26 Milliarden Dollar (rund 20 Milliarden Euro) übernommen.

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