05.12.11

Partner fürs Leben

Es ist einfach, das Geheimnis der ewigen Liebe

Was ist das Geheimnis langjähriger Liebesbeziehungen? Wissenschaftler haben die komplexen Zusammenhänge analysiert. Die Antworten aber sind einfach.

Von Roland Mischke
Foto: Getty Images/Getty
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Norma und Gordon Yeager in den USA haben 72 Ehejahre lang Händchen gehalten. Das glückliche Paar, er 94, sie 90 Jahre alt, starb jüngst. Bei allen Schicksalsschlägen, die ihnen das Leben verpasste, hielten sie zueinander. Im Krankenhaus hauchten sie ihr Leben im Doppelbett aus.

Als Gordons Herz zu schlagen aufhörte, zeigte der Monitor immer noch Herzschläge – weil Norma die Hand ihres Mannes hielt. So lange, bis sie ihm eine Stunde später in den Tod folgte. Fassungslos umstanden Angehörige das Paar. Beide wurden in einem Sarg eingeäschert – Hand in Hand.

Viele Menschen haben weniger Glück in der Liebe. Die Schauspielerin Charlotte Rampling hat mit "Nachtportier" und "Die verlassene Frau" viele erfolgreiche, in Sachen Liebe und Sex gewagte Filme gedreht. Privat aber lief es für die Britin nicht so gut.

Ihre Ehe mit dem Musiker Jean Michel Jarre wurde geschieden, andere Beziehungen gingen in die Brüche. "Ich weiß, wie Liebe sich anfühlt", resümiert Charlotte Rampling in Interviews. "Dass man im selben Moment lieben und hassen kann." Mit 65 Jahren bekennt die Diva: "Wenn man die Liebe erlebt hat, mit allen Verletzungen, Kränkungen und Verlusten, dann kommt der Tag, an dem man weiß: Ich könnte jetzt mit dem Alleinsein leben." Ein umschwärmter Star, der ernüchtert solo lebt? "Das dürfen Sie nicht mit Einsamkeit verwechseln. Im Alleinsein steckt die Sehnsucht nach Zweisamkeit."

Wenn aus dem Gefühl des Verliebtseins echte Liebe wird

Charlotte Rampling hat womöglich schon mehrmals die Wirkung von Phenylethylamin zu spüren bekommen. Und zwar beim Übergang von Verliebtheit in Liebe. Das Hormon, PEA abgekürzt, steckt als Molekül in kleinen Mengen in Schokolade, Bittermandelöl und anderem Essbaren. Liebesunglücklichen Menschen fehlt es an der körpereigenen Dosis PEA, das kann depressiv machen.

Verliebte aber befördert das Hormon in himmlische Zustände, mit Nebenwirkungen wie Bauchflattern, feuchten Händen und temporärem Stottern. Auf die Sprünge hilft PEA alles vom Turnen bis zum Poweryoga. Am meisten sorgen für eine aufgehellte Psyche: erotische Tagträume, Liebesliteratur, Berührungen und sexuelle Stimulation. Amerikanische Forscher arbeiten an synthetischen Phenylethylamin-Pillen, die Langzeitpartner schlucken, um in die Euphorie erster Verliebtheit versetzt zu werden.

Denn nach spätestens vier Jahren Zweisamkeit, so der australische Chemiker Peter Godfrey von der Monash-Universität in Melbourne, gewöhnen sich die Nervenenden im Gehirn an die erhöhten PEA-Werte. Dann ist neurochemisch die Phase der Verliebtheit vorüber und der Zeitpunkt gekommen, an dem Partner etwas tun müssen, sonst laufen sie bald voreinander weg, oder die Beziehung verödet. Das vierte Jahr ist, wie Untersuchungen aus 61 Kulturen bis hin zu Eskimos und Amazonas-Indios belegen, das der meisten Trennungen.

Doch auch wer dann noch glaubt, das große Liebeslos gezogen zu haben, dem wird es gehen wie dem Lottogewinner Jahre nach dem Top-Los: Weder Geld- noch Liebesmasse machen auf Dauer glücklich. Eine australische Langzeitstudie der Universität Canberra mit 2500 Paaren stellte fest, was wichtiger ist als ständig verliebt zu sein: das Alter, ein solides Einkommen und ob einer der Partner raucht oder trinkt.

Der Mann darf nicht mehr als neun Jahre älter

Beziehungen, in denen der Mann mehr als neun Jahre älter ist als die Frau oder arbeitslos, verzeichnen höchste Trennungsquoten. Fast unwichtig sind dagegen Herkunft, Bildungsgrad und Religionszugehörigkeit, auch gemeinsame Kinder binden ein Paar nicht bis in den Tod.

Viele Studien zur Zweierbeziehung auf Dauer fördern skurrile Ergebnisse zutage: Forscher der Fachhochschule für Wirtschaft in Genf beobachteten 1074 Paare aus der Schweiz über fünf Jahre und analysierten sie nach Parametern wie Alter, Bildung und Nationalität. Am glücklichsten sind demnach angeblich Paare, bei denen er mindestens fünf Jahre älter, sie aber gebildeter ist.

Der Sozialforscher Scott Yabiku von der Universität Arizona dagegen erklärte nach jahrelangen Befragungen gemeinsame Hausarbeit zum besten Schmiermittel einer Partnerschaft. Zusammen an Wischmopp, Herd, Waschmaschine, zu zweit beim Einkauf und bei der Gartenarbeit: Das verbindet ein Paar ungemein, wie an 7000 Paaren geprüft wurde. Werde die gemeinsame Hausarbeit dann noch aktiv und lustvoll absolviert, ende sie nicht selten im Bett. "Je härter gearbeitet wird, desto öfter geht es zur Sache", so Yabiku unakademisch.

Doch eine Langzeitstudie im Großraum San Francisco an 50 Paaren, die mindestens neun Jahre zusammen waren, befand, dass Liebende nur zusammenbleiben, wenn sie immer wieder die Balance finden zwischen Idealisierung und Realität ihrer Liebe, sich unterstützen, einander Geborgenheit geben und dabei ihren Humor nicht verlieren. Guter Sex sei wichtig, stehe aber nicht obenan. Wichtiger sei: Gemeinsamkeit.

Darauf läuft es immer hinaus. Das Glück beruht auf dem geteilten Bewusstsein des Paars darüber, besonders gut zusammenzupassen. Das ist für beide Partner einzigartig und Basis ihrer gegenseitigen Wertschätzung. Aber natürlich kein statischer Zustand, die Passung wird jeden Tag neu erschaffen im Fluss der Interaktionen. Körperkontakt und emotionale Nähe sind vor allem Frauen ein Bedürfnis, weil dann das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird.

Denn "Frauen scheinen physiologisch empfänglicher zu sein für diese Sorte nichtsexuellen Kontakts als Männer", stellten Forscherinnen der Universitäten Pittsburgh und North Carolina fest. Und hier kommt die Bedeutung des Händchenhaltens ins Spiel: Die Wissenschaftlerinnen baten Paare getrennt in Untersuchungsräume und nahmen ihnen Blut ab.

Immer wieder mal eine Kuschelparty

Nach der Wiedervereinigung durften sich beide zehn Minuten in einen stillen Raum zurückziehen, um sich einem vorgegebenen Ritus auszusetzen: zwei Minuten Erinnerungen an Tage engster Verbindung mit Händchenhalten. Fünf Minuten Hand in Hand eine Sequenz aus einem Liebesfilm anschauen. Dann wieder händeverschränkt plaudern über selige Erinnerungen. Als Abschluss: exakt 20 Sekunden zärtliche Umarmung. Der Oxytocinspiegel der Frauen schnellte in die Höhe, bei Männern blieb er auf dem Ausgangsniveau. Langfristig aber wirkt das Bindungshormon auch beim coolsten Mannsbild, weil eine gute Beziehung Oxytocin in den Adern bunkert.

Fazit: immer wieder mal eine Kuschelparty einschieben. Das senkt den Blutdruck, unterdrückt das Aufregerhormon Noradrenalin und dämpft das sympathische Nervensystem, sobald es bei Ärger in Alarmstimmung gerät. Es bietet sogar einen gewissen Schutz gegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Partner, die miteinander glücklich sind, sterben selten an Herz- und Kreislaufkrankheiten.

Achtsamkeit füreinander, wissen Neurophysiologen, macht Partnerschaft zum Mysterium der Liebe. So werden erodierende Gefühle ferngehalten, die Zweisamkeit kann sich in einem Wärmeraum entfalten. 2008 hat die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University in New Jersey den Nachweis erbracht, dass die romantische Liebe im Zentralnervensystem über viele Jahre einen festen Sitz hat.

Bekamen Testpersonen ein Bild des Partners neben denen neutraler Personen gezeigt, waren Gemütsregungen im Gehirnscanner eindeutig: Auch nach gemeinsamen Jahrzehnten werden bestimmte Hirnregionen beim Anblick des geliebten Menschen aktiviert. Der Hirnstoffwechsel entspricht dem frisch Verliebter. Leidenschaft und Begehren zeichnen sich darin ab, im Gyrus cinguli, einer Hirnregion unterm Stirnhirn, in dem starke Emotionen bis zur Obsession gelagert sind, regt sich etwas.

Der einzige Unterschied: Am Beginn einer Beziehung geht es stürmisch zu, bei langjährig Verliebten ruhiger, da strömt erhöht Serotonin ins Blut, und das macht gelassen. Die Langzeitpartner sind sich ihrer Liebe sicher und geraten in einen Erregungszustand, der auch sexuelle Energien freisetzt. Das ist Teil der Symbiose zweier Menschen, der über Jahrzehnte hinweg unvermindert funktionieren kann.

Es hört nie auf, das mit dem Phenylethylamin, mit dem Händchenhalten, der Liebe. I wanna hold your hand – forever.

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