21.08.10

Teil 14

Transplantation ohne Schnitt und Narkose

300 Jahre Spitzenmedizin in Berlin, die Morgenpost-Serie. Weiße Blutkörperchen sorgen für unsere Immunabwehr. Bei einer Leukämie ist das System gestört. Eine Stammzell-Übertragung kann den Patienten retten.

Von Alexander Krex

Christian Ziegler steht der Schweiß auf der Oberlippe. Die Feuchtigkeit seiner Atemluft hat sich unter dem hellgrünen Stück Stoff gesammelt, das über Nase und Mund des jungen Arztes gespannt ist. Ziegler überwacht eine Transplantation. Es ist heiß. Vier Stockwerke weiter unten scheint die Sonne auf den Hof des Virchow-Klinikums.

Durch das Fenster sieht man Studenten. Sie sitzen auf Holzbänken, trinken Kaffee und schauen in Bücher mit bunten Schaubildern, die angehende Mediziner kennen müssen. Hohe Eichen spenden Schatten, alles andere ist in hellgelbes Sonnenlicht getaucht. Das abgedunkelte Einzelzimmer hinter der sterilen Schleuse scheint wie eine andere Welt. Hier liegt Elke Brasse, sie ist 45 Jahre alt und hat Leukämie. Das soll sich heute ändern. Jetzt. In diesem Moment.

Dr. Ziegler macht eine winzige Handbewegung, er dreht das Rädchen, das den Tropf öffnet. Die Stammzell-Transplantation beginnt. Tropfen für Tropfen läuft die milchig-rote Flüssigkeit in die Venen von Elke Brasse. Es sind 180 Milliliter, die über ihre Zukunft entscheiden. Der Beutel, der da oberhalb ihres Krankenhausbettes hängt, birgt neues Leben. Dieses Leben wird erst einmal fragil sein, bedroht von Krankheitserregern, die ein gesunder Körper routiniert zu bekämpfen weiß. Weil ihr neues Immunsystem das erst wieder lernen muss, wird Elke Brasse eine ganze Weile hier bleiben müssen, in diesem Einzelbettzimmer im vierten Stock. Wer ihr dann gegenübertritt, muss seine Sachen gegen blaue Krankenhauskleidung tauschen, Plastiküberzieher über seine Straßenschuhe ziehen und schwitzen unter einem Mundschutz, wie jetzt Doktor Ziegler und Schwester Doris.

"Das muss klappen"

Elke Brasse ist fahl, ihr Haar ist dünn und kurz geschnitten, es sind die Male der Chemotherapie. Ein Gerät überwacht lebenswichtige Funktionen, ihr Herz, ihre Lunge. Sie lächelt tapfer und erzählt von ihren Wünschen. "In diesem Beutel stecken 100 Prozent Hoffnung", sagt sie. "Das muss klappen, und das wird klappen." Professor Renate Arnold bestärkt sie: "Das tut es", sagt sie leise, aber bestimmt. Ihr Wort hat auch im Flüsterton Gewicht, Arnold obliegt die medizinische Leitung der Transplantationsstation. In zehn Einzelzimmern liegen zehn Patienten. Auf den Gängen ist es still, vor jedem Raum zwei geschlossene Türen, dazwischen ein Waschbecken und ein Spender mit Desinfektionslösung. Wenn morgens ein Zimmer frei wird, ist es mittags wieder belegt. Es gibt Wartelisten.

Dass sich Patientin und Ärztin während der Transplantation unterhalten können, liegt an der Einzigartigkeit der Methode. Sie kommt ohne Narkose, Schnitt und Chirurg aus. Da gibt es nur den Beutel, den Schlauch, die roten Tropfen, die darin hinuntersausen. Wie oft sie der lebensspendenden Prozedur beigewohnt hat, weiß Professor Arnold nicht. "Heute könnte das tausendste Mal sein."

Der kleine Nachttisch neben Elke Brasses Bett hat Rollen, wie alle Nachttische in Kliniken. Eine Klappkarte steht darauf. Auf der Vorderseite sind rote Boxhandschuhe abgebildet. "Du schaffst das" steht daneben. Das Motiv hat ihre Schwägerin ausgesucht. "Sandra hat ein Händchen für so etwas", sagt Brasse. Es stimmt, die Karte nimmt den Kampf vorweg, den Elke Brasse nun kämpfen muss. Den Schlagabtausch mit der Leukämie wird sie nicht bewusst führen, er findet im Innern statt, im Knochenmark, im Lymphsystem, im Blut. Elke Brasse kann sich nur immer wieder sagen "Du schaffst das". Sie muss den Kopf nur ein Stück nach rechts drehen, um das Versprechen zu lesen.

Ihr Bruder Eckhard hat Elke Brasse die Karte überreicht. Der war am Morgen aus Kassel gekommen, wegen der Transplantation. Man muss es anders ausdrücken: Ohne sein Kommen hätte es keine Transplantation gegeben. Die Stammzellen, die die Schwester heilen sollen, stammen aus seinem Körper. Am selben Tag haben Maschinen sie aus seinem Blut gefiltert. Lange vorher hatte eine Typisierung ergeben, dass zwei ihrer drei Brüder als Spender infrage kommen. Die Ärzte entschieden sich für den Jüngeren der beiden.

Als die Transplantation an diesem Nachmittag beginnt, ist der Spender schon wieder auf dem Rückweg, ein anderer Bruder fährt. 400 Kilometer sind es bis Kassel. "Er war dick bandagiert, aber guter Dinge", sagt Elke Brasse. Nur anstrengend sei es gewesen, hatte Eckhard seiner Schwester erzählt. Bei der Spende wird das Blut an einem Arm entnommen und läuft in den Zellseparator. Der Apparat trennt es auf und nimmt die Leukozyten ab, das sind die Stammzellen. Über eine zweite Nadel läuft das Blut zurück zum Spender. Das kann vier bis fünf Stunden dauern.

Die Transplantation dauert 30 Minuten. Um 15.45 Uhr ist sie vorbei. Eben ist der letzte Tropfen in Elke Brasses Körper gelaufen. Routiniert entfernt Dr. Ziegler die Kanüle aus dem Arm der Patientin. Der Beutel über dem Bett ist nun durchsichtig und flach.

"Wir warten jetzt 10 bis 20 Tage und hoffen, dass die Stammzellen anwachsen", sagt Ziegler. Die Nachbeobachtung wird zeigen, ob sich das Blutbild weiter stabilisiert. Mit der Unterstützung des Transplantats soll das Knochenmark wieder verstärkt Leukozyten bilden, bis ihre Anzahl Normalwerte erreicht.

Krimis gegen die Angst

Die Tage, in denen sie bangen muss, verkürzt sich Elke Brasse mit Büchern "Lesen lenkt mich ab", sagt sie. Die "Millennium-Trilogie" von Stieg Larsson steht auf dem Tisch. Die ersten beiden Bände hat sie in wenigen Tagen verschlungen. Auch das dichte Programm bewahrt sie vor Trübsal: Tabletten nehmen, Mundspülungen gegen Entzündungen, Krankengymnastik, Atemtherapie. Irgendwann soll wieder alles normal sein. In ein bis zwei Jahren wird sie keine Immununterdrücker mehr nehmen müssen. Spätestens dann werden sich das transplantierte Immunsystem und ihr Körper vertragen haben. Vielleicht hat sie da auch schon wieder einen Job als Bürohilfe.

Insgesamt muss Elke Brasse sechs bis acht Wochen im Krankenhaus verbringen. Zwei Wochen hat sie hinter sich. In dieser Zeit wurden die Leukämiezellen in ihrem Körper durch Chemo- und Strahlentherapie reduziert. Das zweite Mal musste sie die Prozedur bereits über sich ergehen lassen. Schon nach der Erstdiagnose vor drei Jahren wurde sie bestrahlt. Das half, zwischenzeitlich war sie gesundet. Dann wurde bei einer Nachuntersuchung die Rückkehr der Krankheit festgestellt. Das war vor zehn Wochen.

Ärzte hatten es ihr immer wieder gesagt. Trotzdem, dieser Moment, von dem Elke Brasse wusste, dass er nicht ausgeschlossen werden könne, war ein Schlag. Geschwister zu haben, darüber sei sie in diesem Moment besonders froh gewesen. Als der Krebs sich wieder zeigte, wusste Elke Brasse, was zu tun war. Ihr Bruder Eckhard auch.

Alle Folgen der großen Charité-Serie: www.morgenpost.de/charite

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