10.11.08

Internet

Warum Microsoft seine Software bald verschenkt

Microsoft will einen Teil seiner Software bald über das Internet verschenken. Dahinter steht die Idee des sogenannten "Cloud Computing": Der Kunde legt seine persönlichen Daten in einem weltweiten Netzwerk ab. Morgenpost Online hat Microsofts Chefjurist Brad Smith nach den Risiken gefragt.

Von Thomas Heuzeroth

Morgenpost Online: Herr Smith, Microsoft will seine Bürosoftware mit Textverarbeitung und Tabellenkalkulation künftig im Internet verschenken. Sind Ihnen Ihre Umsätze inzwischen egal geworden?

Brad Smith: Zu verschenken haben wir wirklich nichts. Wir werden diese Dienste im Netz zur Verfügung stellen und sie zum einen über Werbung finanzieren, zum anderen zahlen Geschäftskunden eine Abo-Gebühr. Außerdem hoffen wir, dass auch Privatnutzer immer noch unser gekauftes Komplettpaket auf ihre Computer installieren.

Morgenpost Online: Ein riskanter Zug.

Smith: Wir glauben, dass wir unter dem Strich daran verdienen. Ganz neu ist das für uns nicht. Schon heute nutzen viele Menschen unsere Software, ohne dafür zu bezahlen.

Morgenpost Online: Google bietet das schon kostenlos an. Ist Microsoft ein Getriebener?

Smith: Natürlich ist das eine Reaktion auf die Entwicklung des Marktes. Wir schauen aber auch genau darauf, was unsere Kunden wollen.

Morgenpost Online: Software verlagert sich vom Computer ins Internet, was in der Branche mit "Cloud Computing" umschrieben wird. Wird denn alles in dieser Wolke verschwinden?

Smith: Das glaube ich nicht. Es wird weiter leistungsfähige Computer geben.

Morgenpost Online: Wo liegt der Vorteil einer Wolke?

Smith: Sie können die Ressourcen besser verteilen. Ein Start-up kann sogar vollständig auf eigene Server verzichten und alles in die Wolke schieben. Per Mausklick lässt sich die benötigte Serverleistung innerhalb von Sekunden vervielfachen. Das ist heute so nicht möglich. Ohne Ihnen eine Hausnummer zu nennen, kann ich schon jetzt sagen, dass sich so viel Geld sparen lässt.

Morgenpost Online: Wie schnell wird das stattfinden?

Smith: Es ist noch zu früh, das vorauszusagen. Wir erleben eine Evolution, die ihren Höhepunkt vielleicht in zehn bis 20 Jahren hat. Zuerst und am stärksten wird der Verbraucher profitieren. Er kann künftig seinen Rechner im Büro mit seinem Notebook zu Hause, seinem Mobiltelefon und seiner Videospielkonsole verbinden.

Morgenpost Online: Diese Szenarien hören wir schon seit Jahren.

Smith: Aber erst jetzt haben wir günstige Breitband-Internetzugänge, die zudem weit verbreitet sind. Außerdem verfügen wir nun über die Software, um die Infrastruktur hinter dieser Wolke auch wirklich zu betreiben. Wesentlich dafür werden offene Standards sein.

Morgenpost Online: Warum?

Smith: Offene Standards verkürzen die Entwicklungszeit für Software und schaffen erst die Möglichkeit, dass sich unterschiedliche Systeme überhaupt verstehen können. Nutzer werden ihre Daten innerhalb der Wolke von einem Anbieter zum anderen transportieren wollen.

Morgenpost Online: Offene Standards und Microsoft, das klingt noch immer nach Widerspruch.

Smith: Microsoft ist so erfolgreich geworden, weil es ein Betriebssystem geschaffen hat, das im Prinzip von der Art der Hardware unabhängig war. Außerdem haben wir Schnittstellen für Entwickler geschaffen und veröffentlicht, die es ihnen ermöglichen, Anwendungen dafür zu schreiben. Die Leute vergessen das.

Morgenpost Online: Diese Offenheit war ja auch beschränkt.

Smith: Ich verstehe die Kritik an unseren Kommunikationsprotokollen, die nicht öffentlich waren. Es stimmt auch, dass wir Spezifikationen und den Quellcode nicht veröffentlicht haben. Wir wollten uns auf diese Weise differenzieren. Mit einem immer größer werdenden Marktanteil wurde allerdings auch der Druck durch Regulierungsbehörden größer. Das ist nun Vergangenheit. Inzwischen sind wir das einzige Unternehmen, das in diesem Umfang Informationen zur Verfügung stellt.

Morgenpost Online: Weil Sie es müssen.

Smith: Wir sind weit über das hinausgegangen, was Gerichte von uns verlangten. Wir haben mehr als 50.000 Seiten Dokumentation frei ins Internet gestellt, die mehr als 400.000 Mal abgerufen wurden. Ich hoffe, dass man nun auch andere Unternehmen mit signifikanten Marktanteilen dazu bringen kann, ähnliches zu tun.

Morgenpost Online: Sprechen Sie von Google?

Smith: Warum nicht? Wenn es um die Suchmaschinen-Plattform geht, spreche ich von Google. Wenn es um Großrechner geht, von IBM.

Morgenpost Online: Wie wird Cloud Computing die IT-Industrie verändern?

Smith: Wir wissen es noch nicht. Wir werden aber nicht zuletzt wegen der hohen Investitionskosten eine relativ kleine Zahl von Unternehmen haben, die ein komplettes Paket einschließlich der über den ganzen Globus verteilten Datenzentren anbieten können. Dazu zähle ich neben uns noch IBM, Amazon und Google. Amazon hat sogar einen kleinen Vorsprung.

Morgenpost Online: Kann man einer Wolke trauen?

Smith: Alle großen Anbieter dieser Branche sind sich bewusst, dass Datensicherheit und Verlässlichkeit eine wichtige Rolle spielen. Allein deswegen werden sich alle darum bemühen, dieses Vertrauen nicht zu verspielen.

Morgenpost Online: Warum sollte ein deutsches Unternehmen seine Daten Microsoft anvertrauen, ohne zu wissen, wo sie aufbewahrt werden?

Smith: Wir bauen Datenzentren in verschiedenen Regionen, ein großes entsteht gerade in der Nähe von Dublin. Dort unterliegen die Daten dem europäischen Recht.

Morgenpost Online: Ist der gesetzliche Rahmen überhaupt bereit für die Wolke?

Smith: Wir haben hier erneut ein Beispiel dafür, wie Technologie neue Fragen an den Gesetzgeber aufwirft. Diese Fragen sind noch nicht beantwortet und zum Teil auch noch gar nicht formuliert.

Morgenpost Online: Um welche Fragen geht es?

Smith: Wo liegt die gerichtliche Zuständigkeit, wenn Daten über Grenzen hinweg transportiert werden? Sind die Datendienste Telekommunikationsdienste, die entsprechend reguliert werden sollen? Staaten müssen das untereinander diskutieren und bei der Strafverfolgung international zusammenarbeiten.

Morgenpost Online: Sie wollen mit Ihrer Wolke aber schon im nächsten Jahr loslegen.

Smith: Der Gesetzesrahmen dafür reicht für den Start aus. Auch das Internet hat nicht auf grünes Licht des Gesetzgebers gewartet.

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