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06.09.08

Twinity startet

Das doppelte Berlin - die Stadt als virtuelle Welt

Die Stadt aus dem Rechner: Das Berliner Unternehmen Metaversum hat jetzt die virtuelle Welt "Twinity" gestartet – eine am Computer entstandene Berlin-Nachbildung, die per Internet bevölkert werden soll. Morgenpost Online hat sich in der virtuellen Hauptstadt schon einmal umgesehen.

© Twinity
Twinity

Plötzlich fallen Menschen vom Himmel: Vor dem Haupteingang zum Roten Rathaus landen sie auf den Füßen, noch einer, noch eine, und sie haben seltsame Namen wie "Testaccountbv". Es ist Nacht in Berlin, und es ist auch Nacht in "Twinity": Das Hauptstadt-Doppel, das die Berliner Firma Metaversum als virtuelle Welt am Computer erzeugt hat, geht jetzt online. Darum wird nächtens noch getestet.

"Twinity" steht vernetzten Menschen ab sofort offen und ist verwandt mit "Second Life": In dieser virtuellen Welt des US-Unternehmens Linden Labs kann man sich gegen einen Mitgliedsbeitrag häuslich einrichten und wie im echten Leben Immobilien, Kleidung, Hausrat erwerben, einen Beruf wählen und, sozusagen, leben.

Wobei es eben Unterschiede gibt zum echten Leben: "Second Life" ist eine Fantasiewelt, deren wirkliche Bewohner im Online-Universum von "SL" auch als pelzige Wesen auftreten können und wo man sich für einen Berufsweg entscheiden kann, der in Wirklichkeit vielleicht nicht in Frage käme: Striptease-Tänzer, zum Beispiel.

"Twinity" dagegen soll reale Orte virtuell nachbilden – das macht es einem möglich, immerhin virtuell dort eine Wohnung zu mieten, wo in Berlin die Immobilienpreise inzwischen himmelhoch gestiegen sind. Bezahlt wird in "Twinity" mit Computer-Spielgeld – oder mit ganz wirklichen Euro. Eine Wohnung in Top-Lage, gern auch mit Dachterrasse, lässt sich für 150 "Globals" mieten, so heißt die Twinity-Währung. 3000 Globals bekommen virtuelle Einwanderer als Begrüßungsgeld geschenkt.

Verkäuflich sind die meisten Appartements ebenfalls – für um die 30 Euro gibt es repräsentative Großraumunterkünfte. Die allerdings müssen meist noch möbliert werden – und auch in dieser Hinsicht ist das Angebot recht üppig. Immobilienbesitzer können ihre Behausungen für andere freischalten, sozusagen die Türen öffnen. Und wenn jemand vorbeikommt, können die "Twinizens", die Spielfiguren der Nutzer, miteinander palavern: Per Text-Chat, wobei die Eingaben als Sprechblasen erscheinen, oder Mikrofon. "Twinity" erlaubt direkte Kommunikation, man kann sich also tatsächlich unterhalten, ähnlich wie am Telefon.

Das virtuelle Berlin lässt sich zu Fuß durchstreifen. Der Nachspaziergang führt an vielen blauen Blöcken vorbei: So sehen Baustellen in "Twinity" aus; Häuser, die noch nicht fertig sind. Der Hackesche Markt ist schon recht weit, die Höfe lassen sich durchstreifen, das "Oxymoron" hat geöffnet und auch einige Designerboutiquen in der Gegend. Man kommt recht schnell voran, denn Teleportation ist in "Twinity" bereits möglich. Über ein Auswahlmenü geht es vom Pariser Platz zum Hackeschen Markt, dann zur Museumsinsel oder an den Alexanderplatz.

Auch Klaus Wowereit war schon da. Am Freitag bekam der Regierende Bürgermeister von Metaversum den symbolischen Schlüssel zur virtuellen Welt überreicht. "Innovative Projekte aus Berlin wie Twinity machen es möglich, dass Menschen aus aller Welt die Kreativmetropoe Berlin auch im internet erleben können", so Wowereit.

"Twinity" geht vorerst als "Open Beta" an den Start. Berlin ist die erste Stadt der virtuellen Erde; Metaversum hat sich vorgenommen, weitere Städte aus aller Welt in "Twinity" nachzubilden. Wer Neubürger werden will, meldet sich unter www.twinity.com an und lädt die Software herunter. Die braucht ein halbwegs neues Betriebssystem und einen halbwegs kraftvollen Computer, dazu eine Breitband-Internetverbindung.

Der Basis-Zugang ist kostenlos, für eine Premium-Mitgliedschaft dagegen verlangt Metaversum Geld. Im virtuellen Berlin gibt es zudem Werbeflächen – auch damit könnte man Umsatz machen. Ob diese Umsatzquellen ausreichen, ist fraglich. Das "Twinity"-Vorbild "Second Life" allerdings hat, nachdem es zunächst viel Aufmerksamkeit auf sich zog, an Bedeutung eingebüßt. Zunächst ließen sich auch große Unternehmen in der Scheinwelt nieder – und gaben dafür echtes Geld aus. Dann aber ließ die Euphorie nach. Nach Angaben vom März sollen 13 Millionen Nutzer bei Second Life registriert sein. In welchem Maße die aber auf der Plattform aktiv sind, ist nicht klar.

Im Unterschied zu Second Life soll Twinity auch als soziales Netzwerk funktionieren, als die etwas andere Online-Kommunikationsplattform also. Metaversum arbeitet derzeit an einem weiteren Projekt in dieser Richtung: Yumondo soll eine Art Lifestyle-Tauschbörse werden. Und ist derzeit noch im Beta-Stadium.

Quelle: dino
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