Stiftung Warentest
14.02.12

Carsharing 14. Februar 2012, Finanztest 3/2012

Günstig, bequem, flexibel

Für Autofahrer, die selten fahren, ist Carsharing eine Alternative.

(ftd) Ein eigenes Auto? Das ist manchen Menschen zu teuer, zu umweltschädlich oder einfach ein Klotz am Bein. Zumindest viele Städter kommen mit Fahrrad, Bus und Bahn bestens zurecht. Nur manchmal wäre ein Pkw doch von Vorteil: die Fahrt zu Ikea, die vielen Tüten beim Großeinkauf oder sonntags mal raus ins Grüne. Die moderne Lösung dafür heißt Carsharing und ist in vielen Fällen sogar günstiger, schreibt die Zeitschrift Finanztest in ihrer aktuellen Ausgabe.

Die Idee hinter dem Carsharing ist, dass viele Nutzer sich ein Auto teilen. Wer gerade eines braucht, bucht es per Internet oder Telefon, steigt ein und fährt los.

Vor allem für Wenigfahrer ist Carsharing günstiger als ein eigenes Auto. Das nämlich kostet pro Kilometer kaum unter 40 Cent. Selbst für Kleinwagen sind 50 Cent realistischer. Sparsamer sind ältere Gebrauchtwagen. Aber auch mit einem fünf Jahre alten Kleinwagen für 5 000 Euro Kaufpreis landet ein Fahrer mit 5 000 Jahreskilometern bei 200 Euro pro Monat, rechnet Finanztest vor.

Ein Carsharer hingegen kann billiger fahren, wie die Beispielpreise von Finanztest für verschiedene Städte und Modellfahrten zeigen. Ein Kunde, der 5 140 Jahreskilometer fährt, würde bei Stadtmobil Berlin 1 876 Euro zahlen. Das sind durchschnittlich 156 Euro monatlich, 36 Cent pro Kilometer. Unterstellt hat Finanztest dabei zwei Fahrten pro Woche für eine Stunde und 10 Kilometer, dazu jede zweite Woche eine Fahrt über 50 Kilometer mit bis zu fünf Stunden, außerdem jährlich noch vier Fahrten zu je 700 Kilometern übers Wochenende.

Anders fällt die Rechnung für Fahrer aus, die regelmäßig ein Auto brauchen, zum Beispiel für die tägliche Fahrt zur Arbeit. Wegen der langen Standzeiten ist Carsharing dann kaum noch attraktiv.

Und bei längerer Mietdauer sind Mietwagen oft günstiger. Finanztest hat die Preise verglichen. Das Ergebnis für einen Kleinwagen ist eindeutig: Mieten ist meist günstiger, übers Wochenende im Durchschnitt um 50 Euro, bei einer Woche um rund 100 Euro.

Carsharing in drei Varianten

Das Autoteilen ist bisher ein kleiner Markt, doch die Nachfrage wächst. Angebote gibt es vor allem in drei Varianten:

Klassisches Carsharing. Der Nutzer zahlt meist einen Monatsbeitrag, teils zusätzlich eine einmalige Aufnahmegebühr oder eine Kaution, zum Beispiel 500 Euro bei Stattauto München oder 100 Euro bei teilAuto Leipzig. Die Miete besteht aus einem Zeitanteil und einem Kilometerpreis. Fast immer stehen die Wagen an festen Stationen.

Spontanes Carsharing. Auch Autohersteller wie BMW oder Daimler sind eingestiegen. Sie machen es besonders einfach. Der Kunde meldet sich einmal an und kann jederzeit ein Auto innerhalb des Geschäftsgebietes nutzen. Er stellt das Auto ab, wo er es zuletzt gebraucht hat. Suchen kann er es per Handy. Es gibt keine festen Stationen. Bezahlt wird nach Zeit, bei DriveNow 29 Cent pro Fahrminute.

Privater Autotausch. Mehrere Internetportale bieten sich als Vermittlungsplattform für Privat-Pkw an, zum Beispiel Autonetzer, Nachbarschaftsauto, tamyca oder rent'n'roll.

Im Bundesverband Carsharing (BCS) sind 128 professionelle Anbieter organisiert, gut 90 Prozent der Firmen. Die meisten arbeiten in nur einer Stadt, teils in Kleinstädten, manchmal mit nur einem Auto. Trotzdem sind ihre Kunden nicht nur daheim mobil, sondern auch in fremden Städten. Wer bei einer dem BCS angeschlossenen Firma ist, kann auch die Autos aller anderen BCS-Firmen nutzen. So stehen bundesweit tausende Autos bereit. Der Carsharer kann weite Strecken mit der Bahn fahren und am Zielort ins Auto steigen.

Viele Anbieter arbeiten auch mit den Verkehrsbetrieben zusammen: Kunden mit Monatskarte bekommen die Autos günstiger. Auch für Studenten und Azubis gibt es oft Rabatt. Doch junge Leute sind nicht die Hauptzielgruppe. Zwei Drittel der Nutzer sind zwischen 30 und 50 Jahre alt.

Vorteil: Bequemlichkeit

Als wesentlichen Vorteil empfinden viele Carsharing-Kunden, dass sie sich um fast nichts zu kümmern brauchen. Reparaturen, Ölwechsel, Waschen, Winterreifen – das alles erledigt der Carsharing-Anbieter.

Dass mal kein Auto zu haben ist, kommt kaum vor. "Das wäre ja auch der Super-Gau für uns", sagt Walter Ernst, Geschäftsführer von Stadtteilauto München. Ähnliches berichten die anderen von Finanztest befragten Anbieter und Kunden: "Da finden wir schnell eine Lösung, entweder ein Auto, das kaum mehr kostet, oder eines von der Nachbarstation", so Franziska Wilhelm von teilAuto Leipzig. Allerdings sollte man an Feiertagen und an verlängerten Wochenenden frühzeitig buchen.

Die Autos sind häufig neu oder neuwertig, bei Cambio selten älter als vier Jahre. Zur Ausstattung gehören oft Navigationsgerät und Kindersitz, in der kalten Jahreszeit Winter- oder Ganzjahresreifen.

Nach einer Panne oder einem Unfall verständigt der Nutzer die Servicezentrale, bei Unfällen zusätzlich die Polizei. Im Regelfall sind die Fahrzeuge über einen Schutzbrief versichert, der meist das Abschleppen, einen Ersatzwagen und sogar kostenlose Hotelübernachtungen abdeckt.

Beim Buchen muss der Kunde auch den Zeitpunkt nennen, an dem er das Auto wieder abgeben will. Dauert die Fahrt länger, zum Beispiel weil unterwegs ein Stau war, kommt es darauf an: Hat kein anderer Fahrer den Wagen direkt im Anschluss gebucht, wird die Mietzeit einfach verlängert. Liegt eine andere Buchung vor, verlangen fast alle Anbieter einen Aufpreis, zum Beispiel 15 Euro.

Am Fahrtende muss der Nutzer den Wagen in der Regel an genau der Station wieder abgeben, wo er ihn ausgeliehen hat. Das hat immerhin den Vorteil, dass er keinen Parkplatz suchen muss. Die Plätze sind reserviert.

Carsharing der Autohersteller

Weil immer mehr junge Leute auf das eigene Auto verzichten, mischen nun Hersteller wie BMW, Daimler, Peugeot und VW beim Carsharing mit. BMW und Daimler setzen auf neue Konzepte. Bei ihnen gibt es keine festen Stationen. Vielmehr sind die Autos im Stadtgebiet verteilt.

Wer eines braucht, ortet es per Smartphone, steigt ein und lässt es nach der Fahrt am Ziel stehen. Das muss allerdings irgendwo im Stadtgebiet sein, nicht außerhalb.

Das Konzept gibt es bisher erst in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Ulm. In Berlin hat DriveNow insgesamt 300 Autos, Car2go hat in Hamburg und Ulm jeweils über 300 Smarts im Einsatz.

Die Preisgestaltung ist denkbar einfach: Abgerechnet wird nach Minuten: 29 Cent pro Fahrminute. 10 Cent für Parkzeiten bei DriveNow, 9 Cent bei Car2go.

Das unkomplizierte Preismodell zeigt es schon: Geeignet ist das Auto zum Mitnehmen vor allem für spontane, kurze Fahrten. Wer 15 Minuten fährt und 15 Minuten parkt, zahlt bei DriveNow und Car2go rund 6 Euro inklusive Benzin.

Für die Autohersteller ist Carsharing eine Marktnische. Der Vorteil für sie: Junge Kunden werden an die Marke herangeführt. Falls sie sich später einmal zum Kauf eines Autos entschließen, bleiben sie vielleicht bei dem Hersteller hängen, den sie vom Carsharing gewohnt sind.

Finanztest-Tipps:

Fahrertyp. Sinnvoll ist Carsharing für Leute, die nicht regelmäßig ein Auto brauchen, oder die verschiedene Typen wollen: mal einen Mini, mal eine Familienkutsche, einen Transporter oder ein Cabrio für den Ausflug ins Grüne.

Preisvergleich. Je seltener jemand fährt, desto eher lohnt sich Carsharing. Wo genau die Grenze liegt, hängt vom Anbieter und der persönlichen Nutzung ab. Als Faustregel nennen die meisten Anbieter 10 000 Jahreskilometer.

Kurzstrecken. Vorteile haben vor allem Fahrer, die den Wagen eher für kurze Strecken und nicht regelmäßig brauchen. Finanztest hat in Stichproben festgestellt: Werktags für eine Stunde und zehn Kilometer kostet Carsharing inklusive Sprit 4,10 bis 6,70 Euro.

Abholstation. Für Kunden auf dem Land oder am Stadtrand kommt Carsharing meist nicht infrage, da die nächste Abholstation zu weit entfernt ist. Kunden in der Stadt sollten prüfen, ob es in ihrer Nähe eine Station gibt.

Mietwagen. Für lange Strecken und Urlaubsreisen sind Mietwagen oft die preisgünstigere Alternative. Vergleichsrechner mit den Tarifen vieler Autoverleiher stehen im Internet, zum Beispiel unter www.billiger-mietwagen.de oder unter www.mietwagenmarkt.de.

Weitere Informationen: www.test.de/carsharing

Dazu separat die Tabelle "Berlin und München – Beispiele für Car-sharing mit festen Stationen"