Partnerschaft
Warum kluge Ratgeber nicht glücklich machen
Mittwoch, 16. März 2011 12:20 - Von Michael MierschGute Tipps in Buchform gibt es für fast alles, sogar für Sex. Allerdings wird das Leben so zur Dauerbaustelle. Bei jedem noch so kleinen Problem, das dem perfekten Leben im Wege steht, beginnt die hektische Suche nach einer Gebrauchsanweisung. Doch glücklicher wird der Leser dennoch nicht.

Sollte sich der Streit am Strand dadurch schlichten lassen, lauert das nächste Problem: die Versöhnung. Zwischen Paaren wird sie häufig im Bett besiegelt. Aber wie funktioniert eine romantische Liebesnacht?
Auch dafür gibt es zahllose Ratschläge und Anleitungen, denn gerade die intimsten Momente sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Labyrinth der Erwartungen, Sehnsüchte und Wünsche. Und die Angst alles zu verpatzen ist groß. Irgendwann in den vergangenen zwei Jahrzehnten setzte sich aus dem Englischen kommend die Formulierung „Sex haben“ durch. Das Geschlechtsleben wurde zum sozialen Statussymbol, das man „hat“. Es folgte „guten Sex haben“. Der Leistungssportgedanke zog in die Betten ein.
So verwirrend sind Ratgeber
Urlaub und Liebe sind nur zwei Herausforderungen, für die Gefühl, gesunder Menschenverstand und Erfahrungswissen scheinbar nicht mehr ausreichen. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kommentierte das breite Angebot von Erziehungsratgebern, mit den Worten: „Meine Mutter hat das noch ganz ohne hinbekommen.“
Doch Müntefering ist Jahrgang 1944, da hatten Mütter andere Sorgen als „frühkindliches kreatives Lernen“. In der postmateriellen Wohlstandsgesellschaft reicht es nicht ein Kind groß zu ziehen. Es muss sein besonderes Kind sein, selbstbewusst, sozialkompetent und erfolgreich in Schule und Sport. Abweichungen vom geraden Weg zum Erfolgskind gelten als therapiebedürftig. In der Schule lernen Kinder „richtig essen“ und „Konfliktbewältigung in der Gruppe“. Als junge Erwachsene nehmen sie später die Optimierung ihrer selbst in die eigene Hand: im Fitnessstudio, beim Psychotherapeuten und immer häufiger auch beim Schönheitschirurgen. Das Leben wird zur Dauerbaustelle auf der stets gearbeitet wird: Beziehungsarbeit, Erziehungsarbeit, Körperarbeit, Trauerarbeit.
Gebrauchsanweisung für alle Lebenslagen
All dies wäre nicht weiter schlimm, wenn denn das Selbstdesign glücklicher und zufriedener machen würde. Das tut es aber in den meisten Fällen nicht. Die hektische Suche nach der perfekten Gebrauchsanweisung für den Alltag ist die Pervertierung des aufklärerischen Ideals vom lebenslangen Lernen. Die Schattenseite einer historisch erkämpften Freiheit des Individuums, das sein Schicksal nicht mehr als gegeben ansieht.
Zur Selbstverantwortung gehört auch die Angst, an sich selbst zu scheitern. Unser Leben liegt nicht mehr „in Gottes Hand“, wie es jahrtausendelang selbstverständlich war, sondern in den eigenen. Doch die sind zu schwach – und werden es auch bleiben – um die Titanen aus uns zu formen, die wir gern wären. Denn der Zufall lässt sich nicht durch kluge Ratgeber-Bücher entmachten.
Die plötzliche Krankheit, der Unfall, die unwiderstehliche Verführung oder einfach eine dumme Verspätung, und das Leben nimmt eine andere Abzweigung. Beruflicher Erfolg hat nur zum Teil mit guter Ausbildung, Können und Ehrgeiz zu tun – man muss auch im rechten Augenblick am richtigen Ort sein. Der Mensch, der an einem vorbei geht, könnte der ideale Lebenspartner gewesen sein. Wir werden es nie erfahren und können es nicht erzwingen. Der Zufall ist noch grausamer als Gott und man kann ihn nicht mal anklagen.
Allerdings ist es nicht allein die Freiheit, die die in den westlichen Ländern diese nervöse Suche nach dem perfekten Selbst und dem richtigen Leben ausgelöst hat. Denn diese Freiheit hatten wir schon bevor die Ratgeberindustrie anschwoll. Es zeigt sich darin auch die Verunsicherung, die der Staat anrichtet, wenn er private Lebensführung auf die politische Bühne zerrt. Wenn Ministerinnen meinen, sich um Frühstück und Fitness kümmern zu müssen, tragen sie dazu bei, dass die einfachsten Dinge des Lebens zum Fachgebiet für Experten werden. Der Gouvernantenstaat schürt die Verunsicherung.
Erschienen am 04.08.2009







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