Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
04.08.09

Partnerschaft

Warum kluge Ratgeber nicht glücklich machen

Gute Tipps in Buchform gibt es für fast alles, sogar für Sex. Allerdings wird das Leben so zur Dauerbaustelle. Bei jedem noch so kleinen Problem, das dem perfekten Leben im Wege steht, beginnt die hektische Suche nach einer Gebrauchsanweisung. Doch glücklicher wird der Leser dennoch nicht.

© dpa
Die meisten Ratgeber sind fragwürdig.

Bald sind die Ferien wieder vorbei und die Zurückkehrenden melden den Daheimgebliebenen ihren Erholungserfolg. Es war wie immer super an der Ostsee oder auf Mallorca. Ein misslungener Urlaub gehört zu den Peinlichkeiten, die man keinesfalls gestehen darf. Das passt jedoch nicht recht zusammen mit den Erfahrungen von Eheberatern. Sie berichten, dass die Ferien neben den Weihnachtstagen die Zeit der Ehedramen und Familienkräche sind. Die Überdosis Nähe überfordert viele. Vielleicht hilft ja "Streiten will gelernt sein – Die kleine Schule der fairen Kommunikation" für 9,90 Euro.

Sollte sich der Streit am Strand dadurch schlichten lassen, lauert das nächste Problem: die Versöhnung. Zwischen Paaren wird sie häufig im Bett besiegelt. Aber wie funktioniert eine romantische Liebesnacht?

Auch dafür gibt es zahllose Ratschläge und Anleitungen, denn gerade die intimsten Momente sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Labyrinth der Erwartungen, Sehnsüchte und Wünsche. Und die Angst alles zu verpatzen ist groß. Irgendwann in den vergangenen zwei Jahrzehnten setzte sich aus dem Englischen kommend die Formulierung "Sex haben" durch. Das Geschlechtsleben wurde zum sozialen Statussymbol, das man "hat". Es folgte "guten Sex haben". Der Leistungssportgedanke zog in die Betten ein.

So verwirrend sind Ratgeber

Urlaub und Liebe sind nur zwei Herausforderungen, für die Gefühl, gesunder Menschenverstand und Erfahrungswissen scheinbar nicht mehr ausreichen. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kommentierte das breite Angebot von Erziehungsratgebern, mit den Worten: "Meine Mutter hat das noch ganz ohne hinbekommen."

Doch Müntefering ist Jahrgang 1944, da hatten Mütter andere Sorgen als "frühkindliches kreatives Lernen". In der postmateriellen Wohlstandsgesellschaft reicht es nicht ein Kind groß zu ziehen. Es muss sein besonderes Kind sein, selbstbewusst, sozialkompetent und erfolgreich in Schule und Sport. Abweichungen vom geraden Weg zum Erfolgskind gelten als therapiebedürftig. In der Schule lernen Kinder "richtig essen" und "Konfliktbewältigung in der Gruppe". Als junge Erwachsene nehmen sie später die Optimierung ihrer selbst in die eigene Hand: im Fitnessstudio, beim Psychotherapeuten und immer häufiger auch beim Schönheitschirurgen. Das Leben wird zur Dauerbaustelle auf der stets gearbeitet wird: Beziehungsarbeit, Erziehungsarbeit, Körperarbeit, Trauerarbeit.

Gebrauchsanweisung für alle Lebenslagen

All dies wäre nicht weiter schlimm, wenn denn das Selbstdesign glücklicher und zufriedener machen würde. Das tut es aber in den meisten Fällen nicht. Die hektische Suche nach der perfekten Gebrauchsanweisung für den Alltag ist die Pervertierung des aufklärerischen Ideals vom lebenslangen Lernen. Die Schattenseite einer historisch erkämpften Freiheit des Individuums, das sein Schicksal nicht mehr als gegeben ansieht.

Zur Selbstverantwortung gehört auch die Angst, an sich selbst zu scheitern. Unser Leben liegt nicht mehr "in Gottes Hand", wie es jahrtausendelang selbstverständlich war, sondern in den eigenen. Doch die sind zu schwach – und werden es auch bleiben – um die Titanen aus uns zu formen, die wir gern wären. Denn der Zufall lässt sich nicht durch kluge Ratgeber-Bücher entmachten.

Die plötzliche Krankheit, der Unfall, die unwiderstehliche Verführung oder einfach eine dumme Verspätung, und das Leben nimmt eine andere Abzweigung. Beruflicher Erfolg hat nur zum Teil mit guter Ausbildung, Können und Ehrgeiz zu tun – man muss auch im rechten Augenblick am richtigen Ort sein. Der Mensch, der an einem vorbei geht, könnte der ideale Lebenspartner gewesen sein. Wir werden es nie erfahren und können es nicht erzwingen. Der Zufall ist noch grausamer als Gott und man kann ihn nicht mal anklagen.

Allerdings ist es nicht allein die Freiheit, die die in den westlichen Ländern diese nervöse Suche nach dem perfekten Selbst und dem richtigen Leben ausgelöst hat. Denn diese Freiheit hatten wir schon bevor die Ratgeberindustrie anschwoll. Es zeigt sich darin auch die Verunsicherung, die der Staat anrichtet, wenn er private Lebensführung auf die politische Bühne zerrt. Wenn Ministerinnen meinen, sich um Frühstück und Fitness kümmern zu müssen, tragen sie dazu bei, dass die einfachsten Dinge des Lebens zum Fachgebiet für Experten werden. Der Gouvernantenstaat schürt die Verunsicherung.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote