22.08.10

Teil 15

Schutzengel für den schweren Weg ins Leben

300 Jahre Spitzenmedizin in Berlin - die Serie. Heute - die Geburt. Die kleine Wende kommt mit einem Loch in der Bauchwand und einem Herzfehler zur Welt. Charité-Ärzte haben das Mädchen operiert. Bald darf es nach Hause.

Von Birgit Haas

Yvonne und Joost van Mameren sitzen in der Station für Neugeborene im Virchow-Klinikum der Charité in einem abgedunkelten Zimmer und sind einfach nur glücklich. Die jungen Eltern halten zum ersten Mal ihre Tochter Wende auf den Armen – obwohl die Geburt schon drei Wochen her ist. Yvonne van Mameren sitzt in einem riesigen Schaukelstuhl, vorsichtig hält sie ihr Kind an sich gedrückt, ihr Ehemann streichelt sanft das flaumige Köpfchen seiner Erstgeborenen.

Nicht, dass Wende zerbrechlich wirkt, sie ist mit einem Gewicht von fast 3000 Gramm ein normal schweres Neugeborenes. Doch Wende ist an ein Beatmungsgerät angeschlossen, ernährt wird sie über eine Magensonde und eine Infusion im Handgelenk. Um ihren Bauch ist ein dicker Verband gewickelt. Liegt das kleine Mädchen nicht in den Armen ihrer Eltern, ist sie im Wärmebettchen. Wende kam mit einem Loch in der Bauchwand zur Welt, einer sogenannten Omphalozele. Dabei entwickeln sich die inneren Organe vor der Geburt nicht im Bauch, sondern davor, und sind dabei nur durch etwas durchsichtige Nabelschnurhaut vom Fruchtwasser getrennt.

Schatten auf dem Ultraschall

Es war ein Schock, als Yvonne und Joost van Mameren Anfang Januar erfahren haben, dass ihr Baby mit einem Loch in der Bauchwand zur Welt kommen sollte. Die Schwangerschaft der in Berlin lebenden Holländerin war bis zu diesem Zeitpunkt normal verlaufen, es gab keine Komplikationen. Bis die Frauenärztin Anfang des vierten Schwangerschaftsmonats einen ungewöhnlichen Schatten auf dem Ultraschallbild entdeckte und die werdende Familie ins Diagnosezentrum für schwangere Frauen schickte. Dort wurden die Befürchtungen der Ärztin zur Gewissheit, Wende hatte ein Loch auf Höhe des Bauchnabels. "Wir waren völlig fertig, solch eine Nachricht ist niemandem zu wünschen", sagt der 33 Jahre alte Papa.

Das Baby wurde noch im Mutterleib weiteren Tests unterzogen, um genetische Krankheiten, wie etwa Trisomie auszuschließen. Dabei entdeckten die Ärzte eine weitere Fehlbildung: Wende hat auch ein Loch in der Herzwand. Noch eine schlimme Nachricht für die van Mamerens. Sie hätten die Schwangerschaft nun abbrechen können, obwohl sie schon über den dritten Monat hinausging. "Das war bei uns aber nie ein Thema, vor allem nach dem Termin mit den Ärzten der Charité", sagt die 33-jährige Mutter. Kurz nach der schrecklichen Diagnose saßen Yvonne und Joost van Mameren mit der Kinderchirurgin Professor Karin Rothe, dem Chefarzt der Neugeborenen-Station, Professor Christoph Bührer, und anderen Ärzten an einem Tisch. Die Ärzte beruhigten das Paar, erklärten, ihr Baby könne behandelt werden.

Und dass sie mit ihrem Problem nicht alleine seien. Bei drei bis vier Prozent aller Schwangerschaften werden unterschiedlich große Fehlbildungen der Kinder festgestellt, etwa die Hälfte davon muss medizinisch behandelt werden. "Rund 40 Prozent aller betroffenen Mütter brechen dann die Schwangerschaft ab", sagt Bührer. Doch in der Charité hatte nie jemand Zweifel, dass Wende geheilt werden könnte.

"Das war sehr beruhigend für uns", sagt Yvonne van Mameren. Dennoch ließen die beiden in ihrer Wohnung in Friedrichshain das Telefon oft klingeln und schotteten sich ab. "Die Fürsorge unserer Verwandten war zwar rührend, aber wir wollten nicht immer wieder das Gleiche erzählen müssen", sagt Joost van Mameren. Wie etwa, dass die Schwangere Angst hatte, dass der Bauch ihres Baby platzt, wenn sie sich viel bewegt. "Erst im März konnten wir die Schwangerschaft wieder genießen und uns halbwegs angstfrei auf unser erstes Kind freuen." Nachdem der erste Schreck verdaut war, ging Yvonne van Mameren sogar wieder arbeiten, in der niederländischen Botschaft in Berlin. "Die Ablenkung tat mir richtig gut."

Dann kam der 14. Juni, der Tag von Wendes Geburt. Das Mädchen wurde um neun Uhr per Kaiserschnitt zur Welt gebracht, 49 Zentimeter war sie groß. Sie kam sofort auf die Intensivstation. Noch in der Stunde ihrer Geburt wurde sie von Kinderchirurgin Karin Rothe untersucht. Leber, Milz und ein Teil des Darms waren nach außen gewachsen. Die Chirurgin stülpte zum Schutz eine Art Tüte über die Organe.

Als die junge Mutter ihre Tochter zum ersten Mal sah, lag Wende schon im Brutkasten, über ihrem Bauch eine aufgetürmte Mullbinde, die am Dach des Brutkastens aufgehängt war. Um sie herum lauter Schläuche und Geräte. Das Mädchen mit dem holländischen Vornamen lag auf dem Rücken, damit ihre Organe mithilfe der Schwerkraft langsam in die Bauchhöhle sinken. "Die ganzen Geräte waren nicht schlimm, ich bin froh, den offenen Bauch nicht gesehen zu haben", meint Yvonne van Mameren.

Eine Woche nach der Geburt war Wende bereit zur Operation. Karin Rothe platzierte die inneren Organe im Bauch und vernähte das Loch in der Bauchwandmuskulatur mit einem Hautersatz aus dem Herzbeutel eines Rindes. "Das ist ein flexibles und gut verträgliches Gewebe", sagt die Kinderchirurgin. Wendes Haut wurde darüber verschlossen. Nach der OP muss sie noch eine Bauchbinde tragen, die die Organe an ihren Platz schiebt und verhindert, dass die Wunde reißt.

Muttermilch per Sonde

Karin Rothe und ihr Team behandeln jährlich bis zu sieben Kinder mit einem offenen Bauch. "Wende war dabei noch einer der einfacheren Fälle, da das innere, dünne Häutchen um die Nabelschnur erhalten war", sagt die Ärztin.

Außer einer zickzackförmigen Narbe in Höhe des Bauchnabels und vielleicht einem leicht gewölbten Bauch wird Wende als junges Mädchen nichts mehr an ihren Geburtsfehler erinnern, sie wird sogar selbst irgendwann Kinder bekommen können.

Yvonne und Joost van Mameren sind erleichtert, dass sie und ihre Tochter das Schlimmste überstanden haben. Bald soll noch das Loch in der Herzwand operiert werden. Bis dahin genießen die beiden, ihre Tochter berühren zu können und so normale Dinge zu tun wie Wendes Windeln zu wechseln. "Manchmal sieht sie schon so aus, als würde sie lächeln", sagt Joost van Mameren. Vorsichtig bestreicht er den Mund seiner Tochter mit einem Tropfen Muttermilch. So soll Wendes Saugreflex auch während der Zeit künstlicher Ernährung aufrechterhalten werden. "Wir wollen sie damit auf den Geschmack bringen", meint er.

Über die Magensonde wird Wende bereits mit Muttermilch versorgt. Jedes Mal, wenn Yvonne van Mameren ihre Tochter in der Charité besucht, führt ihr erster Weg zur Milchküche. Hier pumpt sie ihre Muttermilch ab und füllt sie in kleine Fläschchen. Das sei die gesündeste und natürlichste Ernährung für ein Baby. Da Wende beatmet wird, hat sie keine Stimme. "Oft verzieht sie aber das Gesicht, und es sieht aus, als würde sie schreien", sagt die Mutter. Wegen der Röhre in Wendes Hals kommt kein Pieps aus ihr heraus. Yvonne und Joost van Mameren haben Wendes Stimme nur wenige Male hören können. "Bei der Geburt natürlich und vor einigen Tagen, als ihr Tubus gewechselt wurde."

In einigen Wochen werden die van Mamerens ihre Tochter mitnehmen dürfen in ihr Friedrichshainer Zuhause. Diesem Tag fiebern sie geradezu entgegen, auch wenn sie sich an die Betreuung in der Charité gewöhnt haben und ihr voll und ganz vertrauen. Aber der Moment, in dem sie ihre Tochter aus dem Wärmebettchen nehmen und in ihr eigenes Bettchen legen können - darauf freuen sie sich am meisten.

Alle Folgen der großen Charité-Serie online: www.morgenpost.de/charite

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