17.08.10

Teil 10

Schnelle Hilfe bei schmerzenden Gelenken

In der Charité werden künstliche Hüftgelenke mit dem minimalinvasiven Verfahren eingesetzt. Das beschleunigt den Heilungsprozess erheblich.

Christa Gröbl stützt sich schwer auf den Arm ihrer Schwester Brigitte Hernier, als sie in die orthopädische Station der Charité humpelt. Jeder Schritt auf dem Weg zum Tresen im 16. Stock des Charité-Hochhauses in Mitte schmerzt sie.

"Es ist die linke Hüfte", sagt Christa Gröbl mit gequältem Gesichtsausdruck. Seit einem Jahr sei das Gelenk kaputt, der Knorpel zwischen Oberschenkelkopf und Hüfte fast weg. Die 74-Jährige hat in den letzten Monaten nur noch selten ihre Wohnung in Lichtenrade verlassen können. "Spätestens nach 20 Minuten auf den Beinen konnte ich nicht mehr", sagt sie.

Das soll sich bald ändern, morgen soll ihr ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt werden, eine Prothese aus Titan und Kunststoff. "Ich habe keine Angst vor der Operation, ich kann es kaum erwarten, wieder schmerzfrei leben zu können", meint Christa Gröbl.

Am Anfang stehen Tests

Zunächst nimmt sich Stationsarzt Ufuk Sentürk der Patientin an. Der 31 Jahre alte Mediziner untersucht sie und testet, ob sich ihre Beweglichkeit seit der letzten Untersuchung vor einem Jahr verändert hat. Christa Gröbl wollte sich damals schon operieren lassen, doch dann hatte sie einen Hirnschlag - die Hüft-OP musste verschoben werden. Ufuk Sentürk bewegt das linke Bein seiner Patientin vorsichtig in alle Richtungen, doch das Bein macht kaum mit. Es ist, als wäre die Hüfte steif. "Das Gelenk ist aufgebraucht, deshalb ist es kaum noch beweglich", erklärt ihr der Arzt. Bevor die Patientin geröntgt wird, macht Sentürk noch einen Beinlängentest und untersucht den Zustand der Muskulatur.

Am Abend setzt sich der Orthopäde an den Schreibtisch und plant anhand der Röntgenaufnahmen die Größe der Prothese. Dazu werden die Aufnahmen um den Faktor 1:1,15 vergrößert und abgepaust. Nur so weiß der operierende Arzt, Professor Carsten Perka, welche Prothese er am nächsten Tag einsetzen muss. Da der Eingriff minimalinvasiv erfolgt, wird es nicht lange dauern, bis Christa Gröbl wieder laufen kann. Bei dieser neuen Operationsmethode wird der mittlere Gesäßmuskel nicht durchtrennt und muss nach der OP nicht wieder zusammenwachsen. "Wir sind in Deutschland eine der ersten Orthopädien, die diese Methode angewendet haben", sagt Carsten Perka.

Am nächsten Morgen liegt Christa Gröbl auf dem OP-Tisch, alles läuft nach Plan. Mit einer speziellen Technik ertastet Chefarzt Carsten Perka mit dem Mittelfinger die Lage der Hüftmuskel in der etwa zehn Zentimeter langen Wunde in Gröbls Hüfte. Einen Muskel verlagert er neben das Hüftgelenk, um freie Sicht auf den Oberschenkelkopf zu haben. Diesen gilt es nun zu durchtrennen. Das ist nichts für zimperliche Gemüter, der Orthopäde greift zur OP-Säge.

Im Gegensatz zu Kollegen aus anderen chirurgischen Abteilungen arbeitet Perka nicht nur mit Skalpell, Pinzette und anderen feinmechanischen Werkzeugen. Auf seinem Werkzeugtisch liegen Instrumente wie Bohrer, Hammer und Meißel - natürlich speziell für Chirurgen gefertigte, nicht die Werkzeuge für den Hausgebrauch. "Die Knochen sind eben der härteste Teil im menschlichen Körper, und ich brauche entsprechende Instrumente, um die bearbeiten zu können", sagt Perka.

Als er den Oberschenkelkopf aus der Wunde holt, ist an der schattigen Marmorierung deutlich zu erkennen, dass dort kaum noch Knorpelgewebe sitzt: Der Einsatz einer Hüftprothese ist bei Christa Gröbl überfällig. Also fräst Perka den Gelenkbereich der Hüfte aus, genau auf den Durchmesser von 48 Millimetern. Die Prothese, die er einsetzt, ist etwas größer, sodass sie nicht aus der Hüfte herausrutschen kann. "Da nutzen wir die Elastizität des Knochens", erläutert der Operateur.

In die sogenannte Pfanne montiert der 45 Jahre alte Arzt eine Einlage aus Polyethylen - quasi der Knorpelersatz. 20 Minuten nach Beginn des Eingriffs sitzt der obere Teil der Prothese schon in Christa Gröbls Hüfte. Die narkotisierte Patientin lächelt friedlich.

Ihr Kopf hinter dem Tuch, das über ihren Brustkorb gespannt ist, liegt in der sogenannten unsterilen Zone des Operationssaals. Der ist streng vom sterilen Bereich brustabwärts abgetrennt, bei orthopädischen Operationen sogar durch Glastüren. "Sterilität ist hier viel wichtiger als bei anderen chirurgischen Eingriffen", erklärt Professor Perka. Nichts darf Prothese und Wunde verunreinigen, sonst kann es zu Infektionen kommen, und die Patientin hätte große Schmerzen, müsste ein zweites Mal operiert werden.

Das Eckige muss ins Runde

Perka meißelt den Eingang zum Oberschenkelknochen auf, während sein Team die Raspel für den unteren Teil der Prothese herüberreicht. Das Eckige muss ins Runde, Perka klopft die rechteckige Raspel ins Knocheninnere und bringt einen Testkopf an. "Wenn der funktioniert, dann bringen wir zum Schluss den richtigen Kopf auf", erklärt er. Zunächst wird die Länge von Christa Gröbls Beinen verglichen. "Passt", meint der assistierende Arzt zu Carsten Perka. Dann wird das Bein mit der Prothese in alle Richtungen gedreht, damit ausgeschlossen werden kann, dass sich der Kopf irgendwann ausrenkt. Die Ärzte schauen sich zufrieden an: Test bestanden, die OP kann beendet werden.

"Vielleicht kann Christa Gröbl schon heute Nachmittag aufstehen", sagt Perka. Das hänge davon ab, wie gut die Patientin die Narkose verkraftet habe. Spätestens morgen wird Stationsarzt Sentürk die Patientin aus dem Bett scheuchen. "Das schmerzt dann vielleicht noch ein bisschen, ist aber notwendig, um die Prothese zu bewegen und zu untersuchen", sagt er. Schließlich soll Christa Gröbl spätestens in acht Tagen wieder alleine laufen, Treppen steigen, selbstständig die Toilette benutzen und zu Bett gehen können.

Dann wird sie die Charité wieder verlassen, und nach einem kurzen Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik will sie endlich das machen, was ihr im vergangenen Jahr am meisten gefehlt hat: reisen. "Ich besuche zuallererst eine Freundin in der Lüneburger Heide", sagt Christa Gröbl nach dem Aufwachen. Die habe ein ebenerdiges Haus. "Und dann gehe ich endlich wieder mit meiner Schwester und ihrem Mann wandern." Die muskelschonende minimalinvasive Operation hat sie regelrecht begeistert: "Was die Medizin heute bringt, ist der Wahnsinn."

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