05.02.06

Die Furchtlose

Hallo, ich bin Johanna, sagt sie und strahlt. Eigentlich schaut sie ja nur - mit leicht gesenktem Kopf und offenem Blick, von unten hinauf.

Von Petra Stuiber

Hallo, ich bin Johanna, sagt sie und strahlt. Eigentlich schaut sie ja nur - mit leicht gesenktem Kopf und offenem Blick, von unten hinauf. Der Kellner, der gar nicht gemeint ist, grüßt strahlend zurück.

"Wenn ihr strahlendes Lächeln plötzlich aufscheint und ihr Gesicht völlig beherrscht, dann lächelt das ganze Kino mit", schwärmte die TV-Zeitschrift "Hörzu" anläßlich der Premiere von "Barfuß", Til Schweigers Tragikomödie, in der Johanna Wokalek als verwirrte Leila Furore machte. Wie sie da mal zögerlich, mal zielstrebig ohne Schuhe durch den Film trappelt, sorgfältig, Zeh um Zeh, Ferse um Ferse, den Boden abtastend, gleichsam prüfend, eroberte die 30jährige Kinopublikum und Kinokritiker gleichermaßen.

Begeistert und fast verwundert registrierte man Wokaleks "enormes Talent", ihre "fast vollständige Hingabe", ihre "Intensität in jeder Hinsicht". Solch schmückende Attribute konnten nicht folgenlos bleiben: Sie wurde dieses Jahr schon als "beste Schauspielerin" für die Goldene Kamera nominiert, und die "European Film Promotion" (EFP) kürte die in Freiburg geborene Schauspielerin zum deutschen "Shooting Star" der diesjährigen Berlinale. Irgendwie komisch bei einer, die schon mit 21 Jahren festes Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters war, die für ihre Darstellung der "Rose Bernd" am Schauspiel Bonn den Alfred-Kerr-Darstellerpreis bekam, den Nestroy-Preis, den "Förderpreis Deutscher Film" und den Bayerischen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in dem modernen Heimatfilm "Hierankl".

Ob sie das mit dem Shooting Star seltsam findet? "Nein", sagt sie, rührt in ihrem Früchtetee und strahlt schon wieder, "Shooting Star bedeutet ja Sternschnuppe, und dieses Bild finde ich sehr schön. Wenn man Sternschnuppen sieht, darf man sich etwas wünschen."

Nur, daß sich Johanna Wokalek eigentlich gar nichts wünschen muß. Seit neun Jahren läuft für sie alles phantastisch. Souverän, spielerisch, fast im Vorbeigehen bekam sie exzellente Rollen - auf der Bühne, im Fernsehen und im Film. Als 21jährige spielte sie bei den Wiener Festwochen die junge Alma Mahler-Werfel in Joshua Sobols Stationen-Schauspiel "Alma - A Show Biz ans Ende". Die Aufführung wurde ein großer Erfolg - nicht zuletzt dank Regie-Exzentriker Paulus Manker, der den nach Alma verrückten Oskar Kokoschka spielte. Wie sich die beiden auf der Bühne mit totaler Hingabe liebten, haßten, beschuldigten, mit Eifersucht verfolgten und einander sexuell bekämpften, fesselte das Wiener Publikum. Als Wokalek dann auch noch nach einer Manker'schen Bühnen-Ohrfeige mit perforiertem Trommelfell aussetzen mußte, titelte die "Kronenzeitung" in großen Lettern: "Alma verletzt!" Eine Schlagzeile wie diese in Österreichs größtem Boulevardblatt ist ein sicherer Beweis, daß eine Schauspielerin ihr Publikum erobert hat.

Johanna Wokalek fühlt sich ihrerseits von Wien erobert: "In dieser Stadt ist eine Atmosphäre, die so viel an Kreativität ermöglicht." Vielleicht liegt das auch daran, daß man in Wien recht entspannt mit Berühmtheiten umgeht. So ziemlich alle Gäste in Wokaleks Lieblings-Kaffeehaus "Florianihof" scheinen den "Burg"-Star zu kennen oder zu erkennen. Man riskiert einen diskreten Blick in ihre Richtung - mehr ist nicht.

Eine begehrte Bühnengröße zu werden, ist nicht leicht im bühnengrößen-verwöhnten Wien, selbst, wenn man extra hierher kam, um am Max-Reinhardt-Seminar zu studieren. Viele machten das, viele absolvierten auch schon die Meisterklassen von Klaus-Maria Brandauer, aber nur wenige schossen so pfeilgerade in den Theaterhimmel wie Johanna Wokalek. Sie überzeugt nicht nur dadurch, wie sie steht, sich bewegt, wie sie schaut und lacht, wütet und weint - auch, was sie sagt und wie sie es sagt, ist besonders: Wokalek behandelt jedes Wort behutsam, jeden Satz so sorgsam, wie es ihm gebührt. "Das Schöne am Theater ist, daß es Momente gibt, wo die Wand wegfällt zwischen Bühne und Publikum, wo alles ein Atem wird." Diese Momente kann sie wie wenige schaffen - ob als Emilia Galotti, Seeräuber-Jenny in der "Dreigroschenoper", ob in "Hamlet" oder "Bunbury", in der "Möwe", "Don Carlos" oder als "Käthchen von Heilbronn". Oder vor einer Filmkamera, wie erstmals 1997 als Hausmädchen Ilse in "Aimée & Jaguar", 2002 in "Hierankl", 2004 als "Kirschenkönigin" im TV oder eben "Barfuß". Sie kann mehr als die meisten schönen, jungen Schauspielerinnen, da ist es kein Wunder, daß es für sie Preise regnet und daß sie bald schon ein Filmstar werden kann. Wenn sie will.

"Nein, das will ich gar nicht", sagt sie, zieht ihre Stirn kraus und schaut erschrocken, "so denke ich nicht." Auch die Preise seien zwar "schön, aber doch nicht die eigentliche Antriebsfeder für diesen Beruf". Sie schweigt, schaut konzentriert auf ihre Teetasse, dann auf ein Pop-Art-Gemälde an der Kaffeehauswand. Dieses scheint sie zu versöhnen, denn sie sagt zu dem Bild: "Ich finde das schön, wenn sich Menschen berührt fühlen durch meine Arbeit."

Sie will sich nicht entscheiden, ob Film oder Bühne. Sie will beides - wenn die Rollen stimmen. Sie mag "diese unterschiedliche Art der Konzentration" im Film und im Theater, sie mag es, wie die Kamera "einen hineinsaugt in ihre Welt". In "Barfuß" steht sie vor der Wohnung von Til Schweiger, die Kamera fixiert sie durch das Tür-Auge, und Johanna alias "Leila" geht so nahe ran wie sie nur kann, dreht sich, flirtet mit dem Auge, zieht sich wieder erschrocken zurück. Es sind jene Momente, die auch ihr Gesicht gleichsam "barfuß" erscheinen lassen.

Arbeiten wie jene mit Schweiger würde sie jederzeit wieder machen - aber sie will auch die Bühnen-Atmosphäre nicht missen. "Es hat etwas Familiäres, es entsteht ein besonderes Vertrauen", sagt sie. Über ihre eigene Familie daheim in Freiburg mag sie dagegen am liebsten gar nichts sagen. Man weiß, daß ihr Vater als Arzt in Freiburg im Breisgau arbeitet, daß sie Geschwister hat - allerdings nicht, wie viele und ob jünger oder älter - und daß daheim Pferde stehen, die Johanna seit der Kindheit reitet. Und obwohl sie nichts preisgeben mag, zeigt eine kleine Pferde-Plauderei doch viel von der Art, wie sie an die Dinge herangeht. Sie ist keine von diesen "Herren-Reiterinnen", die mal dieses, mal jenes Pferd ausprobieren. Sie mag eher "das eine, um das man sich kümmert und zu dem man eine Verbindung aufbaut". Was sie macht, macht sie eben ganz und gar - ob auf der Bühne, vor der Kamera oder sonstwo.

Der Eifer, oder fast schon die Ängstlichkeit, mit der sie ihre Integrität als Privatperson schützt, paßt oft nicht zu den Rollen, die sie spielt. "Jung forsch" sei sie, schrieb die "Süddeutsche" einmal, weil sie sich alles zutraut, alles macht - und dabei alles von sich herzugeben scheint. Sie ist von beeindruckender Furchtlosigkeit, wenn sie mit ihrer Darstellung die Extreme menschlicher Existenz durchmißt. "Man gibt einerseits alles, ist andererseits aber immer noch geschützt durch die Rolle", sagt sie.

Sie spielt ihre Rolle immer perfekt. Auch jetzt, im Kaffeehaus, als Interviewte. Sie sagt so viel so eindringlich, daß nur langsam sickert, daß die da eigentlich gar nichts erzählt - und schon gar nicht von sich. Man registriert es am Ende, seufzt innerlich und fand es dennoch nett, mit ihr zu plaudern.

Möglich, daß sie ihr Innerstes nie ganz preisgibt - und die Zuschauer spüren vielleicht, daß sie ihr Geheimnis aus Klugheit bewahrt. Auch das mag ein Teil jener Magie sein, der von der Schauspielerin Johanna Wokalek ausgeht. Hat sie Angst, daß der Berlinale-Rummel und die Folgen ihr dieses Geheimnis entreißen? Daß sie plötzlich als "öffentliche Person" ganz nackt dasteht? Nein - derartiges war noch nie Gegenstand ihrer Ängste: "Ich denke nicht, daß das passieren muß. Wenn man konzentriert ist auf das, was einem eigentlich wichtig ist, kann man auch im größten Rummel bei sich bleiben."

Sie erzählt vom ersten Mal, als sie ganz vorne auf der Bühne des Burgtheaters stand und in das Schwarz des Zuschauerraums blickte. Auf einmal nahm dieses Schwarz Gestalt an, und Zähne aus Hunderten von Zuschauer-Mündern funkelten wie Diamanten. Das hat sie "mit ungeheurer Freude erfüllt", sagt sie, Freude gegenüber diesem Beruf, dieser Bühne, dieser Stadt. "Hier ermöglicht man mir, daß ich tun kann, was ich tun muß."

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