21.04.10

Berlin 2020, Teil 4

Ideenschmiede für neue Technik

Natürlich hätte Maximilian Ahrens auch weiter für die Deutsche Telekom arbeiten können. Oder einen anderen großen Konzern. Leute wie er, Wirtschaftsingenieur mit Schwerpunkt Informatik, gelten als Prototyp des Hochqualifizierten, neudeutsch High Potenzial. Sie finden leicht gut bezahlte Jobs. Doch Ahrens, 30 Jahre alt, hat sich entschieden, es selbst zu versuchen.

Von Hans Evert

Seit zwei Jahren hat er seine eigene Softwarefirma in Berlin mit dem Kunstnamen Zimory. "Auf die Arbeit in einem großen Konzern habe ich keine Lust", sagt Ahrens.

Ahrens arbeitet in einer der schnellsten Branchen. Kaum irgendwo sind die Zyklen so kurz, ist die Welle neuer Technologien und Anwendungen so stark wie in der Informations- und Kommunikationsindustrie. Das Internet bringt in rasantem Tempo ständig neue Herausforderungen und Geschäftsmodelle hervor. Berlin ist bereits ein wichtiges Rädchen in diesem Getriebe. Jede der drei großen Unis hat bietet Informatik an, sechs Fraunhofer-Institute in der Stadt beackern diesem Feld. Doch noch sind es nur rund 26 000 Berliner denen diese Branche einen Arbeitsplatz bietet. Es schlummert noch ein Riesenpotenzial in der Stadt.

Ahrens' Firma hat ein kleines, noch unbesetztes Areal zum Geld verdienen aufgetan. Die rund 15 Angestellten erstellen Software, mit der sich die Kapazitäten von Servern besser steuern lassen. Diese Großrechner sind die Vorratskammern des Internets. Die Programm für alle möglichen Anwendungen sind auf ihnen hinterlegt. Je nachdem, wie viele Nutzer eine bestimmte Adresse im Netz nutzen, werden Serverkapazität stärker oder schwächer gebraucht. Die Software Zimory hilft dabei, die Rechenleistung der Server besser zu verteilen. "Das spart Unternehmen Geld", sagt Ahrens. Großunternehmen wie die Deutsche Post sind bereits Kunde der Berliner.

Erfolg in Nischen

In solchen Nischen sind zahlreiche Berliner Softwareunternehmen erfolgreich. Die PSI AG beispielsweise programmiert für Energieversorger, damit diese ihre Netze steuern können. Neofonie, die jüngst mit ihren Plänen für einen iPad-Widersacher für Wirbel sorgten, ist mit Suchsoftware für Medienunternehmen erfolgreich. Doch der ganz große Wurf fehlt noch in der Stadt.

Dafür bedarf es eines starken Impulses, raten die Spezialisten von McKinsey. Was der Stadt aus ihrer Sicht fehlt, ist eine Infrastruktur für rasend schnelle Internetverbindungen. Ein solches Netz auf Basis von Glasfasertechnologie, in dem die bis zu 1000 fache Menge an Daten durchsausen könnte, würde die Attraktivität des Standorts weiter erhöhen. Und es würde Firmen aus der Branche anlocken und neuen Geschäftsideen den Weg ebnen.

Eine große Ideenschmiede ist am Ernst-Reuter-Platz in einem Hochhaus beheimatet. Dort hat die Deutsche Telekom ihr Forschungs- und Entwicklungszentrum T-Labs angesiedelt. 180 Tüftler der Telekom forschen und entwickeln dort Anwendungen für die Zukunft. Zum Beispiel Bezahlen im Internet. Die Forscher der T-Labs haben eine Methode entwickelt, die das Eingeben von Kreditkartendaten beim Online-Shopping überflüssig machen könnte.

Dabei sind die Daten von Plastikgeld - EC- oder Kreditkarte - auf der SIM-Karte des Handys gespeichert. Zum Bezahlen muss man dann nur das Handy an einen Sensor halten. Der Computer erkennt die Daten, die Bezahlung ist abgewickelt. Schon Ende des Jahres, sagt Hermann Hartenthaler von den T-Labs, könne diese Technologie eingeführt werden.

"Die Dichte an Fachleuten ist in Berlin so dicht wie nirgendwo anders in Deutschland", sagt Peter Möckel, Leiter der T-Labs. Der gute Ruf der Stadt macht es leicht, Fachleute nach Berlin zu locken. Unlängst, erzählt Möckel, habe er einen Forscher, der aus Stanford nach Berlin kam, gefragt, warum er die weltberühmte US-Uni verlassen habe. "Na weil das hier Berlin ist", habe der Mann geantwortet und sich gewundert, warum überhaupt die Frage gestellt wurde.

Doch eine Einrichtung wie die T-Labs sind zu wenig für die Stadt. Forscher und Fachleute kommen in großen Mengen in die Stadt. Doch wenn es ans Geld verdienen geht, verlassen viele Berlin und gehen beispielsweise nach München, wo die Deutschlandabteilungen von Microsoft und Apple sitzen. " Es muss uns gelingen, noch mehr Neugründungen hier zum Laufen zu bringen", sagt Möckel.

Welche Möglichkeiten Informationstechnologien eröffnen, wird gerade auch am Flughafen Tegel geprobt. Intelligente Vernetzung und Computerprogramme sollen dort den Bodenbetrieb sicherer machen. "Durch Unfälle auf dem Flughafengelände entstehen pro Jahr Schäden von vier Milliarden Euro", sagt Martin Schipper von der Technologiestiftung Berlin (TSB). Die TSB koordiniert ein Forschungsprojekt namens AAS.

Projekt für den Flughafen

Elf Unternehmen, darunter Siemens und der Flughafendienstleister Globe Ground, wollen ein System etablieren. Dieses soll den Verkehr von Schlepp- und Gepäckfahrzeugen so koordinieren, dass es nicht zu Kollisionen kommt oder plötzlich ein Auto über die Landebahn irrlichtert. Am 1. Mai startet in Tegel der Probebetrieb mit zunächst 20 Fahrzeugen. "Wenn sich das in der Praxis bewährt, könnte es ein Exportschlager werden", sagt Schipper.

Es laufen zahlreiche solcher Projekte in der Stadt. Berlin hat durchaus schon etwas vorzuweisen. McKinsey glaubt, das bis zum Jahr 2020 die Wertschöpfung in der Branche von heute vier auf acht Milliarden Euro zulegen könnte. Dabei könnte bis zu 20 000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Allerdings sollte sich das Land nicht noch so eine Schlappe leisten wie mit dem kostenlosen W-Lan. Lange Zeit hatte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) dafür getrommelt, im der Innenstadt ein Funknetz zu installieren. Die Idee: Jeder kann mit seinem Handy oder Laptop kostenlos ins Internet mittels der W-Lan-Technologie. Dieses Vorhaben, als große Innovationsinitiative angekündigt, wurde Anfang des Jahres beerdigt. Das ehrgeizige Projekt scheiterte im Zuständigkeitsdschungel verschiedener Senatsbehörden. Angeblich war es nicht möglich, ausreichend Funksender an Laternen und Ampelmasten zu installieren.

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