Schiedsrichter beim Berlin Match Race
Auf der Suche nach den Fouls beim Segeln
Samstag, 7. November 2009 08:24 - Von Martina HerzogAls Zuschauer beim Berlin Match Race befand man sich stets in jenen Böen, die die Segler auf dem klirrend kalten Wannsee so eifrig suchten. Ein strahlender Herbsthimmel und leuchtende Wälder ringsum ergaben zwar eine perfekte Kulisse für das letzte Rennen des Jahres.
Doch Temperaturen unter zehn Grad waren, je nach Veranlagung, nur mit Glühwein oder heißer Begeisterung für den Segelsport zu ertragen - oder im beheizten Bauch zweier Begleitschiffe. Die meiste Zeit an der eisfrischen Luft verbrachten die stillen Helden des Rennens: die Schiedsrichter.Ohne Jury kein Rennen
Acht Unparteiische aus sieben Ländern, auf dem Wasser an ihren roten Anzügen zu erkennen, waren beim Berlin Match Race für Fouls und Fairness zuständig. Die Auswahl übernimmt die Internationale Segelvereinigung (ISAF). Ohne das Fachwissen und die Entscheidungsfreude der Jury wäre eine der konfliktträchtigen Match-Racing-Regatten gar nicht durchführbar.
Der Sport sei beinahe selbsterklärend, hatten die Veranstalter Verein Seglerhaus am Wannsee (VSaW) und Berliner Yacht Club (BYC) versprochen. Das ist nur bedingt richtig. Im Gegensatz zum eher unübersichtlichen "Fleet Race" treten hier zwar nur zwei Boote gegeneinander an. Und da die Yachten identisch sind, braucht man auch keine Umrechnungsformeln: Wer zuerst die Ziellinie überquert, siegt. Doch die Beobachtung dessen, was sich zwischen Start und Ziel abspielt, erfordert entweder bedingungslose Faszination oder, besser noch, Übersetzungshilfe. Die war zum Glück vorhanden: ZDF-Moderator Nils Kaben, unterstützt von Olympiateilnehmerin und VSaW-Mitglied Petra Niemann, erläuterte das Geschehen auf dem Wasser und die Entscheidungen der Jury.
Bei hitzigen Zweikämpfen schaltete der Moderator gern auf das Bordmikrofon der deutschen Teilnehmer. Und es wurde klar: Ein guter Skipper braucht nicht nur taktisches Geschick, sondern auch Stimme. Stefan Meisters "Protest"-Rufe bei engen Wendemanövern gingen durch Mark und Bein. Denn während die Jury ihre Beschlüsse über Flaggensignal mitteilt, können sich die Segler nur per Zuruf mit den Begleitfahrzeugen verständigen. Vier Boote waren meist im Blick der Zuschauer, zwei Paarungen zugleich auf der Strecke. Um den Überblick zu behalten, hielten sich die Schiedsrichter in ihren Schlauchbooten dicht an den Yachten. Beschwerden hagelt es, wenn der Gegner die Vorfahrt missachtet. Fahren die Boote so aufeinander zu, dass beim einen der Wind von rechts (steuerbord) kommt und beim anderen von links (backbord), dann muss, wer den Wind von links bekommt, ausweichen - eine Variante der Rechts-vor-links-Regel aus dem Straßenverkehr. Fahren aber zwei Boote in der gleichen Richtung nebeneinander und im spitzen Winkel aufeinander zu, dann muss das Boot, auf das der Wind zuerst trifft, dem Boot im Windschatten ausweichen: Lee darf vor Luv fahren.
Das Spiel mit diesen Regeln, das Ausbremsen des Gegners durch Erzwingen der Vorfahrt etwa, gehört zur Renntaktik - da sind Dispute vorprogrammiert. Entschieden wird noch auf der Stelle. Der Übeltäter wird in der Regel mit einem Kringel belegt, er muss einen Kreis fahren, manchmal sogar zwei. Je nach Schwere des Verstoßes muss der Kringel sofort oder auch zu einem frei wählbaren Zeitpunkt während des Rennens vollführt werden.
Im Zickzackkurs zum Ziel
Bei Segelregatten herrscht also Erklärungsbedarf, selbst beim Match Racing. Denn obwohl die Wendepunkte eines Laufes festgelegt sind: Der schnellste Weg dorthin liegt selten auf der Luftlinie. Die Yachten bewegen sich dicht aneinander, versuchen, einander den Wind aus den Segeln zu nehmen, verbeißen sich beinahe auf engem Raum, zwingen den Gegner aus der Bahn. Dann streben die Boote auseinander, nähern sich gegen den Wind im Zickzackkurs der Wendetonne, nehmen den kleinstmöglichen Kreis - Berührung verboten! - und gleiten mit geblähten Segeln den Kurs wieder hinunter.
"Wenn man mehr als 50 Prozent der Zeit an der richtigen Stelle ist, läuft es gut", umschrieb Björn Hansen die wechselvollen Winde auf dem Wannsee. Er selbst war offenbar die meiste Zeit genau dort: Der schwedische Weltranglisten-Achte fuhr den Sieg beim Berlin Match Race 2009 heraus. Dabei startete Hansen unter widrigen Bedingungen. Bis zum Montagabend sei er ohne Crew gewesen, berichtete er bei seiner Dankesrede auf dem Treppchen. Endlich habe er dann allerdings "die Besten zusammenbekommen". Die Zweitbesten hatte Mads Ebler im Boot. Der 26-jährige Däne und seine ebenfalls sehr jugendliche Crew unterlagen der skandinavischen Konkurrenz in einem packenden Finale.
"Segeln ist wie Rolltreppe fahren", fasste Petra Niemann an einer Stelle zusammen. "Wenn man zurückliegt, dann kann man nur hoffen, dass der Gegner einen Schritt zurück macht, sonst bleibt der Abstand gleich." Solch ein Fehler kostete Markus Wieser den Einzug ins Halbfinale. Der Wahlberliner, derzeit beim VSaW beheimatet, verlor ein Viertelfinalrennen am Sonntag durch Disqualifikation und konnte nicht mehr aufholen. Für ihn wurde es am Ende Platz drei, Ergebnis eines Sieges gegen den zweiten deutschen Teilnehmer Stefan Meister. "Wir waren unkonzentriert am Sonntagmorgen, sind nicht in den Rhythmus gekommen", sagte Wieser mit Enttäuschung in der Stimme. Und gab damit Moderator Kaben recht: "Beim Match Racing gibt es keinen Zweiten", hatte der während der Rennen gesagt. Wieser kann sich von seiner Niederlage bald in der Winterpause erholen. Die Jury aber reist weiter. Malaysia und Japan sind gerade mitten in der Match-Race-Saison.























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